Axel-Eggebrecht-Preis an Walter Filz, Günter-Eich-Preis 2021 an Paul Plamper

Weil wegen der Corona-Pandemie der Axel-Eggebrecht-Preis im vorigen Jahr nicht vergeben konnte, wurde er in diesem Jahr zusammen mit dem Günter-Eich-Preis verliehen. Die beiden mit je 10.000 Euro dotierten Auszeichnungen werden im jährlichen Wechsel von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgelobt und würdigen das Gesamtwerk eines Autors, der sich um das Hörfunkfeature bzw. das Hörspiel verdient gemacht hat. Am 13. Januar gab die Stiftung bekannt, wer in diesem Jahr die beiden Preisträger sind.

Walter Filz

Walter Filz. Bild: SWR/Monika Maier.

Der Axel-Eggebrecht-Preis 2021 geht an den 1959 in Köln geborenen Feature-Autor Walter Filz, der auch Leiter der Abteilung Radiokunst des Südwestrundfunks (SWR) ist. Die drei Jury-Mitglieder beim Axel-Eggebrecht-Preis waren die Schriftstellerin Linde Rotta, die WDR-Feature-Redakteurin Leslie Rosin und Ulrike Toma, Leiterin der NDR-Abteilung Radiokunst. Seinen Durchbruch feierte Walter Filz mit dem halbstündigen Feature „Wolfsmilch und Königswasser. Zur Ästhetisierung des Katzenfutters im ausgehenden 20. Jahrhundert“ (WDR 1990), das ihm beim Prix Futura 1991 den Äke-Blomström-Memorial-Award einbrachte. Es folgten Features über das Fernsehquiz („Der Kampf, der Mensch, seine Fragen und ihre Antworten“, WDR 1992), über die Sprachbeschleunigung auf Bühne, Bildschirm, Straße und T-Shirt („Red schneller, Liebling! oder die Zentrifugalkraft der Bedeutung“, WDR 1993), über eine Science-Fiction-Geschichte des sprechenden Computers („Das Reden der Rechner“, Deutschlandfunk 2004) und viele Arbeiten mehr.

Ausflüge ins Hörspiel unternahm Filz erstmals mit der „Lauschangreifer“-Trilogie (WDR 1997/98), die aus sinnentstellender, sprich: fiktionalisierender Montage vorgefundenen Materials besteht. Im Jahr 2001 erhielt er für das Stück „Pitcher“ den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Sein Dokumentarpassionsspiel „Pieta Piech“ (SWR 2013) wurde sogar szenisch auf den ARD-Hörspieltagen aufgeführt. Als letztes hat sich Walter Filz zusammen mit dem SWR-Essay-Redakteur Michael Lissek in zwei zehnteiligen Staffeln der Serie „Akte 88 — Die 1000 Leben des Adolf Hitler“ satirisch mit dem Phänomen Verschwörungstheorien auseinandergesetzt (SWR 2018/19, Kritik hier).

Die Begründung der Jury des Axel-Eggebrecht-Preises für Walter Filz

„Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“ – ist von Loriot. Die Einsicht, dass die Katze zur Einrichtung gehört, von Walter Filz: „Wenn ich mir eine schöne Wohnung einrichtet habe, will ich auch eine Katze haben, die etwas her macht“, Experten-Zitat im Filz-Werk.

Der gebürtige Kölner schafft akustische Analogien zur gesellschaftlichen Verfasstheit, ob in „Ach wär die Welt doch ganz vertuppert“ und „Zur Ästhetisierung des Katzenfutters im ausgehenden 20. Jahrhundert“. Sein Feature-Können, das er als freier Autor bewiesen hat, ist einzigartig, seine Beobachtungsgabe, sein Lästervergnügen sind es auch – sowie seine Kunst, aus einer Erkenntnis Pop zu machen und aus Pop ein Feature. Bei Filz wird die Sendung zum Mix aus Zeitreise und Partytalk. Was scheinbar als Lehrstunde startet, endet als Dance-Hit mit dem gewissen Extra. Irritationspotential inklusive.

Geleitet von seinem Humor und dem Mut, sich auf eine Aussage einzulassen und eine darauf fußende These feingliedrig und pompös, tiefsinnig und brüllend komisch zu explorieren, führt Filz den Gedanken an seine Grenze – bis die These mit den Mitteln des Radios im Akustischen explodiert. Bravourös.

Die Jury zeichnet ein Werk aus, das an Rhythmusgefühl, Überraschungsmomenten, Vitalität und Spiellust kaum zu übertreffen ist, und sie verbindet mit der Entscheidung einen Wunsch: nach mehr vielstimmigem Witz und himmelschreiendem Wagnis im Feature. Manchmal eben auch über die sensible Seele der Katze. Miau.

Update: Walter Filz im Dokublog (SWR).

Der Günter-Eich-Preis 2021

Paul Plamper

Paul Plamper. Bild. Inge Zimmermann.

Unter den 15 Nominierungen zeichete die Jury des Günter-Eich-Preises einstimmig den 1972 in Ulm geborenen Hörspielmacher Paul Plamper aus. Seit seinem Debüt „(schreibt auf. unsere haut.) – Projekt RAF“ (HR 1999) beschäftigt sich Plamper mit grenzüberschreitenden Formen des Hörspiels. In seinem Stück „TOP HIT leicht gemacht“ (WDR 2002) wurde ein Popsong komponiert, der es sogar in die Charts schaffte (Milton feat. Sky Sci Fire: „I Can See It in Your Eyes”). Plampers frühe Stücke, „noch geprägt vom in den 90ern tonangebenden ‚Pop-Hörspielʻ mit seiner Offenheit für Musik und akustische Konzepte, für Collage-Dramaturgien und materialästhetischen Neugier auf Texte und Sprechweisen, bestachen durch die Vehemenz des künstlerischen Anspruchs“, lobte die Jury. Deren Mitglieder waren der frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer, der ehemalige MDR-Hörspieldramaturg Thomas Fritz und ebenfalls Linde Rotta.

Paul Plamper, so die Jury in ihrer Begründung weiter, „wagte sich aus der Deckung geltender Konventionen und stellte alle Grundfragen noch einmal. Spätestens mit „Die Unmöglichen“ und „Ruhe 1″ – beide Stücke entstanden 2008 – entwickelte er so zusammen mit seinem Team und seinen Schauspielerinnen und Schauspielern ein Hörspiel, wie man es bis dahin noch nie gehört hatte. Organisiert wie eine Versuchsanordnung, die Gegenwart erforschen und sozialen Konturen und gesellschaftlichen Konfliktlagen nachspüren will, konfrontierten die Figuren, Szenen und Dialoge die Hörer mit situativer, unmittelbarer Mündlichkeit von einer geradezu schockierenden Alltagswahrheit.“

Die Hörspielfassung von Plampers auf Parallelität angelegter Hörinstallation „Ruhe 1“ im Kölner Museum Ludwig wurde 2009 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Der zweite Teil seiner „Ruhe“-Trilogie, „Tacet“, wurde mit dem Prix-Europa 2011 ausgezeichnet. „Stille Nacht (Ruhe 3)“ wurde im Dezember 2013 zum Hörspiel des Monats gewählt.

Paul Plamper begibt sich für seine Produktionen immer wieder in den öffentlichen Raum und manchmal werden sie auch dort aufgeführt, wie sein Hörspielparcours „Der Kauf“ (WDR/BR/ Deutschlandradio Kultur/Schauspiel Köln), der auf verschiedenen Brachen deutscher Großstädte (Köln, München, Berlin) aufgeführt wurde und durch den sich die Hörer mit MP3-Playern und Kopfhören frei bewegen konnten, wie sie sich auch schon an den Tischen der Cafehaus-Installation von „Ruhe 1“ ihren eigenen Weg durch das Hörspiel suchen mussten. Sämtliche Werke von Paul Plamper verstauben nicht in den Archiven der ARD, sondern sind – wie auch die Hörspiele von Schorsch Kamerun und die der Gruppe Rimini Protokoll – auf der von Plamper begründeten Plattform www.hoerspielpark.de erhältlich.

Begründung der Jury des Günter-Eich-Preises für Paul Plamper

Ursprünglich vom Theater kommend, arbeitet der in Berlin ansässige Autor und Regisseur Paul Plamper seit gut zwei Jahrzehnten fast ausschließlich fürs Hörspiel (beziehungsweise für seine damit einhergehenden Installationen im öffentlichen Raum). Bereits seine frühen Stücke, noch geprägt vom in den 90ern tonangebenden „Pop-Hörspiel“ mit seiner Offenheit für Musik und akustische Konzepte, für Collage-Dramaturgien und materialästhetischen Neugier auf Texte und Sprechweisen, bestachen durch die Vehemenz des künstlerischen Anspruchs, wie er sich für ihn ergab aus der Komplett-Verantwortung für hochkomplexe, Literatur, Schauspiel, Musik integrierende Radiokunst. So sorgten sie von Anfang an für Aufmerksamkeit, fanden Anerkennung und wurden mit Preisen bedacht.

Und doch ist das genuine, das Medium fordernde und inspirierende Werk Paul Plampers erst entstanden, als er ungeachtet früher Erfolge dazu ansetzte, das Hörspiel gleichsam zum zweiten Mal zu erfinden. Er wagte sich aus der Deckung geltender Konventionen und stellte alle Grundfragen noch einmal. Spätestens mit „Die Unmöglichen“ und „Ruhe 1“ – beide Stücke entstanden 2008 – entwickelte er so zusammen mit seinem Team und seinen Schauspielerinnen und Schauspielern ein Hörspiel, wie man es bis dahin noch nie gehört hatte. Organisiert wie eine Versuchsanordnung, die Gegenwart erforschen und sozialen Konturen und gesellschaftlichen Konfliktlagen nachspüren will, konfrontierten die Figuren, Szenen und Dialoge die Hörer mit situativer, unmittelbarer Mündlichkeit von einer geradezu schockierenden Alltagswahrheit. Dieser direkte Ton, der jedes gesprochene Wort sich mit Unausgesprochenem, verschwiegenem Untertext tränken lässt, war schon oft versucht worden, doch erst jetzt schienen Studio, Pulte und Manuskriptseiten verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.

Zu Plampers Entdeckungen gehört seine ungewöhnliche, keinen Aufwand scheuende Arbeitsweise und Aufnahmetechnik – oft an Originalschauplätzen, gestützt auf genau kalkulierte Improvisation –, basierend auf einer Art von absolutem Gehör für authentische Äußerungen. Doch erweist sich das Potential dieser Neuerungen längst nicht nur in ästhetischem Eigensinn und Perfektionismus. Was nach Machart aussieht, legitimiert sich gerade nicht durch formale Raffinesse, sondern den Sinn für Inhalte, motiviert durch soziale Teilhabe und Anteilnahme. Innovativ in der Herangehensweise, hat er ganz altmodisch den Menschen wieder ins Zentrum gerückt. So ermöglichen seine Hörspiele die überraschende, aufschlussreiche Nähe, indem sie sie aus scharf gezeichneten, scheinbar übereindeutigen Physiognomien entstehen lassen. Gewissheiten lösen sich auf wie Vorurteile. Das Hören beginnt, wie jede Wahrnehmung, immer wieder von vorn.

Update: Paul Plamper im Dokublog (SWR).

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 3-4/2021

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