Himmel Hörspiel – Themenheft Neue Rundschau 3/2019

 Neue Rundschau 2019 H. 3 Himmel HörspielNeue Rundschau 2019/3 Himmel Hörspiel. Herausgegeben von Michael Lentz. 304 Seiten, 17 Euro, ISSN 978-3-10-809119-4.
Erschienen am 30. September 2019.
Fristet das Hörspiel nur noch eine geduldete Randexistenz? Was reizt HörspielmacherInnen heute am Hörspiel? Gibt es ein neues Hörspiel? In dieser von Michael Lentz herausgegebenen Neue Rundschau berichten HörspielmacherInnen aus ihrer Praxis, über ihre Vorstellungen von einem idealen Hörspiel und fragen nach den Möglichkeiten und der Relevanz einer zeitgenössischen Hörspieltheorie. Auch das Spannungsverhältnis von Hörspiel, Radio-Kunst und Literatur soll neu beleuchtet werden.
Ästhetik und gesellschaftliche Relevanz des Hörspiels sind seit Ende der siebziger Jahre nicht mehr auf breiterer Ebene diskutiert worden. Dieses Themenheft zum Hörspiel versteht sich als Einladung, über Modalitäten und Erscheinungsformen des zeitgenössischen Hörspiels nachzudenken.

INHALT

  • Michael Lentz: Das Hörspiel als partisanische Praxis. Editorial
  • Katarina Agathos: Hörspiel-Manifest. Fragment 1
  • Andreas Ammer: »You ain’t heard nothing yet!« 10 Etüden zum Hörspiel samt Fußnoten
  • Ulrich Bassenge: Hoerspiel my ass. Eine Geschichte der Verachtung
  • FALKNER: Manifest 54 – Fordernd. Liebend. Wissend um all den Schmutz
  • Hartmut Geerken: störungsfreie Symmetrie kann gefährlich werden. terror lässt keinen anderen blickwinkel zu. (eine art hörspiel in meinem kopf. ein art hörspiel)
  • Gunnar Geisse: Über die Arbeit mit Hörspielmusik. Gedanken, Erinnerungskizzen und ein paar Fragen
  • Ulrike Haage: (Eigen)Sinnigkeiten in der Welt der Klänge
  • Lara Hampe: Sie sehen: Sie hören. Möglichkeiten des Hörspiels im Moment seiner Unheimlichkeit
  • Simon Kalus: Rahmenbestimmende Handlungsanweisungen für ein Hörspiel
  • Herbert Kapfer: Diskursmedium. Das Radio und weitere Aussichten
  • Marcus Klugmann: Erste Vorstellung für ein Hörspiel
  • Sabine Küchler: Ein offenes Ohr für den Ton der Welt
  • Jochen Meißner: Vorsätzliche Grenzüberschreitungen. Subversion im Hörspiel
  • Michaela Melián: Arbeiten für das Radio / Arbeiten mit dem Radio
  • Franz Mon: hör spiel pur
  • Paul Plamper: Einige Notizen aus der Arbeit 1999-2019
  • Kathrin Röggla: Im schalltoten Raum
  • Dominik Schuppich: HÖRSPIEL grundnormen
  • Sophia Siebert: Aufnahmezustand als Ausnahmezustand. Ausnahmezustand Hörspiel
  • Jasper Westhaus: Operieren um die Leerstellen. Vorschlägef für ein Hörspiel im Post-Digitalen

LYRIKRADAR

  • Lisel Müller: Gedichte
  • Marcus Roloff: familienalbum
  • Ron Padgett: Gedichte

MOBY-DICK

  • Nicolas Pethes: Kapitel zo: All Astir
  • Ethel Matala de Mazza: Kapitel 22: Merry Christmas!
  • Armin Schäfer: Kapitel 23: The Lee Shore

UNVOLLENDETES

  • Thomas von Steinaecker: Das unabsichtlich unvollendete Kunstwerk
    Paare – Die letzten Gemälde Gustav Klimts und Egon Schieles

CARTE BLANCHE

  • INTEResse: Ein interkulturelles Literaturprojekt
  • Nather Henafe Alali: Brief an eine Unbekannte
  • Maria Cecilia Barbetta: Der Gang der Dinge
  • Jan Snela: Strimmer oder Die Lichtung des Seins
  • Liu Xia im Gespräch mit Ai Weiwei und Perry Link: »Alles, was ich tue, ist flüchten, flüchten, flüchten«

Die Autorinnen und Autoren

BEILAGE

  • Katerina Poladjan: Ankleben verboten!
    Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen

 

Das Hörspiel als partisanische Praxis

Editorial von Michael Lentz

Ästhetik und Relevanz des Hörspiels sind seit Anfang der achtziger Jahre nicht mehr auf breiterer Ebene diskutiert worden. Fristet das Hörspiel nur noch eine geduldete Randexistenz? Was reizt Hörspielmacherinnen heute am Hörspiel? Gibt es ein neues Neues Hörspiel? HörspielmacherInnen berichten aus ihrer Praxis, entwerfen ein ideales Hörspiel, denken über Modalitäten und Erscheinungsformen dieser auditiven Gattung nach und fragen nach den Voraussetzungen einer zeitgenössischen Hörspieltheorie. Auch das Spannungsverhältnis von Hörspiel, Klangkunst, Musik, Literatur, bildender Kunst und neuer Medien wird neu beleuchtet.

Das Hörspiel als hochintegrativen Allesverwurster und Einverleiber, als metamorphotischen Allesklau und bewusstseinserweiternden Spaß-und Gewaltbeutel lanciert Katarina Agathos.

»Das Hörspiel ist die freieste aller Kunstgattungen«, sagt Andreas Ammer in seinen medienästhetischen und -politischen Umkreisungen der Frage, was ein Hörspiel sei, die empirisch neben historischen Beispielen immer wieder auch seine eigenen Hörspielarbeiten einbeziehen.

Das Hörspiel sitzt nicht zwischen den Stühlen von Literatur, Musik und zugewiesener Dienstleistung. Es sitzt auf seinem eigenen Stuhl: Ulrich Bassenge versteht Hörspiel als Klangkunst in Abgrenzung zu allen bis in die Gegenwart reichenden Versuchen, es als Literatur zu kanonisieren. Seine Polemik gegen die »Afterindustrie des Hörbuchs« und seine 8-Punkte-Proklamation des Original-Hörspiels fordern zu kreativen Reaktionen auf.

»Hingabe. Damit fängt alles an. Alles« und »Dem Überschwang verpflichtet« heißt es unter anderem in Michaela Falkners Manifest 54 — eine autofiktionale Liste imaginärer Hörkunst, die »FALKNER« zu einer projektiven Kunstfigur macht, und eine Anstiftung zu einem nie gehörten Hörspiel.

Wider das kulturelle Mainstreaming und seine/die »umweltverschmutzung des innenohrs« setzt Hartmut Geerken seine Ästhetik des Hörspiels als erforschende »kunstform«, wie er sie in seinen eigenen »sprechspielen«, »sprechstücken«, »radiomelodramen«, Musik einbeziehenden Hörspielaktionen und akustischen Environments entwickelt hat. Sein Text ist hinter die Kulissen blickender Werkstattbericht und Organon für HörspielmacherInnen zugleich.

Schildert Gunnar Geisse die konzeptuellen Produktionsprozesse seiner Hörspielmusik auch in Interrelation zu den stimmlichen bzw. textlichen Anteilen der jeweiligen Hörspiele, so gibt Sophia Siebert Einblicke in ihre Arbeit als Hörspielsprecherin im Spannungsfeld von Text, Stimme und Regie mit Ausblick auf eigene Hörspielprojekte.

Begleitumstände der eigenen Hörspielproduktionen, textliche Vorlieben und das Verhältnis von Sprache und Musik sind Themen in Ulrike Haages Beitrag über den »imaginären Ausflug«, den sie in ihren Hörstücken unternimmt.

Wo ist das Hörspiel, welche Sprache und welches Sprechen spricht es, welche Kommunikationsformen macht es sich zu eigen, auf welchen Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit artikuliert es sich, und wie kann man das Hören sehen, fragt Lara Hampe und zeigt, auch im historischen Rückgriff (Bertolt Brecht, H. G. Wells), dass Hörspielgeschichte immer auch Mediengeschichte ist.

Simon Kalus und Marcus Klugmann liefern Bausteine für ein zu realisierendes Hörspiel, konzeptuelle Überlegungen gehen über in Regieanweisungen, Materialaufstellungen und Skizzen zu einer differenzierten Ästhetik der Stimme(n).

Die Aufgaben, Möglichkeiten und ästhetischen Dispositionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der digitalen Gegenwart, auch im Rückblick auf die historische Deckungsgleichheit von Kunst- und Technologieexperimenten in »Pionierzeiten« (Brecht, Döblin, Flesch, Hardt, Braun u. a.), beleuchtet Herbert Kapfer und kommt zu einem ernüchternden Fazit: »Das Radio könnte künstlerischen Formen einen großen Stellenwert einräumen, aber das Gegenteil ist der Fall: Zu verzeichnen ist Schwund. Der Rundfunk leidet unter Gedächtnisschwund, ist dabei, seine eigenen Qualitäten zu vergessen.«

Ihre akustische Autobiographie Radio spielen, in die markante Stationen der Hörspielgeschichte und der akustischen Kunst einverwoben sind (Kurt Weill, John Cage, Mauricio Kagel, Dylan Thomas), erzählt Sabine Küchler. Ihre Invektive gegen »Hörspielbearbeitungen populärer Romane, die jetzt allüberall zum Weghören produziert werden«, gemahnt an den Status des Hörspiels als »die einzige Kunstform, die das Massenmedium Radio hervorgebracht hat«.

Der Geschichte der Subversion im Hörspiel auch anhand ihrer militärischen Begriffsgeschichte geht Jochen Meißner in seinem Beitrag nach. Hans Flesch mit Zauberei auf dem Sender als ein frühes metaleptisches und Medientransfer-Hörspiel — Flesch entwirft darin die Vorstellung eines »Funkzuschauers« — trifft bei Meißner auf die Gegenwart der Hörspielarbeit Schorsch Kameruns. Subversiv war auch das Aktions-Hörspiel Wolf Vostells, das die Zuhörer zu Interaktionen einlud, oder das frühe Lowtech- und Lowculture-Hörspiel Michael Glasmeiers, um zwei weitere Namen aus dem reichen Subversionskaleidoskop der speziellen Hörspielgeschichte Jochen Meißners zu nennen, die auch von einer Subversion der Subversion zu berichten weiß, vor allem in Abgrenzung zum politischen Protest.

Ihre medienästhetisch grenzüberschreitende Hörspielarbeit als Klangraum-Inszenierungen reflektiert Michaela Melián im Hinblick auf ihre »partisanische Praxis«, »den Ausstellungsraum — den öffentlichen Raum — den medialen Raum — den virtuellen Raum vorübergehend einzunehmen und ästhetisch zu besetzen«.

Akusmatische Hörkunst, ein Hören des Hörens, realisiert Franz Mon mit seinen in Zusammenarbeit mit Mark Schreiber ausgestellten Klanginstallationen: Wandelhörspiele begehbarer Räume, die den Hörer zum Beteiligten machen, ein »Haus des Ohres«, das ganz aus Raumklängen und Klangräumen gebaut ist. Die Hörsituation überbiete »die akustischen Möglichkeiten eines klassischen Hörspiels — es ist Hörspiel pur«, so Franz Mon.

Werkstattjahresbuchausschnitte musikalischer und hörspielpraktischer Erinnerung hat Paul Plamper in seinen zwanzig Jahre des Hörens, Lesens, Produzierens umfassenden Notizen zusammengetragen, die en passant eine ästhetische Selbstverständigung, ein Abklopfen des Machbaren zwischen Kontrolle und »Un-Kontrolle«, Wirkungsästhetik und Unvollständigem, Fiktion und Wirklichkeit liefern. »So etwas wie Realismus geht eigentlich gar nicht. Zeit ist der Hemmschuh dabei.« — dagegen »Die Schwebe behaupten« sehr wohl.

»Paralleluniversen, Zugleichschaltungen, Parallelsituationen, Simultaneitäten« lauten die ästhetischen Chiffren der Rede Kathrin Rögglas – eines den Hörer unmittelbar adressierenden Metahörspiels über das Verfertigen eines Hörspiels, über die Produktion grundierende Medienmentalität und Medienpolitik, einer Philippika gegen eindimensionale Zeitgenossenschaft »in diesen hörspielfernen Zeiten«, die das Hörspiel als »reinste Praxis des Nichtrechthabens« und als ästhetische Organisation der Dinge so nötig hätten.

»Hörspiele waren die Einstiegsdroge in die Literatur«, schreibt Dominik Schuppich in seiner »kleine(n) ›Audio-Biographie‹«, die in ein so gewitztes wie stichhaltiges Manifest des zeitgenössischen Hörspiels mündet.

Ein neues Horoskop stellt Jasper Westhaus dem Hörspiel aus. Intermedialität, Transversalität und Medienkonkurrenz heißen seine zentralen Stichworte: »Hörspiel kann visueller, interaktiver, taktiler werden. Um weiterhin als solches rezipiert zu werden, darf es allerdings — bei allen Veränderungen — nicht sein auditives Primat verlieren.« Das Primat des Auditiven ist die in der Geschichte des Hörspiels oft genug hintangestellte Zielvorgabe, die mit allen ästhetischen Konsequenzen zu realisieren ist, wie sie in den vorliegenden Positionsbestimmungen des zeitgenössischen Hörspiels aufgezeigt werden.

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