Ein Petitesse und viel Prekäres. Das Hörspieljahr 2021

epd Seit 45 Jahren wählt eine jährlich wechselnde Jury im Auftrag der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste das Hörspiel des Monats. Seit 1987 wählt dieselbe Jury aus den 12 Hörspielen des Monats zusätzlich das Hörspiel des Jahres. Bisher wurde diese nicht dotierte Auszeichnung gewöhnlich im Literaturhaus Frankfurt vergeben. In diesem Jahr fand die Preisverleihung am 25. Februar im Rahmen der jährlichen Hörspielgala beim Österreichischen Rundfunk (ORF) in Wien statt und wurde auf der Kulturwelle Ö1 übertragen. In den kommenden Jahren soll die Veranstaltung bei den jeweils gastgebenden Rundfunkanstalten stattfinden, die auch die drei Juroren vorschlagen. Im Jahr 2021 war der ORF der gastgebende Sender, die Wiener Jury bestand aus der Kulturjournalistin Margarete Affenzeller, der Film- und Medienwissenschaftlerin Christine Ehardt und dem Komponisten und Musiker Florian Kmet.

Die WDR-Produktion „Nagelneu“ ist nun also Hörspiel des Jahres 2021 (epd 6/22), das bemerkenswerteste Stück des Jahrgangs. Das Hörspiel basiert auf einer Performance in einem Nagelstudio, die das Autorenduo Hendrik Quast und Maika Knoblich bereits 2016 in den Berliner Sophiensaelen installiert hatte. Hendrik Quast hat dafür mehrere Fortbildungen zum „Naildesigner“ gemacht und darf sich laut Abschlusszertifikat nun „Nagelkünstler“ nennen. Quast und Knoblich, die beideam Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert haben,  haben mit ihrem ähnlich gebauten Blumenbindestück „Trauer tragen“ (WDR 2012) die Begräbnisfloristik auf die Bühne und ins Hörspiel gebracht.

Der Jury gefiel an „Nagelneu“ die Klanggestaltung als „Tableau vivant“, die den Hörer förmlich in ein radiophones Kosmetikstudio hineinziehe. Sie lobte die Subtilität der Raumakustik und dass „nicht nur an den Oberflächen von Nägeln gefeilt, sondern auch an stereotypen Geschlechterrollen und Klischeebildern gekratzt“ werde. Man braucht schon einen sehr auf Subtilitäten trainierten Wahrnehmungsapparat, um aus dieser nur 31 Minuten langen Petitesse das kritische Potenzial herauszuhören.

Die Hiobsbotschafterin

Ein weniger fein gestimmtes Ohr brauchte man beim Hörspiel des Monats Oktober, der achtteiligen Krimiserie „Alice“ von Feo Frank (DLF Kultur, Kritik hier) – dafür wurde das Hirn mehr herausgefordert. Hier geht es um eine sogenannte Hiobsbotschafterin, die gegen eine entsprechende Honorierung schlechte Nachrichten überbringt, Trennungsgespräche führt, Entlassungen vornimmt oder auch mal – und das ist nicht der einzige schräge Twist – von ihrem vermeintlichen Opfer selbst gebucht wird. Da wird die Dienstleistung, die Frauen sonst in der Regel umsonst erbringen, nämlich Trost spenden, plötzlich zu einem Phänomen der Prostitution. Wie Wirklichkeit durch Kommunikation konstruiert, manipuliert und rezipiert wird, konnte man an diesem herausragenden Stück hören. Die Schrecken des Realen jenseits des Kommunikativen konnte man im Hörspiel des Monats September in der bereits zweiten Hörspielfassung des Romans „Das große Heft“ (DLF/HR/SRF) der ungarischschweizerischen Schriftstellerin Ágota Kristóf hören. 1989 hatte den Text Heinz Hostnig realisiert, 2021 war es der Schweizer Regisseur Erik Altorfer. Mit Libgart Schwarz in der Rolle der Großmutter, die ihre Zwillingsenkel einem gnadenlosen Abhärtungsprozess unterzieht,

Unglücklicherweise wurde im gleichen Monat auch die Soundcollage „Selbstbeschreibung“ (HR) urgesendet, die sich mit einer lobenden Erwähnung begnügen musste. Der Hörspielmacher Oliver Augst hat zusammen mit dem bildenden Künstler, Maler und Grafiker Michael Riedel unter dem Einsatz mehrerer synthetischer Stimmen eine gewitzte Selbstbeschreibung des „Betriebssystems Kunst“ gemacht, wobei das „Selbst“, das sich hier beschreiben soll, wohl die Schrift selbst ist. Nicht nur Oliver Augst kennt sich mit der Transposition bildnerischer Werke ins akustische Medium aus.

Auch Heiner Goebbels, der 15 Jahre nach seinem letzten Hörspiel wieder einmal ein Stück für das Radio produziert hat, hat sich mit dem Werk eines bildenden Künstlers auseinandergesetzt. „Gegenwärtig lebe ich allein“ (SWR, DLF Kultur, Kritik hier) heißt sein Hörstück in neun Bildern nach Texten des Malers Henri Michaux. Goebbels weiß von seinen musiktheatralischen Inszenierungen, in welchem Spannungsverhältnis die visuelle und die akustische Bühne stehen und wie man im Akustischen das Gestische der Malerei Michaux’ inszeniert. Goebbels’ Stück war im Januar 2021 direkter Konkurrent von „Nagelneu“. Auch das als Film, Webinstallation und Hörspiel konzipierte trimediale Projekt „Hiobs Verstummen“ (SWR) des Medienkünstlers Christoph Korn hatte keine Chance auf die Auszeichnung am Jahresende. In dem Stück wird die biblische Figur, furios gesprochen von Caroline Junghanns, einem fortlaufenden Löschprozess ausgesetzt, bis am Ende nichts mehr von dem Stück übrigbleibt.

Wenn in den öffentlich-rechtlichen Anstalten von Trimedialität die Rede ist, dann geht es in der Regel um Arbeitsverdichtung, wenn Journalisten und Autoren die Kanäle Text, Ton und Bild gleichzeitig bespielen sollen. Beim Text gibt es allerdings seit 2021 etwas weniger zu tun, denn das Hörspiel ist in den vergangenen Jahren auch durch die Abschaffung der Hörspielbroschüren beim NDR und beim SWR wieder etwas weniger wahrnehmbar geworden. Nur der Bayerische Rundfunk und der Saarländische Rundfunk drucken noch tapfer ihre Halbjahresbroschüren. Für alle anderen Informationen muss man sich durch die Online-Angebote der Sender quälen oder ihre Newsletter bestellen,

Für das Hörspiel des Monats haben die 13 teilnehmenden deutschsprachigen Sender insgesamt 105 Hörspiele eingereicht. Theoretisch könnten es in den zwölf Monaten insgesamt (13 Sender x 12 Monate) 156 Stücke sein, doch die Zahlen der Hörspielproduktionen stagniert seit Jahren, und mehrere Landesrundfunkanstalten produzieren nicht einmal mehr ein neues Stück im Monat. Nach den Zahlen des Deutschen Rundfunkarchivs wurden 2020 von allen Landesrundfunkanstalten und von Deutschlandradio 502 Stücke produziert, 2005 waren es 743, und 1990 waren es noch 964 (inklusive 226 Produktionen des Rundfunks der DDR).

Das Hörspieljahr 2021 war das zweite Jahr der Corona- Pandemie, in den Sendern galten über viele Monate Hygiene-Einschränkungen, die auch die Hörspielproduktion trafen. Der Trend zum auditiven Erzählen, der sich beispielsweise beim Berliner Hörspielfestival für das freie Hörspiel daran zeigte, dass 40 Prozent mehr Stücke eingereicht wurden als 2020, scheint an den Sendeanstalten vorbeizugehen.

In der ARD-Audiothek, die 2021 eine behutsame Modernisierung erfahren hat, sind Hörspiele erst in einem zweiten Untermenü unter der Rubrik „Hörspiel und Lesung“ zu finden. Die Abrufzahlen werden von den ARD-Anstalten nicht veröffentlicht, doch wie man hört, sollen Hörspiele auf den vordersten Rängen dabei sein. Das wird allerdings nicht angemessen honoriert. Weder werden die Schätze ins Schaufenster gestellt und ordentlich noch werden die Urheber angemessen vergütet. Die trimediale Aufstellung der Sender geht zulasten des linearen Programms, in dem es immer weniger Hörspielübernahmen von anderen Sendern geben soll. Das ist für die Macherinnen und Macher von Hörspielen fatal, weil sich die Arbeit an einem Stück oft nur über die Wiederholungs- oder Übernahmehonorare refinanzieren lässt.

Wer macht es billiger?

Deshalb hat die Hans-Flesch-Gesellschaft als Vereinigung von Hörspielmachern zusammen mit dem „Verband der Theaterautor:innen“ im Juni 2021 einen offenen Brief geschrieben (epd 24/21), in dem die zunehmende Prekarisierung ihrer Profession beklagt wird, weil „die Sparbemühungen der Sender auf dem Rücken der Künstlerinnen und Künstler“ ausgetragen werden sollen: „Die Art und Weise, wie die Sender durch Deckeln der Ersthonorarsätze, durch Veränderung von Übernahme- und Wiederholungssätzen zu ihren Gunsten und vor allem durch wirklichkeitsfern niedrige Online-Zuschläge (4,5 %) die schöpferische Arbeit von Schreibenden ausbeuten, ist nicht hinnehmbar. Die Honorare sind ohnehin schon niedrig, bei den Übernahme- und Wiederholungshonoraren herrscht die reine Willkür“, schrieben die Autoren. In kurzer Zeit hat der Brief 300 Unterzeichner gefunden, und die ARD sah sich genötigt, den Autoren Gespräche anzubieten. Valerie Weber, damals noch Programmdirektorin NRW, Wissen und Kultur beim WDR, machte in ihrer Antwort klar, dass es auf keinen Fall mehr Geld geben wird: „Niedrigere Wiederholungsvergütungen werden durch eine höhere Erstvergütung kompensiert. (…) In dem Maße, in dem die Anstalten Hörer:innen verlieren und Online-Nutzer:innen gewinnen, muss eine bislang allein für Sendungen kalkulierte Vergütung umgeschichtet werden (kommunizierende Röhren).“ Wie überall in der Kultur setzen offenbar auch die Sender die Hoffnung darauf, dass es schon jemanden geben wird, der bei diesem Nullsummenspiel mitspielt oder es billiger macht.

„Probieren wir’s aus“, scheint die Devise der Entscheider zu sein. Der Satz musste auch in den Stücken für den Kurzhörspielwettbewerb „Track 5’“ des ORF und der Wiener „schule für dichtung“ vorkommen. Dessen Preisträger wurden ebenfalls bei der Ö1-Hörspielgala ausgezeichnet. Der mit 1.000 Euro dotierte erste Preis ging an die rhythmische Sprechperformance „Sprachshow“ des Autors und Musikers Adi Traar. Der ebenfalls mit 1.000 Euro dotierte Sonderpreis der „schule für dichtung“ ging an den anarchischen Solo-Sprachchor „Einander Durch“ von Stephan Tikasch.

Als bestes Originalhörspiel aus den 14 Neuproduktionen des ORF im Jahr 2021 wurde „Manifest 58 / Irgendwoher“ von FALKNER ausgezeichnet. Michaela Falkner, die ihren Nachnamen als Künstlernamen in Versalien setzt und ihre sämtlichen Werke als Manifeste bezeichnet und durchnummeriert (elf davon sind Hörspiele), gewann den Hörspielpreis der Kritik. Der Publikumspreis ging mit weitem Abstand an das humorvolle und durchgehend in Paarreimen verfasste Stück „Die Hochzeit von Marc Carnal in 3D-Audio mit Christoph („Willkommen Österreich“) Grissemann. Der Preis für die Schauspielerin des Jahres ging an die Kammerschauspielerin Regina Fritsch. Für alle Preisträger gab ein eine klingende oloid-förmige Trophäe und so etwas fehlt noch im deutschen Hörspiel.

Jochen Meißner – epd-medien 10/2022
(leicht erweiterte Fassung)

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