Vor dem Frühling

Katrin Moll: Die Gaza-Monologe

Hörspiel nach Texten von Jugendlichen aus dem Gaza-Streifen

Deutschlandradio Kultur, Mo 16.01.2012, 0.05 bis 0.50 Uhr

Kürzlich ergoss sich im Internet ein sogenannter „Shitstorm“ über den Schauspieler und Theaterleiter Dieter Hallervorden, weil er es gewagt hatte, die Rolle eines Schwarzen in der Tragikomödie „Ich bin nicht Rappaport“ von einem schwarz geschminkten Weißen spielen zu lassen – für die Pöbler ein klarer Fall von Rassismus und ein Rückfall ins Blackface-Theater unseligen Angedenkens. Zu Ende gedacht bedeutet diese Forderung nach Echtheit und Authentizität natürlich die Verunmöglichung jeder Kunst, die immer von der Differenz lebt. So funktionieren zum Beispiel auch Stücke nicht, in denen die Differenz von Darstellern und Dargestelltem vorsätzlich vernebelt wird, wie in Gesine Schmidts Hörspiel „Liebesrap“ (Deutschlandfunk 2010), in dem offensichtlich des Hochdeutschen mächtige Schauspieler Migranten mit Akzent und falscher Grammatik mimten.

Auch in den „Gaza-Monologen“ wird teilweise mit Akzent gesprochen. Doch bei diesem Bühnenprojekt des ASHTAR-Theaters in Ramallah, das nach den militärischen Interventionen Israels im Winter 2008/09 ins Leben gerufen wurde, kommt man nie auf die Idee, „echtem“ ungefiltertem Dokumentarismus zuzuhören. In Berlin haben verschiedene Jugendtheaterclubs an der Inszenierung teilgenommen, die einmalig in der Schaubühne aufgeführt wurde und die mit denselben Akteuren von Katrin Moll für das Radio bearbeitet und inszeniert wurde.

Die Texte der desillusionierten Jugendlichen erzählen von einer Ausweglosigkeit, die keine Lücke zur Flucht lässt. „Eingesperrt von den Israelis und zusammengeprügelt von der Hamas“ schnurren die Wünsche an das Leben oft auf einen einzigen zusammen: „im Ganzen zu sterben“ und nicht zerfetzt von einer Luft-Boden-Rakete, wie ein traumatisiertes Mädchen erzählt. Man hört von Opfern, die durch eine übermächtige Militärmaschinerie schrecklich zugerichtet wurden und im gleichen Moment zu Märtyrern verklärt werden. Die Meldung über die Toten wird schon über den Sender Al-Jazeera verbreitet, noch bevor die Nachricht die Angehörigen erreicht.

Im Kontrast dazu steigern sich die ganz normalen Wünsche der jungen Generation – in erster Linie der, eine Zukunft zu haben –, zu einem wütenden geflüsterten und geschrienen Sprechchor gegen die Herrschaft der Bärtigen, gegen die Besatzungsherrschaft und gegen die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft. Diesem Chor des „Manifests der Jugendlichen von Gaza“ – entstanden vor dem arabischen Frühling von 2011 – hört man den Willen deutlich an, „das Gefängnis in den eigenen Köpfen aufzubrechen, um Würde und Selbstachtung zurückzubekommen“. Die Dringlichkeit, mit der Veränderungen gefordert werden, teilt sich auch und gerade durch die chorische Inszenierung (Leitung: Christine Groß) unmittelbar mit. Die „Gaza-Monologe“ sind seismografische Aufzeichnungen eines Vorbebens, in dessen Folge die versteinerten Verhältnisse in der arabischen Welt zum Tanzen gebracht worden sind und die auch in ihrer Hörspielfassung überzeugen.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 04/2012

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