Vampiristischer Wiedergänger

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Dass der schnellste Reiter der Tod sei, wusste schon das Volkslied. Auf das romantische Emotionspotenzial von schnellen Pferden, verlorener Liebe und jähem Tod wie in Rilkes Erzählung „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ (1906) setzt auch der 1947 zuerst erschienene Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ des russischen Schriftstellers Gaito Gasdanow (1903-1971) in der Hörspielbearbeitung von Klaus Schmitz. Wichtige Zutat im Pariser exilrussischen Milieu ist jedoch das Lebensgefühl der Moderne zwischen Boxkämpfen und dem rasenden Reporterdasein des Icherzählers. Erinnert die Atmosphäre insgesamt an Hemingways Roman „Fiesta“, so reicht die Inszenierung von Oliver Sturm nicht zuletzt wegen der elegischen, vermeintlich russisch-seelenhaften Musikunterlegung wohl eher für einen kurzen Rausch denn für eine länger anhaltende Begeisterung.

Der namenlose Ich-Erzähler (Sebastian Blomberg), ein russischer Journalist mit literarischen Ambitionen, lebt zu Beginn der 1930er Jahre im Pariser Exil. Dank sonderbarer Umstände trifft er dort einen Mann wieder, den er als 16-jähriger Weißgardist irgendwo im russischen Bürgerkrieg von 1918/19 erschossen zu haben glaubte. Damals war er auf dem auffälligen weißen Hengst des vermeintlich Toten, Alexander Wolf (Wolfgang Michael), davongeritten. Ein von Wolf in London geschriebenes Buch schildert just jene Kriegsepisode aus der Sicht des überlebenden Opfers. Durch den gemeinsamen Bekannten Vladimir Wosnessenski (Helmut Krauss) kommt es zu einer persönlichen Begegnung, die zunächst euphorisch verläuft. Beide hat das Kriegserlebnis gezeichnet; den Ich-Erzähler durch Schuldgefühle, Alexander Wolf durch unheilbare Melancholie. Er erwartet den Tod, dem er damals bereits ins Auge gesehen habe, und raubt allen ihm begegnenden Menschen wie ein Vampir die Lebensfreude. Das gilt auch für die junge Frau Jelena Nikolajewna (Valery Tscheplanowa), die sich aber Wolf zunächst entziehen kann und welcher der Erzähler leidenschaftlich verfällt. Als Wolf Jelena in Paris aufspürt und der Erzähler zufällig hinzukommt, führt das zu einem vorhersehbaren, tragischen Ende.

Die vorher aufgebaute Kulisse aus Reflexionen über den Sinn des Lebens bricht möglicherweise mit einem zu sehr auf den Effekt bedachten Knall zusammen. Selbst ohne das rätselhafte, vampiristische Phantom Alexander Wolf werden der Erzähler und Jelena wohl kaum ihre große Liebe leben können. Oder hat der Erzähler nun gar seinen Freund Wosnessenski an Wolf gerächt, der jenem einst in Russland die Geliebte Marina ausspannte? Sind die Männer alle gleichsam Wiedergänger, so erscheint die einzige Frau ohnehin zeitlos als die ewig bedrohliche, alles fordernde Geliebte, deren Wiederkehr keiner biographischen Hilfskonstruktion bedarf.

Wiedergängergeschichten tendieren zu reaktionären Botschaften: Dem einmal festgeschriebenen Fatum ist der Einzelne ausgeliefert. Man mag sich fragen, inwieweit hier auf den Zeitgeist reagiert wird, der seit Beginn des 21. Jahrhunderts Deutschland wieder ‚mehr Verantwortung in der Welt‘ zuschreiben will. Greift diese Inszenierung auf Rilkes Reiterromantik zurück, so passt diese aber eben nur scheinbar in die heutige Zeit – und auch nicht ganz zu den im Hörspiel akustisch präsenten Attributen der Moderne wie Boxkampf und Schreibmaschine.
Musik und Geräusche begleiten bedeutungsschwer die aus wechselnden Perspektiven rekonstruierte Geschichte; so die leitmotivisch abgewandelte elegische Titelmusik (Daniel Dickmeis), die eine Figur als „Romanze“ bezeichnet, die Schlachtgeräusche und elektroakustischen Klänge. Sie unterstreichen die Erinnerungs-Flashbacks der Erzählerfigur und trennen die Hauptszenen. Illustrativ eher überflüssig erscheinen die Atemgeräusche, wenn der Erzähler mit Jelena schläft; darauf wäre der Hörer auch allein gekommen. Ebenso wenig fehlt die Soubrette, deren wiederholt herausgeschleudertes „Rien“ Edith Piafs berühmtes Chanson heraufbeschwört. Insgesamt muss man das auch durch die Sprechweise, die Stimmfärbungen und einige Handlungsklischees heraufbeschworene Milieu einer russischen Exil-Bohème in Paris, die ihre Melancholie und ihre Schuldgefühle in Wodka und Liebesgeschichten ertränkt, schon mögen. Sonst wirkt die inszenierte „Fiesta“-Coolness doch etwas unecht, zum Nachteil der fein ausgeklügelten Handlung und der hinein gestreuten Nachdenklichkeiten über Glück, Leben und Tod.

Martin Maurach

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Übersetzung aus dem Russischen von Rosemarie Tietze, Bearbeitung: Klaus Schmitz, Regie: Oliver Sturm, Musik: Daniel Dickmeis, Produktion: MDR/DLF; erscheint am 10. Februar im Hörverlag, München.

Gastkommentator Dr. Martin Maurach, Privatdozent für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Kassel, Autor von „Das experimentelle Hörspiel – eine gestalttheoretische Analyse“, Deutscher Universitätsverlag 1995.

Hier noch eine andere Kritik.

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