Radio für Rückwärtseinparker

„Fakten, Fakten Fakten – und immer an den Leser denken“, lautete der vielbelachte Werbeclaim eines nicht weiter ernst zu nehmenden Wochenmagazins. Inzwischen beginnt sich diese Maxime mit ihren verhängnisvollen Implikationen auch im öffentlich-rechtlichen Radio durchzusetzen. Eine Kulturradioredakteurin hat unserem Autor unabsichtlich verraten, was das geheime Ziel des Kulturradios, seiner durchformatierten Programme und jedes einzelnen Beitrags ist – die Sicherheit im Straßenverkehr. Weiterlesen  auf dem SWR Dokublog.

Radio für Rückwärtseinparker

Wenn man vor einer geschlossenen Post-Filiale steht, um einen Brief zu verschicken, kann man das Pech haben an einen Automaten zu geraten, der Postwertzeichen verkauft. Wenn man das Porto nicht exakt passend bezahlen kann, passiert folgendes: der Automat gibt nicht etwa das Wechselgeld heraus, sondern druckt für jeden Cent, den man zuviel in den Automaten gesteckt hat, ein Postwertzeichen aus – für jeden einzelnen Cent! Schon merkwürdig ist, dass man gezwungen wird etwas zu kaufen, was außerhalb der Deutsche Post AG keine Funktion hat und selbst innerhalb des Unternehmens keinen Wert. Versuchen Sie einmal in einer Postfiliale einen Satz 1-Cent-Briefmarken in echtes Geld umzutauschen.

Was das mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu tun hat? Auf den ersten Blick nichts. Hier ein privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen, das mit fragwürdigen Mitteln sein unter Druck stehendes Kerngeschäfts aufbessern will, dort ein öffentlich-rechtlich finanziertes System, das absichtsvoll dem unmittelbaren wirtschaftlichen Existenzdruck entzogen ist. Gemeinsam ist beiden nur eine mehr oder weniger offene Verachtung ihrer Kunden, respektive ihrer Zuhörer oder Zuschauer.

Tritt diese bei der Post in ihrer vulgär-direkten Form auf, kommt sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und hier insbesondere im Kulturradio etwas diskreter daher. Man vergisst nie seine Hörerschaft als die gebildetste, intelligenteste, wohlhabendste und einflussreichste Klientel zu loben. Die „gehobenen Wellen“ werden angeblich von den Multiplikatoren dieser Gesellschaft gehört. Nur komisch, dass sich das in den Programmen immer weniger widerspiegelt. „Immer vom Hörer her denken“ ist die Maxime, die Intendanten, Programmdirektoren und Wellenchefs gerne aufsagen. Und wenn diese Maxime bis auf die Redakteursebene durchgesickert ist, führt das zu einem Programm, bei dem der Hörer als das behandelt wird für das ihn diese Damen und Herren Entscheider wirklich halten: nämlich für einen Deppen mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege, der geistigen Beweglichkeit eines Reptils und den analytischen Fähigkeiten eines Primaten: durchaus vorhanden, aber auf gar keinen Fall zu überschätzen.

Redakteure der durchmagazinierten Programmflächen scheinen diese Haltung verinnerlichen zu müssen. Wohl jeder freie Autor kennt den Typus des Redundanz-Redakteurs, der den (bitte nicht zu komplexen) Kerngedanken eines Beitrags am liebsten in mehreren Formulierungen hätte – es könnte ja jemand später eingeschaltet haben. Als eine Kulturradio-Redakteurin auf die angebliche Komplexität eines Beitrags mit dem Hinweis reagierte: „Stellen Sie sie vor, Sie müssen rückwärts einparken und hören dann so etwas“, verschlug es dem Autor dieses Blogs die Sprache. Da konnte nicht einmal die Vorstellung Trost spenden, dass die eigene Formulierungskunst so scharf ist, dass sie in der realen Welt Parkschäden provozieren kann.1

Dass ein Redakteur mal sagte: „Dieser Beitrag ist so langweilig, stellen Sie sich vor sie fahren seit Stunden auf der Autobahn und hören dann so was“, ist meines Wissens noch nicht vorgekommen. Wer aber sagt, dass ein so einschläferndes Programm nicht Auffahrunfälle verursachen kann. Es fällt auf, dass die entscheidenden Vom-Hörer-her-Denker ihre Zielgruppe immer für dümmer halten als sich selbst. Das könnte ein Irrtum sein. Fatal ist aber die Konsequenz, die aus dieser Publikumsverachtung gezogen wird. Statt seinem verfassungsrechtlich definiertem Bildungs- und Kulturauftrag nachzugehen, schlägt man lieber den umgekehrten Weg ein. Man nivelliert sein Programm nach unten, um den Hörer da abzuholen, wo er angeblich ist. Mit dem Abholen ist es dann aber auch schon getan. Wo man denn dann mit ihm hin will, übersteigt den Horizont dieser Denke. Eigentlich soll er nur bei der Welle verharren, die ihn abgeholt hat. Deshalb muss man das Programm so homogenisieren und pasteurisieren, dass der Hörer vergisst, dass er Radio hört und so auch nicht auf die Idee kommt umzuschalten.

Wie man das genau macht hat der Hörspielautor Rafael Jové in seiner präzisen Parodie auf ein formatiertes Kulturradio durchexerziert. Das Stück „Das Radio ist nicht Sibiren“ (Kritik hier) war Balsam für die Seele aller Hörspielredakteure und ist von vielen ARD-Sendern und dem Deutschlandradio wiederholt worden. Doch ebenso ironiefrei, wie die Magazinredakteurin das Telos des Radios als das Verhindern von Parkremplern definiert hat, sieht man an anderer Stelle Rafael Jové Stück nicht als Satire sondern als Blaupause. Ein anderes Beispiel: In ihrem Feature „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ über den Erfinder der Kybernetik Heinz von Foerster (1911-2002) zitiert die Autorin Mareike Maage Radio-Interviews aus dem Tagesprogramm mit diesem ebenso freundlichen wie eloquenten, ebenso intelligenten wie humorvollen Zeitgenossen. Und jedes Mal möchte man vor Wut in den Teppich beißen, ob der Dummheit der Fragen und der umfassenden Ahnungslosigkeit mit der sich Moderatoren und Moderateusen diesem Genie genähert haben. Für den Medienwissenschaftler Dietrich Leder ist das kein unbeabsichtigter Effekt, sondern Programm. Anlässlich der Kulturradiodebatte um die Reform von WDR 3 skizzierte er die Zielrichtung so:

Statt weiter auf die hoch spezialisierte Sachkenntnis etwa auf den Gebieten der Künste zu setzen, herrscht heute in der Personalpolitik so etwas wie eine intellektuelle Verkarstung vor. […] Statt auf fundiertes Wissen setzt man auf äußerste Flexibilität. Jeder Redakteur soll möglichst alles können und nicht zu viel wissen, so dass sie im Jubilar Jürgen Becker nur einen Kabarettisten und in seinem Sohn Boris einen Tennisspieler ausmachen und über diese familiäre Konstellation Bauklötze staunen, weil sie weder den Lyriker (und ehemaligen Hörfunkredakteur) noch den künstlerischen Fotografen kennen.

Als Rundfunkbeitragszahler ist man ja Kummer gewöhnt und lässt sich viel gefallen, weil man im Radio immer noch mit langen Features, Hörspielen und gebauten Beiträgen entschädigt wird. Aber irgendwo ist eine Grenze jenseits derer man seine eigene Intelligenz nicht länger beleidigen lassen will. Falls Sie also beim Einparken aus Versehen einen Postwertzeichenautomaten gerammt haben (oder wahlweise einen LKW von der Autobahn schubsen wollten) – verklagen sie das Radio. Morgen mehr über die Frage warum das Radio nicht jünger werden muss, ob es eine Lobby braucht und wenn ja welche.

Jochen Meißner

1 Der Beitrag wurde übrigens um den zentralen Gedanken gekürzt und erreichte so den Gleichgültigkeitslevel, den man im Tagesprogramm offenbar nicht überschreiten darf.

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