Handlungsanweisungen für den Kunstbetrieb

Tina Klopp: Mit dem Hackenporsche die Revue für postheroisches Management tanzen …

Bayern 2, So 27.04.2014, 15.00 bis 15.55 Uhr

„Organisationen sind Ansammlungen von Lösungen, die nach Problemen suchen, ein Durcheinander von Themen und Gefühlen“, schrieb 1994 der Systemtheoretiker Dirk Baecker in einem Merve-Bändchen mit dem Titel „Postheroisches Management – Ein Vademecum“. Auf eine Welt, die eindeutig zu viele Lösungen enthält, kann man auf mehrere Weisen reagieren: mit einem globalen Einverständnis oder mit einem manifesthaften Protest, der von dem Postulat ausgeht, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, dass man die überkommenen Verhältnisse zerstören oder zumindest sein Leben ändern muss und so weiter und so fort.

Der Weg, den Tina Klopp in ihrem 55-minütigem Hörspiel einschlägt, ist ein dritter – der der Subversion. Schon der barocke Titel des Stücks sprengt den Raum, der normalerweise drucktechnisch zur Verfügung steht; der Titel lautet in Gänze: „Mit dem Hackenporsche die Revue für postheroisches Management tanzen oder Mit Kinderpflastern Daten visualisieren oder Mit der Bastelanleitung für Energiesparlampen beim Liquiditätspoker gewinnen oder Mit geliehenen Bauklötzen für die Transnationale demonstrieren.“ Mit 263 Zeichen ist das noch nicht einmal der umfangreichste Hörspieltitel aller Zeiten. Jonathan Messe musste natürlich demonstrieren, dass er den Längsten hat. Der Titel seines „DR.-EIAHAB“-Hörspiel1 (vgl. Kritik in FK 4/08) brachte es auf 575 Zeichen.

Als Künstlerin bewirtschaftet Tina Klopp das Feld der Aufmerksamkeitsökonomie, als Figur in ihrem eigenen Hörspiel lässt sie sich von einem Erzähler (Thomas Schmauser) als unauffällige und chamäleonhafte Person schildern, die sofort Temperatur und Farbe ihrer Umgebung wie auch den Duktus der dominierenden Gruppe annimmt. Die Sehnsucht des Künstlers nach dem Verschwinden im eigenen Werk steht im paradox-widersprüchlichen Verhältnis zum Kampf gegen die Werke der anderen. Was also tun? Werke verhindern! Wie das geht? Ganz einfach, indem man Ideen und Konzept ausplaudert, denn, so der Erzähler, „was im Internet geteilt wird, ist künstlerisch erledigt.“ So veröffentlicht Tina Klopp auf ihrer Website, auf Facebook und jetzt auch in Hörspielform, was so alles gemacht werden könnte. Zum Beispiel schneeweiße Plakate vor Überwachungskameras im öffentlichen Raum aufhängen, um ihnen einen vernünftigen Weißabgleich zu ermöglichen. Manche ihrer Ideen sind allerdings schon vorher realisiert worden.

Tina Klopp gibt Handlungsanweisungen, von denen mache zu realisierende Kunstprojekte beschreiben, andere subversive Aktionen im öffentlichen Raum und wieder andere sind nur auf die kabarettistische Wirkung aus. Zum Beispiel der Vorschlag, alle Spam-Mails höflich zu beantworten („Habe grade glücklicherweise keine Potenzprobleme, haben Sie herzlichen Dank für ihr Angebot.“ – „Eine Frau aus Russland kommt wegen der Sprachbarriere für mich eher nicht in Frage. Danke.“ – „Besitze schon einen Doktortitel.“). Auch die Idee, eine Anti-GEMA zu gründen, die bundesweit registriert, wer welche Musik hört, Vorträge besucht und Kunst anguckt, hat einen gewissen Charme. Am Jahresende stellt die Organisation den Künstlern eine Rechnung für die Aufmerksamkeit, die sie bekommen haben.

Manche der Miniaturen in diesem Hörspiel kommen einem merkwürdig bekannt vor. Sei es aus den Stücken des Autorendos Hoffmann & Lindholm („Geschichte des Publikums – Diskrete Strategien zur Privatisierung der Öffentlichkeit“; vgl. FK 6/08), sei es aus den Radioballetten der Gruppe Ligna oder aus anderen Kontexten. Die Kloppschen Handlungsanweisungen für den Kunstbetrieb nicht als Nummernrevue, sondern als eine Art Künstlerbiografie zu inszenieren, nimmt allerdings das Tempo aus der Geschichte. Das Sounddesign von Michael Hoffmann untermalt abstrakt-elektronisch und manchmal ein wenig zu geräuschhaft-illustrativ den Text.

Insgesamt wirkt das Stück, das zwischendurch als „Post-Hörspiel“ bezeichnet wird, trotz all der amüsanten Aperçus ein wenig erschöpft und resigniert. Denn es inszeniert das notwendige Scheitern an einer der Handlungsanweisungen, die ganz zu Beginn formuliert wird: „Versuche einen Film oder Roman oder Song zu schreiben, der völlig ohne Zitate oder Bezüge zu bereits bestehenden Filmen, Romanen und Songs auskommt.“ Am Ende zitiert Tina Klopp zum wiederholten Mal Andy Warhol als Kronzeugen für das Ende der Kunst: „Alles wird Kunst sein und nichts wird Kunst sein, weil – wie ich glaube – alles schön ist.“ Unter den Bedingungen der unmittelbaren popkulturellen Verwertung, so wusste schon Warhol, ist es die beste Kunst, gut im Geschäft zu sein.

1 Der vollständige Titel von Jonathan Meeses Hörspiel lautet:

DR. EIAHAB’S NEUTRALMEUTEREI de Large wie DR. HOTBOUNTIE’S zuckende CHMUSENASE als Kuschelodyssee im Kultraum (Seepferdchen, wie Scarlettierbabylein) des 5. Seegurkenjahres 2023, später erscheint das süßeste Kriegsschiff „Sweetieli“ und sprach die Diktatur der Kunst aus: Maul auf, Lolly rein, Revolution raus, dann immer auch spazieren gehen, das kann doch nicht so schwer sein, Galionsfigur „Frank Renda“ erscheine … (den Melonenfritzen schenk ich mir gratis zum Geburtstag, mau-mau, wuff-wuff, wau-wau … (Eisschlüpfer aus OKTN’ 8))

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 18/2014

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