Lebensbewältigung als Geschäftsmodell

Philipp Hauß: Überleben eines Handlungsreisenden

WDR 3, Sa 21.03.2015, 15.05 bis 15.57 Uhr

Mit 36 Jahren ist Biff Loman immer noch so orientierungslos wie andere mit 18. Er hat in mehr als 20 Gelegenheitsjobs gearbeitet, in keinem mehr als ein paar Monate. Kein Wunder, denn auf seinem Leben lastet eine Hypothek: Es ist das Erbe seines Vaters Willy, der sein letztes Geschäft mit seinem Leben bezahlt hat. Willy Loman hat sein Auto vor einen Brückenpfeiler gesetzt, um die Fassade bürgerlichen Wohlstands für seine Familie aufrechtzuerhalten. Die Lebensversicherung hat gezahlt, obwohl Anzeichen für einen Suizid vorlagen. Willy Loman ist aus dem Kreislauf des Kaufens und Verkaufens ausgeschieden, weshalb seine Geschäftspartner auch nicht zu seiner Beerdigung erschienen sind.

Überleben eines Handlungsreisenden“ ist das erste Hörspiel des 1980 geborenen Burgschauspielers Philipp Hauß, der bei dem Stück auch selbst Regie geführt hat. Es beginnt nach dem Ende von Arthur Millers Drama „Death of a Salesman“ (1949), das mit der Totenmesse für Willy Loman aufhört. Der in der deutschen Übersetzung zum „Handlungsreisenden“ nobilitierte Verkäufer wäre heute wohl ein „Außendienstler“ – mithin einer jener Agenten, die die Basisfunktion des Kapitalismus, nämlich den Tausch von Ware gegen Geld, noch an der Kundenfront ausführen. Eine Funktion, für die man heute keine Menschen mehr braucht. Spezielle Algorithmen erledigen das nicht nur im Hochfrequenzhandel automatisch, und wenn es doch mal menschlicher Kontakt sein muss, dann reicht ein Telefon.

Biff sieht sich genötigt, so etwas wie „eine Existenz“ aufbauen zu müssen, aber durch das Beispiel seines Vaters weiß er, wie eine marktkonforme Existenz enden kann. Also nimmt er die 2000 Euro, die ihm von der Lebensversicherung seines Vaters noch geblieben sind und lässt sich beraten. Berater verkaufen ihre neuesten Ideologien oder Managementmoden für teures Geld an Institutionen oder Unternehmen und bestimmen damit die ökonomischen Rahmenbedingungen für ganze Gesellschaften. Für Biff als Individuum ist aber eher die Szene der Therapeuten, Quantenheiler, Life-Coaches, Schuldnerberater und Anhänger der Schule des Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP) zuständig. Jene Branche also, die die Gesetze und Strukturen des marktförmigen Handelns in die Körper und Hirne jener Marktteilnehmer einpflanzen soll, die man früher Menschen nannte.

Natürlich kann das nicht gutgehen, denn Biff, gespielt vom Alexander Khuon, fragt etwas anderes nach, als ihm angeboten wird. Wo er seine Identität und einen Lebenssinn finden will, bekommt er Leerformeln der Selbstoptimierung oder hohles Psychogequatsche serviert. Es ist Bullshit, der da über weite Strecken geredet wird, quälender Unsinn, von dem nicht mal das Gegenteil wahr ist und der von Leuten verzapft wird, die früher einmal Skilehrer oder Dachdecker waren.

Nach den 52 Minuten des Hörspiels besteht akuter Beratungsbedarf. War das eigentlich eine Abrechnung mit einem Geschäftsmodell, das Lebensbewältigungskonzepte feilbietet? Oder war es der Versuch, einer existenziellen Notlage auf einer Metaebene Komik abzupressen? In der Tat gibt es ein paar sehr komische Stellen in dem Hörspiel, zum Beispiel die, in der Biff von einem Finanzberater brüsk abgefertigt wird, weil er mit 20.000 Euro einfach zu wenig Schulden für dessen Dienste habe. Auch der Vorschlag, gleich selbst ins Coaching-Geschäft einzusteigen, wenn man das eigene Leben schon nicht auf die Reihe kriegt, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Wie der Titel des Stücks von Philipp Hauß andeutet, endet die Geschichte weder tödlich noch mit einem Happy End. Genauso unentschieden ist aber, was man mit diesem Hörspiel anfangen soll, das fast 70 Jahre nach der Uraufführung von Arthur Millers Theaterstück das Verhältnis von Individuum und Ökonomie neu verhandelt. Zum Vergleich sendet WDR 3 am 22. März (Sonntag) noch einmal Fränze Roloffs knapp zweistündige Hörspielinszenierung von Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, eine Produktion des Hessischen Rundfunks (HR) aus dem Jahr 1950.

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 6/2015

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