Jurybegründung zum Hörspielpreis der Kriegsblinden 2023 für Robert Schoen

Am 15. August wurde im Foyer des Funkhauses des Deutschlandfunks in Köln der 72. Hörspielpreis der Kriegsblinden an Robert Schone für sein Stück „Entgrenzgänger II – Tscherkesskij Magasin“ (HR) verliehen. Hier dokumentieren wir die Begründung der Jury von ihrer Vorsitzenden Gaby Hartel.

 

Ein Autor geht auf Reisen nach Russland. Genauer gesagt, er reist in den Nord-West-Kaukasus, nach Tscherkessk. Im Gepäck hat er seine Interessen und sein Recherchiertes, seine Gedanken, Gefühle und seine guten Gründe für die Fahrt. Dazu: nützliche Kontaktadressen und ein Mikrofon. So weit so konventionell. Ein bewährtes Format. Scheint es.

Doch was in dieser Zusammenfassung nach seriöser Radioroutine klingt, hat erstens viel zu viel Humor fürs Tagesgeschäft der Reportage. Und zweitens fand das Ganze im März 2022 statt. Und damit nach dem kriegerischen Überfall Russlands auf die Ukraine.

„Dem Sieger der Lorbeer. Dem Mörder das Beil … Viele Männer sind in einem Mann“, lauten die ersten Worte des Stücks, und sie lassen uns vor dem aktuellen politischen Hintergrund natürlich aufhorchen. Das klug gewählte, anspielungsreiche Zitat aus Heiner Müllers Stück „Der Horatier“ wird zögernd, fast mühsam gesprochen von einer Männerstimme mit osteuropäischem Akzent.

Damit vermittelt uns Robert Schoen ganz ohne Anstrengung schon in den ersten Sekunden seines Stücks, dass sein surrealer Road-Trip in ein kriegsführendes Land unterschwellig sehr viel mehr enthält, als nur die fröhliche Summe der Begegnungen und Erfahrungen. Und dieses mehrschichtige Erzählen ist eine bewährte Strategie des Autors, die er vor ein paar Jahren so beschrieb:

„Aber wenn man über etwas spricht, dann ist es meistens so, dass man gleichzeitig auch über etwas anderes spricht, und dieses gleichzeitig über etwas anderes sprechen, das finde ich eigentlich das Interessante.“

Genau.

„Entgrenzgänger II“ spricht so übermütig dicht und dabei oft urkomisch; so unkokett naiv, entschieden unstrukturiert und verblüffend offen, dass wir, die seiner Spur folgen, unsere Vorurteile oder Halburteile außen vor lassen. Und uns sehr produktiv in diese nicht enden wollenden Serie von Überraschungen verwickelt werden. Auch weil Schoen uns so unmittelbar und direkt, wie nur die Sounderzählung es kann, in jede neue absurde oder ergreifende Wendung dieser Reise mit einbezieht.

So unwissend und überfordert, wie es der Autor selbst vor Antritt seiner Reise ist, sind wir es auch. Wir, deren stumme Fragen von denen laut ausgesprochen werden, mit denen Schoen am Telefon seine Reise bespricht.

Von der Mitarbeiterin des russischen Konsulats, dem Auskunftsmann der Deutschen Bahn, der Dame im Reisebüro und der von der Versicherung. Ihnen allen ist ein großes Fragezeichen anzuhören: Was ist bloß in den Mann gefahren?

Bei allem Vergnügen an dieser schönen, komischen Reise drängen sich immer wieder andere Fragen nach vor: Hätte dieser Angriffskrieg verhindert werden können? Wer ist schuld, dass es so weit kam? Wer begeht dort welche Verbrechen? Wer sagt die Wahrheit?

Die Kunst hat aber spätestens seit Cervantes, Jonathan Swift und Lawrence Sterne den enormen Vorteil, solcherart nachvollziehbare Fragen nicht zielstrebig beantworten zu müssen. Vielleicht besteht ihr Wert ja gerade darin, auf Umwegen mögliche Antworten nur anzudeuten?

Indem nämlich der Künstler sich erst einmal vor Ort begibt – wie Robert Schoen es tut – und von der Reise in den kleinen, scheinbar abgelegenen Teil Russlands erzählt. Von seinen unglaublich zugänglichen BewohnerInnen, ihrem Leben, ihren vielen Sprachen und Kulturen und dem alles verbindenden Thema Musik. Indem Schoen sich ganz dem Zufall überlässt – als Motor seiner Reise wie als ästhetisches Prinzip des Hörspiels – gelingt es ihm wunderbar spielerisch, das Unbekannte, Undeutliche, die Zwischenräume produktiv zu machen. Ohne je großspurig als überlegener „Westler“ aufzutreten, mäandert der Autor klug und bescheiden mit stets offenem Mikro über Armenien nach Tscherkessk.

Schoens entwaffnende Neugierde ist ansteckend und gern folgen wir ihm auf seinen Umwegen und Nebenwegen. Ganz nebenbei führt dieses Stück auch vor, dass Erkenntnis mithilfe der Kunst gerade durch das Gegenteil von plakativer Besserwisserei so gut gelingen kann.

Gaby Hartel, Köln, 15.08.2023.

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