Dokumentation, Milena Kipfmüller: Vom geschmeidigen Radiogenuss

Nicht ganz ungefährlich: Anmerkungen zum Hörspiel „Hate Radio“

Von Milena Kipfmüller

Milena Kipfmüller

Milena Kipfmüller

Als der Hörfunksender Radio-Télévision Libre de Mille Collines (RTLM) während des Genozids von Millionen Hörerinnen und Hören in ganz Ruanda gehört wurde, waren wir noch in den Neunzigern. Inzwischen sind zwanzig Jahre vergangen. Dass das Radio aber mittlerweile ein veraltetes Medium sein könnte, ist meines Erachtens nicht richtig – auch wenn Internet und Fernsehen auf den ersten Blick eine größere Bedeutung und Verführungskraft haben. Geht vom Radio also keine Gefahr mehr aus?

Milo Rau

Milo Rau

Als wir vom International Institute of Political Murder (IIPM) mit der Arbeit an der Theaterfassung von „Hate Radio“ begannen, hatte ich den Eindruck, dass das Stück über den ruandischen Hass-Sender RTLM auch in seinem Ausgangsmedium, dem Radio, funktionieren könnte. Doch welche Relevanz sollte die Dokumentation einer Radiostunde aus dem Ruanda der neunziger Jahre mit Propaganda und Popsongs im deutschen Radio 2013 haben? Ohne eine spezifische Adaption würde der Klang eines Radiosenders aus einer entfernten Weltgegend wohl eher nach einem dokumentarischen Feature klingen als nach einem eigenständigen Hörspiel.

Einige Monate nach der Premiere des Theaterstücks las ich einen Artikel über die syrische Medienlandschaft zu Beginn des dortigen Bürgerkriegs, in dem zu meinem Schrecken die menschenverachtenden Kommentare der Moderatoren beklemmend genau mit denen von RTLM übereinstimmten. Die Strategien der Hetzkampagnen schienen genau die gleichen zu sein. Wie würde ein solches Programm in Deutschland klingen? Und können wir uns sicher sein, dass wir einem solchen Sender nicht auch gerne zuhören würden, wenn er denselben Schwung hat, die Moderatoren gut drauf sind und die Musik Spaß macht?

Wir entschlossen uns also, uns von der originalen Geschichte und der Methodik der Theaterinszenierung insoweit zu entfernen, als dass wir nicht mit Schauspielern arbeiten wollten, die einen direkten Bezug zur Geschichte hatten, wie es im Theaterstück der Fall ist. Stattdessen sollten deutsche Radiomoderatoren zum Einsatz kommen, die auch sonst in unserem Medienalltag zu hören sind. Moderatoren, die ihr Handwerk beherrschen, und keine Schauspieler, die die Rolle eines Moderators spielten.

Der Klang des Senders wurde deutschen Hörgewohnheiten angepasst und alle konkreten Verweise auf Zeit und Ort wurden aus dem moderierten Teil gestrichen oder abstrahiert. Es tauchte nicht mehr Bill Clinton auf, sondern der amerikanische Präsident, es ging nicht mehr um Kigali, sondern um die Hauptstadt des Landes. An dieser Stelle großen Dank an WDR-Dramaturgin Isabel Platthaus. Gemeinsam haben wir um jedes Wort gekämpft, bis der Text jene merkwürdige Mischung aus Abstraktion und Konkretheit erreichte, auf die es uns ankam.

Wie erschreckend gut das funktionierte, haben wir bei den Proben mit den vier Moderatoren gemerkt (Max von Malotki, Uwe Wassermann, Bianca Hauda und Kim Il Young), die sich den Text innerhalb kürzester Zeit zu eigen machten und damit improvisierten, Späße trieben und Witze rissen. Die Moderationen wurden in zwei Durchläufen live aufgenommen und nur an wenigen Stellen geschnitten. Das hatte zur Folge, dass sich aus dem Text heraus neue Charaktere entwickelten, die von der Theaterfassung abwichen. Außerdem klang die Sendung plötzlich seltsam vertraut – solange man nicht auf die Texte hörte. Die Namen, die im Original beibehalten wurden, und die Hits aus den neunziger Jahren mögen für heutige Ohren etwas fehl am Platz klingen, sie sind in diesem Teil jedoch das einzige, das das Stück nicht im üblichen Radioprogramm verortet.

Gerade die Passagen voller Witz, Humor und Dynamik sind für mich unheimlicher als die expliziten Beschreibungen der Gräueltaten aus der Perspektive der Überlebenden, die ebenfalls von den Moderatoren gesprochen werden. Denn in diesen Passagen besteht kein Zweifel an ihrer Ausdeutung und trotz der Gewaltbilder ist man als Hörer auf der sicheren Seite. Aber ist es nicht gerade das chaotische, verführerische Durcheinander, was wir als angenehm wahrnehmen und als Unterhaltungssuchende hören möchten? Die Moderatoren des Hörspiels selbst gaben zu, dass, sobald sie sich einmal warmgeredet hatten, der eigentliche Inhalt des Gesprochenen hinter das Handwerk des sprachlichen Zusammenspiels zurücktrat. Sprechen und Hören verhalten sich da scheinbar recht ähnlich: In der einmal gelernten Form der Radioshow kann alles gesagt werden …

Wenn ich morgens das Radio einschalte und Nachrichten oder Wortbeiträge höre, so genieße ich es immer wieder, meine Aufmerksamkeit wandern zu lassen. Mal ist sie beim Thema, mal bei dem was ich nebenbei tue. So mischt sich das Gehörte geschmeidig in meinen Alltag. In Hörspiel „Hate Radio“ ging es genau darum: die alltägliche Realität der Hörgewohnheiten mit einer Fiktion anzureichern, ohne mittels permanenter desillusionierender Signale den Sicherheitsabstand zum normalen Programm zu wahren. Wenn es nur gut genug gemacht ist, dann glaubt man dem Radio fast alles. In Ungarn kann man mittlerweile nur noch ‘politisch ausgewogene’ Sender hören. Auch an die wird man wohl glauben. Vielleicht ist das Radio also doch nicht ganz ungefährlich.

 

Die Jury meint zu „Hate Radio“:

Der Ton ist vertraut, der Inhalt grauenhaft. Es ist die Anmutung eines der üblichen Radio-Magazine der Unterhaltungswellen, mit seinem leichten Plauderton, Geplänkel und Witzchen der Moderatoren, viel Pop-Musik, ein bisschen Information, und ins Studio geschaltete Höreranrufe. Und wovon ist die Rede, wovon handeln die Witze, das Geplauder, die Anrufe? Das ist der nackte Horror. Es sind Aufrufe zum Hass, zum Jagen, zum Morden.

Milo Rau stellt aufgrund von dokumentarischem Material nach, was vor 20 Jahren in Ruanda von einer populären Radiostation gesendet wurde, im Jahr des Völkermordes an den Tutsi. Das Hörspiel ist das Ergebnis langer und sorgfältiger Recherche. Rau sprach mit überlebenden Opfern, mit damaligen Hörern, auch mit Moderatoren aus dieser Zeit, und verdichtete die unzähligen Berichte und Erinnerungen zunächst zu einem Theaterstück, das in der Schweiz und in Ruanda uraufgeführt wurde, und nun zu diesem Hörspiel.

Die Jury war beeindruckt, wie hier Radio sich selbst reflektiert. Drastisch wird vorgeführt, mit welchen Mechanismen Radio manipulieren kann: wie der coole sprachliche Duktus eine positive Stimmung des Einverständnisses erzeugt, wie die mords-gute Laune und die peppige Musik einen Sog erzeugen, dabei sein zu wollen. Da meldet sich ein Dreizehnjähriger, um außer seinen Musikwünschen durchzugeben, wohin er gerade eine Gruppe Tutsi hat fliehen sehen, da werden Witze über gedemütigte Opfer gemacht, da werden im Ton von Fußballergebnissen die neuen Todeszahlen durchgegeben und wie Verkehrsnachrichten nicht die Lage von Staus, sondern die Lage von Häusern und Verstecken von Tutsi gemeldet, die man massakrieren soll.

Ja der Ton ist uns vertraut. Er rückt uns die fernen Ereignisse sehr nahe. Und hinterlässt die Frage, wie schnell ein solcher Zivilisationsbruch auch anderswo, auch hier möglich wäre.

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