Die Preisträger der 14. ARD Hörspieltage 2017

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD 2017

Dor Aloni, Noam Brusilovsky. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Schauspieler Dor Aloni (Radili) neben Autor und Regisseur Noam Brusilovsky (re). Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Broken German
von Noam Brusilovsky nach dem Roman von Tomer Gardi
Regie: Noam Brusilovsky
Produktion: SWR

Die Begründung der Jury

Wir diskutieren die „Willkommenskultur“ – „Broken German“ antwortet uns mit: „Volkerverständigung“. Wir gehen an den Callshops vorbei – „Broken German“ kommt heraus und erzählt Geschichten. Geschichten, in denen die Wörter nicht im Duden wurzeln, sondern in Schicksalen von Menschen, die – egal in welcher grammatikalischen Form erzählt – verständlich sind. Geschichten, die nach ihren schillernden Pointen nicht zuende sind: „Wenn ein Jude ins Jüdische Museum geht, ist er dann ein Teil des Ausstellungs?“

„Broken German“ macht ununterbrochen neue Verständigungsangebote: Bildungsroman, Künstlerparabel, Kunstsatire, Krimi, Verwechslungskomödie, Genderfantasie, Familiengeschichte – und entzieht sich zugleich der festschreibenden Identifizierung. Broken German lässt sich nicht von zeitgeistigen Diskursen vereinnahmen, sondern vertraut dem Eigenwert des Literarischen: auf die durch die vermeintlichen Fehler geworfenen „babylonischen Schatten“ und auf das „babylonisches Licht“ der „Radiliverständigung“.

Noam Brusilovskys Bearbeitung verstärkt die Romanvorlage Tomer Gardis nicht nur, sondern macht aus ihr ein eigenständiges, so nur im Akustischen mögliches Kunstwerk. Mit einem hohen Tempo, virtuoser Sprecherführung und einer leichthändigen Erzählweise antwortet der Autor und Regisseur Noam Brusilovsky auf das Verlangen des Textes nach Mündlichkeit. Jener Mündlichkeit, die uns tagtäglich umgibt und die als Reichtum zu begreifen und nicht als Mangel zu beurteilen ist. Gardi und Brusilovsky formulieren eine Sprache, die eine zwingende Herausforderung für die Gesellschaft wie für das Radiopublikum ist: Mit anderen Worten: „Broken German“ muss man hören.

Zu den Top 3 gehörten außerdem „Unsere Fahrräder wiegen nichts und kosten ein Vermögen“ von Dominik Busch (BR) und „Nur kurze Zeit noch“ von Peter Kaizar (ORF).

Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert und alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden das Stück in ihr Programm übernehmen. Die Jury bestand aus Thomas Böhm (Vorsitz), Tina Engel, Amelie Niermeyer, Ludger Brümmer und Jochen Meißner.


Der ARD-Online Award 2017 (Publikumspreis)

Lukas Holliger. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Lukas Holliger. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Verfluchtes Licht
von Lukas Holliger
Regie: Mark Ginzler
Produktion: SRF
(4,83 Punkte)

auf Platz Zwei folgte „Broken German“ von Noam Brusilovsky vom SWR (4,61 Punkte)
und auf Platz Drei „Lieber Nicolas Berggruen“ von Ulrike Müller vom RBB (4,4 Punkte).
Erstmals konnten für jedes Hörspiel 0 bis 5 Punkte vergeben werden. Der Preis ist mit 2500 Euro dotiert.


Der ARD-PiNball 2017

für frei produzierte Kurzhörspiele geht an

Leo Hofmann. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Leo Hofmann. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Mobile Karma von Leo Hofmann

Die Begründung der Jury

„Kann ich ohne Zuhause leben? ‚I’m walking on air'“ dichtet der Ich-Erzähler in das Mikro seines Smartphones. Da spricht ein Heimatloser, ein Ruheloser, der sich gerne überzeugen will, dass er kein Zuhause braucht. Der sich überzeugen möchte, dass er sich auch in der Raucherlounge am Flughafen oder auf der Zugtoilette oder im Hotelzimmer aufgehoben fühlen kann, so lange er nur mit der ganzen Welt vernetzt ist. Aber was wir aus seinem Sprechen hören, ist doch eindeutig: Tatsächlich ist er gerade völlig allein.

Ohne uns zu viel an die Hand zu geben – wer spricht da zu wem und warum? -, nimmt uns das Hörspiel in seiner heutigen Anmutung sofort gefangen und scheint uns in wohlbekannte Gefilde zu ziehen – hinein in seinen dichten Mix aus Musik, Social-Media-Tönen, Klängen, Vibrationen, Handygesprächsfetzen. Der Lebensstil einer ganzen Generation in der globalisierten Welt auf den Punkt gebracht. Willkommen im 21.Jahrhundert.

In Mobile Karma gibt es keine sichere, gefestigte Hörsituation, alles ist in der Schwebe. Nur einzelne Fetzen lassen sich greifen. Fernkommunikation ist zerbrechlich und immer so  ungleichzeitig, dass es an den Nerven zerrt. Satzfetzen überlagern sich, Nachrichten laufen ins Leere. Die räumliche Distanz ist immer da und lässt wirkliche Nähe gar nicht zu. So sind die Gesprächsteilnehmer letztlich immer auf sich selbst zurückgeworfen; die eigene Situation wird stilisiert, um sie dem anderen vermitteln zu können. Mobile Karma ist ein – ja was?
Ein Hörspiel über Distanzen, die durch den Versuch ihrer akustischen Überbrückung doch nur fortgeschrieben werden.

Ein erzählerischer Popsong über die Unvereinbarkeit zwischen dem tatsächlichen Allein-Sein und einer Gesellschaft, die die Einsamkeit als sogenannte „Zeit für dich allein“ zur meditativen Genusspause und zum Lifestyle erhebt. Und eine vielschichtige und konsequente künstlerische Auseinandersetzung mit dem modernen Arbeitsnomadentum.

Die Jury bestand aus Damaturgen/-innen und Redakteuren/-innen von ARD und Deutschlandradio, Österreichischem Rundfunk (ORF), Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sowie Mitarbeitern des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG). Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert.


Der Deutsche Hörspielpreis der ARD – Beste schauspielerische Leistung 2017 

Lars Rudolph. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Lars Rudolph. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Lars Rudolph in der Rolle des Fritz Honka, genannt Fiete, in dem Hörspiel „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk (NDR).

Zur Begründung:

Wie Lars Rudolph von der ersten bis zur letzten Silbe die Figur des Fiete nicht spielt und spricht sondern ausdünstet ist ein körperlicher Vorgang, den ich so im Radio noch nicht erlebt habe. Als hätte er diese Figur tief inhaliert, um dann seinen ganzen Körper mit ihr zu infizieren. Er spannt den Bogen der Authentizität bis zur Ekel und Schamgrenze, aber spannt ihn eben nur …
Trotz aller Wucht, mit der Rudolph dem Zuhörer Fietes Verzweiflung um die Ohren haut, bleibt seine Präsentation immer geführte, artistische Wortkunst. Ansatzlos überkommt ihn ein jäher Zorn und windet sich wimmernd am Boden wie ein Kind.

Das Wort wird Fleisch und Blut, nimmt Gestalt an; Fiete steht vor mir, kommt auf mich zu, bläst mir seinen Rauch ins Gesicht, schwankt an mir vorbei. Ich kenne ihn, seinen Gang, seine Gesten, ich kann ihn riechen durch die Sprache von Lars Rudolph, der sich an diese Kreatur verschwendet als wolle er sie umarmen.

Das hat mich gepackt und berührt

Alleinige Jurorin war Tina Engel. Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert und wird vom Bundesverband der Hörgeräteindustrie gefördert.


Der deutsche Kinderhörspielpreis 2017

Angela Gerrits. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Angela Gerrits. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Die Nanny-App von Angela Gerrits
Regie: Hans Helge Ott
Produktion: HR/BR

Die Begründung der Jury

Dass die digitale Welt nicht allein dem Nachwuchs gehört, merken Teenager spätestens dann, wenn ihnen Onkel und Tante eine Freundschaftsanfrage auf Facebook stellen. In Angela Gerrits Hörspiel „Die Nanny App“ ist es Jannis, der gleich doppelt gestraft ist: mit meistens abwesenden Eltern, die als Softwareentwickler durch die große weite Welt der HighTech-Konzerne jetten; und mit einer neuen, aber absolut geheimen Erfindung namens „Nanny App“, die den Internatsschüler als digitales Kindermädchen herumkommandiert und obendrein auch sozial isoliert. Angela Gerrits hat ein absolut zeitgemäßes Kinderhörspiel geschrieben, nicht nur, weil sie sich mit den Auswirkungen von Internet und moderner Datentechnik überhaupt auf unseren Alltag auseinandersetzt – und zwar ironisch, aber ohne jede Larmoyanz. Auch mit Jannis‘ vom Erfolgsdruck getriebener Kleinfamilie, mit den Fraktionsbildungen im Internat und mit Jannis‘ Glauben an echte Freundschaft schildert sie Episoden heutigen Heranwachsens. Ein Hörspiel von großer Wahrhaftigkeit, das gleichzeitig spannend ist und vorzüglich unterhält.

Die Jury des von der Filmstiftung NRW und der ARD gemeinsam getragenene und mit 5000 Euro dotierten Preises bestand aus Frank Olbert (Juryvorsitz), Kerstin Behrens, Eva-Maria Lenz, Karin Lorenz und Torsten Krug.


Der Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe

Heidi Knetsch und Stefan Richwien. Bild: privat.

Heidi Knetsch und Stefan Richwien. Bild: privat.

Käferkumpel
von Heidi Knetsch und Stefan Richwien
nach dem Roman vom M. G. Leonard
Regie: Robert Schoen
Produktion: NDR/HR

Die Jury bestand aus der Klasse 4b der Grundschule Daxlanden. Der Preis ist mit 2000 Euro dotiert.

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