Die drei Finalisten des 71. Hörspielpreises der Kriegsblinden 2022

In ihrer Sitzung am 25. März 2022 hat die 14-köpfige Jury der Hörspielpreises der Kriegsblinden, der von der Film- und Medienstiftung NRW und dem Deutschen Blinden- und Sehbehinderteverband (DBSV) getragen wird, die folgenden drei Stücke ins Finale gewählt. Der Preis wird am 17. Mai um 18.30 Uhr im der Kölner Wolkenburg verliehen (Livestream hier, oder über den DLF-Digitalradio-Kanal Dokumente und Debatten auf DAB+). Erstmals ist ein Autor gleich mit zwei Stücken vertreten.

Upate 17.05.2022: Gewonnen hat „Die Arbeit an der Rolle“ von Noam Brusilovsky und Lucia Lucas. Der Preis wird erstmals in seiner Geschichtemit 5.000 Euro dotiert.

Noam Brusilovsky, Gaby Hartel, Lucia Lucas © Raphael Stötzel Filmstiftung NRW.

 

Die Arbeit an der Rolle
Autor: Noam Brusilovsky und Lucia Lucas
Regie: Noam Brusilovsky
Redaktion: Andrea Oetzmann
Produktion: SWR 2021
Länge: 52‘07
Sendedatum: 15.10.2021

Das Hörspiel „Die Arbeit an der Rolle“ erzählt die Geschichte der Opernsängerin Lucia Lucas, die jahrelang als Mann wahrgenommen wurde und ausschließlich maskuline Rollen spielte und sang, bis sie sich 2014 als Transgender-Frau outete. Ihre äußerliche Erscheinung veränderte sich dramatisch, ihre Stimme blieb jedoch unverändert. Das Stück, welches von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als Hörspiel des Monats August 2021 ausgezeichnet wurde, untersucht Rollenspiel und Authentizität in einem Medium, in dem die Einzigartigkeit der Stimme im Vordergrund steht.

Die Jury: „,Die Arbeit an der Rolle‘ wirkt anfangs gegenstandslos beglückend. Fast wie reine Musik: Als temperamentvolles Stück über reine Spielfreude am Rollenwechsel, an Maskerade und Versteckspiel. Dargestellt und hergestellt wird all dies aus der Perspektive einer wunderbaren Baritonstimme. Sie tritt ideal körperlos und dynamisch in den Radioraum und vermittelt zunächst keine Bilder, sondern einzig ein Gefühl von großer Beweglichkeit, emotionaler Präsenz und enormer Lebensfreude. […] Die Geschmeidigkeit, Lässigkeit und Durchlässigkeit [….] [der Sprechstimme von Lucia Lucas] sind ein perfektes Transportmedium nicht nur für die Arien, die hier auch hörbar werden, sondern vor allem für die vielen Stationen ihrer Lebensgeschichte. So kommen sie uns nah. Beginnen zu leben, zu leuchten und zu atmen. Das Stück bietet seinen Zuhörer:innen mit freundlicher Geste an, einzutauchen in die verschachtelte innere Welt eines, teils aufgezwungenen Rollenspiels.“

Saal 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess (24 Folgen)
von Katarina Agathos, Katja Huber, Julian Doepp, Ulrich Lampen
Regie: Ulrich Lampen
Redaktion: Katharina Agathos, Katja Huber
Produktion: BR/MDR/SWR/RB/DLF/HR/WDR/NDR/RBB/SR
Länge: 1. Folge 26’01; insgesamt ca. 12 Stunden
Sendedatum: 19.02.2021 (Erste Folge)

Fünf Jahre, von Mai 2013 bis Juli 2018, hat der NSU Prozess gedauert. Die Mitschriften, die die ARD-Reporter:innen an jedem der über 400 Prozesstage verfasst haben, umfassen an die 6.000 Seiten.
Im Saal 101 beginnt der Prozess gegen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte. Es ist das größte Rechtsterrorismusverfahren der deutschen Geschichte. Zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle wurden vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) verübt. Das Dokumentarhörspiel verdichtet Protokolle und Notizen der ARD-Gerichtsreporter:innen zu einem einzigartigen Stück Zeitgeschichte: Es lässt die Zeug:innenbefragungen miterleben und gibt damit tiefe Einblicke in deutsche Abgründe.

Die Jury: „In ihren besten Momenten kann politisch engagierte Radiokunst komplexe Zustände ins Begreifbare übersetzten. Vor allem dann, wenn die Ausgangslage auf vielen Ebenen so verworren ist, wie im Fall der langen Mordserie an Menschen mit Migrationshintergrund durch die rechte Terrorgruppe ,NSU‘. […] Es besteht die Gefahr, dass das kollektive Bewusstsein sich neuen Dingen zuwendet, nichts reflektiert und auch nichts lernt aus der dieser Erfahrung. Dieser Gefahr ist der BR in großartiger Teamarbeit entgegengetreten. Er hat auf die Kraft der mündlichen Sprache gesetzt und in insgesamt 12 Sendestunden einen Ausschnitt aus 6.000 Textseiten ins gesprochene Wort zurück übertragen. […] Das künstlerische Produktionsteam entwirft ein hoch konzentriertes, vielfacettiges, vielstimmiges und stimmig gegliedertes Hörbild, das diesen Fall mit all seinen schrecklichen Untiefen in die Verständlichkeit rettet, ohne ihn je vereinfachend abzurunden. […] ,Saal 101‘ wird durch sparsamen Musikeinsatz und den Wechsel von Erzählhaltungen rhythmisiert: Einführung, Beweisaufnahme, private Einschätzung der Notierenden. Ansonsten erhalten die Texte durch gute Sprecherauswahl eine minimale Farbigkeit. So wird die Verantwortung der Einschätzung an die Hörer:innen weitergegeben. […]“

Adolf Eichmann: Ein Hörprozess
von Noam Brusilovsky, Ofer Waldman
Regie: Noam Brusilovsky
Redaktion: Juliane Schmidt (rbb), Sabine Küchler (DLF)
Produktion: rbb/Dlf 2021
Länge: 55‘10
Sendedatum: 09.04.2021

Dieses Bild ging um die Welt: Adolf Eichmann, Organisator der Deportationen zur Vernichtung der europäischen Juden während der NS-Zeit, sitzt in einer gläsernen Kabine und hört über Kopfhörer die Simultanübersetzung der Anklage durch das Jerusalemer Bezirksgericht 1961. Das dokumentarische Hörspiel „Adolf Eichmann – Ein Hörprozess“ erzählt die Geschichte des Prozesses zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen – aus Sicht der Radiomacher beim damaligen öffentlich-rechtlichen israelischen Rundfunk „Kol Israel“. Zum ersten Mal blieben die Aussagen aus dem Zeugenstuhl nicht innerhalb des Gerichtssaals, sondern wurden, wie auch die Aussagen Eichmanns, die Stimmen der Anklage, der Verteidigung und der Richter, live in die Häuser und Wohnungen in ganz Israel übertragen. Die Realität des Holocaust drang damit in seiner ganzen Dimension an die Ohren der Öffentlichkeit.

Die Jury: „Dieses Hörspiel betreibt auf eine Weise Medienarchäologie, die mit den Mitteln der Radiokunst spricht. […] Es war ein Ereignis von ungeheurer Tragweite, denn erstmals wurde der Horror der Vernichtungsmaschinerie in allen Details öffentlich gemacht. Und das zur Primetime. Es kam zu einer Flut von Hörer:innenreaktionen. Dieser Fülle von O-Tonaufnahmen und gedruckten Dokumenten hat das Autorenteam eine Familienrolle hinzugefügt, die in die israelische Gesellschaft der Sechzigerjahre zoomt. Eine Mischung, die die Jury beeindruckte, gerade weil sie vielperspektivisch, leicht und detailreich einen neuen Weg findet, die Aussagen der Augenzeugen am Leben zu halten. Und damit unser kollektives Gedächtnis lebendig.“

Die Jury des 71. Hörspielpreises der Kriegsblinden: Elisabeth Fertig (Dozentin, Künstlerin, Übersetzerin), Jette Förster (Mitglied des Präsidium DBSV), Gaby Hartel (Kulturwissenschaftlerin, Vorsitzende der Jury), Thomas Irmer (Freier Journalist, u.a. Theater der Zeit), David Knors (Psychologe), Eva-Maria Lenz (Freie Journalistin, u.a. FAZ, epd), Nina Odenius (Redakteurin Agentur für Bildungsjournalismus), Doris Plöschberger (Suhrkamp Verlag), Dietrich Plückhahn (Stellv. Juryvorsitz, Jurist, Musiker), Diemut Ulrike Roether (Journalistin, epd medien), Siegfried Saerberg (Professor Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie), Dörte Severin (ehem. Studienrätin), Hans-Ulrich Wagner (Leibniz Institut für Medienforschung) Jenni Zylka (Journalistin, Autorin und Moderatorin)

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