Alles Privatsache

Für die Podcastreihe „Du sollst nicht … Wie die 10 Gebote unser Leben bestimmen“ hat der Filmemacher Jens Becker eine Prostituierte, einen Mörder, einen Gentlemangangster, eine Sektenaussteigerin und viele andere, die eines der zehn Gebote gebrochen haben, befragt. Doch warum bloß gibt es in jeder Folge auch ein Kurzhörspiel?

6, 3, 5, 2, 1, 9, 4, 10, 7, 8 – das ist die Reihenfolge in der Radio Bremen Jens Beckers Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten zwischen dem 10. und 24. April auf seinem Programm Bremen Zwei ausgestrahlt hat. In der ARD-Audiothek wird vom 10. April bis zum 5. Juni jeden Sonntag in derselben Reihenfolge eine neue Episode veröffentlicht. Wahrscheinlich ist das gar keine so schlechte Idee gegen die Jetzt-alles-sofort-Ideologie, weil so mehr Aufmerksamkeit auf das lineare Radio gelenkt werden kann. Allerdings braucht es schon gute Gründe, um mit der weder zufälligen noch beliebigen Folge des Dekalogs zu brechen – aber falls es die gibt, werden sie nicht verraten. Doch das ist nicht die einzige Frage, die nach zehn der circa 50-minütigen Folgen und einer Gesamtlänge von achteinviertel Stunden offenbleiben wird.

Über die Gebote selbst, ihre Entstehung im Judentum, ihre Funktion in der Regelung von gesellschaftlichen Beziehungen, wie auch der des Menschen zu sich selbst, erfährt man so gut wie nichts. Selbst die ehemalige Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, die zu Beginn jeder Folge interviewt wird, erzählt lieber von sich selbst als aus professioneller Perspektive. Zu Ende jeder Folge, darf dann die Kriminalpsychologin Lydia Benecke noch etwas zum Thema sagen und antwortet regelmäßig auf die Fragen des Autors Jens Becker, dass die Psychologie und nicht die Theologie ihr Fachgebiet sei. In welcher Beziehung das Strafrecht und ihre Arbeit in der Rückfallprävention von Gewalt- und Sexualstraftätern zu den religiösen Geboten steht, wird natürlich auch nicht erklärt.

Jens Becker interessiert es auch nicht weiter, warum Luther das Hebräische „Du wirst…“ mit „Du sollst…“ übersetzt hat. Aber dass es im Fall des fünften Gebotes umstritten ist, ob die Übersetzung „Du sollst nicht töten“ nicht eher „Du sollst nicht morden“ lauten sollte, wird wenigsten erwähnt. Doch es bleibt bei dem Hinweis und bei ein paar gratis-pazifistischen Bemerkungen – was besonders in Zeiten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bedauerlich ist. Denn hier hätte es wirklich spannend werden können. Stattdessen hören wir die traurige Geschichte eines Mörders, der – kaum erwachsen – zusammen mit einem Kumpel einen guten Bekannten getötet hat und zu neun Jahren Jugendstrafe verurteilt worden war. Das ist eine anrührende und schreckliche Geschichte, und eines der stärkeren Interviews der Reihe, bleibt aber hinter der Komplexität des Themas zurück.

Komplexität scheint sowieso nicht die Sache dieses Podcasts zu sein, stattdessen spürt man ständig das Bemühen, so niedrigschwellig wie nur irgend möglich an die Sache heranzugehen. Das ist in der Regel eine gute Methode, wenn man denn die Perspektive auf den Horizont, vor dem sich das individuelle Scheitern abspielt, eröffnet. Dumm nur, wenn das nicht geschieht. So ist denn die Antwort darauf „Wie die 10 Gebote unser Leben bestimmen“ fast immer dieselbe: ist alles Privatsache.

Dass Margot Käßmann geschieden ist und auch der Autor seine jetzige Frau durch einen Ehebruch kennengelernt hat, erfahren wir gleich in der ersten Podcastfolge, die sich mit dem sechsten Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ auseinandersetzt und die den Ton der gesamten Reihe setzt. Doch Gott sei Dank rettet Salomé Balthus, Gründerin der Escortagentur Hetaera die Sache, indem sie die Ehe als „Eigentumsvertrag über die Wohnung und Beziehungsvertrag über die Kinder“ definiert. Unter ihrem bürgerlichen Namen Hanna Lakomy schreibt Salome Balthus eine Kolumne in der „Berliner Zeitung“. Wie sie gegenwärtige Beziehungsmodelle und Untreue kontextualisiert, erweitert den Diskurs über das eigentliche Verbot hinaus.

Über die Expertenrahmung und die Gespräche mit den von den Geboten Betroffenen hinaus hat die Reihe „Du sollst nicht…“ in der Mitte ein vorproduziertes Hörspiel, in dem sich Autor Jens Becker (Regie: Wolfgang Seesko) auf unterschiedliche Weise den Themen genähert hat. Zum sechsten Gebot gibt es eine Aktualisierung von Goethes „Wahlverwandtschaften“ mit peinlichen Dialogen, zum Fünften („Du sollst nicht töten“) eines über die Mehrfachmörderin Gesche Gottfried (1785-1831), deren Fall schon zweimal verhörspielt wurde. Für das zweite Gebot („Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen“) gibt es ein fiktives Gespräch zwischen dem Feldherren Wallenstein und dem Astronomen Johannes Kepler – und das bleibt weit hinter der Geschichte der gegenwärtigen „Miss Sachsen“ Sophie Jones zurück, die sich mühsam von der düsteren Welt der Zeugen Jehovas emanzipieren konnte.

Nicht einmal mehr unfreiwillig komisch ist das Hörspiel über den Tod und die anschließende Heroisierung Che Guevaras, die das erste Gebot begleitet. Dass ein in der DDR aufgewachsener und nicht christlich sozialisierter Autor wie Jens Becker dabei an Personenkult und Heldenverehrung denkt, mag verzeihlich sein, verfehlt aber komplett die monotheistische Pointe. Im Hörspiel reden der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker und der Chef der Auslandsspionage Markus Wolf auf so vielen Ebenen falsch und unglaubwürdig miteinander, dass es nur noch zum Fremdschämen ist.

Einer der Vorzüge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, dass man auch mal kräftig danebenhauen darf. Wenn man etwas riskiert, darf man auch scheitern. Aber wenn man schon an den Basisqualifikationen radiophonen Erzählens scheitert, dann hätte man sich möglicherweise dazu entscheiden sollen, die im Vorfeld der Interviews und Expertengespräche produzierten Stücke einfach ganz wegzulassen. Denn die meisten der Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen haben nämlich durchaus etwas zu erzählen. Von der Hure bis zur Sektenaussteigerin, vom Gentleman-Bankräuber bis zum jugendlichen Mörder, von der Wohnungsmarktaktivistin bis zur privateigentumsfreien Landkommune.

So wenig originell die Hörspiel-Ideen und ihre Umsetzungen sind, so wenig die den Geboten innewohnenden ethischen Dilemmata reflektiert werden, so wenig fokussiert ist die Zusammenstellung der Gesprächspartner auf die gesamte Reihe gesehen. Man hat das Gefühl sich auf einer akustischen Zeitungsseite für „Vermischtes“ zu befinden. 6, 3, 5, 2, 1, 9, 4, 10, 7, 8 – die Reihenfolge ist hier völlig egal, aber selbst die von 1 bis 10 hätte hier nicht mehr Sinn ergeben.

Dass es auch anders geht, hat der Hessische Rundfunk bewiesen, als er von 2014 bis 2016 das 21-teilige „Bibelprojekt“ realisiert hat, für das renommierte Autoren von Dietmar Dath bis Feridun Zaimoglu sich Stoffen aus der Bibel angenommen haben und das hochkarätig besetzt mit versierten Regisseuren und Komponisten umgesetzt wurde.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 05.05.2022

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