Der Autor als Leser und Hörer

Axel-Eggebrecht-Preis 2018: Auszeichnung für Alfred Koch

Alfred Koch. Bild: Ursula Hummel-Berger / ORF.

Alfred Koch. Bild: Ursula Hummel-Berger / ORF.

An dem österreichischen Radiofeature-Autor Alfred Koch schätzen seine Gesprächspartner, dass – so hat es der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg formuliert – seine Gespräche weniger Interviews seien, als vielmehr „die Übersetzung seiner Leseerfahrung in sein Medium“. Koch ist nicht nur ein sorgfältiger Leser, Schreiber und Gesprächspartner. Als Radiomacher muss er auch ein guter Hörer sein. Einer, der es schafft, auch Tondokumente, die er nicht selbst aufgenommen hat – beispielsweise weil die Autoren, für die er sich interessiert, schon tot sind –, organisch in seine Sendungen einzupassen. So wird unter anderem der Literaturnobelpreisträger William Faulkner (1897 bis 1962) in Kochs Radiofeature „Schall und Wahn“ aus dem Jahr 2015 wieder lebendig. Und nebenbei liefert Koch auch noch eine penible Analyse des als schwer lesbar geltenden Romans, der im amerikanischen Original übrigens „The Sound and the Fury“ heißt.

Am 26. Juni erhielt Alfred Koch den Axel-Eggebrecht-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig, der nun zum sechsten Mal vergeben wurde. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert und wird im Wechsel mit dem Günter-Eich-Preis alle zwei Jahre für ein Lebenswerk verliehen. Alfred Koch, 1957 in Graz geboren, macht seit 1976 Radio. Zunächst arbeitete er für die Jugendsendung „Musicbox“, die vom ORF-Programm Ö3 ausgestrahlt wurde. Später betreute Koch die Reihe „Diagonal – Radio für Zeitgenossen“. Seit 1995 verantwortet er bei der Kulturwelle Ö1 die wöchentliche Sendung „Tonspuren – Hörbilder zur Literatur“, in der Literaturfeatures gemacht werden, und zwar, wie sich der ORF auf seiner Internet-Seite rühmt, „unter Aufbietung aller akustischen Mittel, die das Radio zu bieten hat“.

In Kochs wohl bekanntestem Feature „‚In der Seele gibt es ein Bedürfnis, nicht zu denken‘ – Das doppelte Leben des Raymond Carver“ aus dem Jahre 2001 zeigt sich der Einsatz der akustischen Mittel des Radios in einer fast permanenten musikalischen Untermalung, die den Texten und Originaltönen den Rhythmus geben. Dabei drängt sich die Musik jedoch nie in den Vordergrund, wie auch das Arrangement der Texte immer im Dienst von Kochs besonderer Art steht, seine Gesprächspartner zu porträtieren. Das Stück, eine Koproduktion von WDR und ORF, erhielt 2002 den Prix Italia und wurde in vielen Sprachen (beispielsweise Englisch, Kroatisch, Finnisch, Norwegisch und Schwedisch) adaptiert.

Bevor Alfred Kochs Literaturfeatures ihren spezifischen Sound entwickeln können, braucht es eine akkurate Vorbereitung, die zunächst die Lektüre des Gesamtwerks des zu Porträtierenden umfasst. Dann folgt das Interview, das meist anders läuft als geplant. Ob es gut war, weiß Koch erst, nachdem er es transkribiert hat. Das hat er seinem Kollegen Philip Scheiner verraten, der anlässlich der Verleihung des Axel-Eggebrecht-Preises den Porträtisten für das Radio porträtiert hat. Aus dieser Hommage, die unter dem Titel „Die ständige Neuerfindung des Radios“ am 26. Juni sowohl auf Ö1 als auch auf MDR Kultur zu hören war, erfuhr man erheblich mehr über die Arbeitsweise von Alfred Koch als aus dem etwas zähen Gespräch des MDR-Moderators Thomas Bille mit dem Preisträger in Leipzig.
Im Bewegtbild kann man Alfred Koch in der filmischen Hommage von Mirela Jašić sehen.

Manche Interviews, wie zum Beispiel das etwas mühsame mit der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates, entfalteten für Koch erst in der nachträglichen Lektüre ihre Kraft. Umgekehrt könnten angenehme Gespräche sich im Nachhinein als Ansammlung von Plattheiten entpuppen. Die Ton-Aufnahme aber enthält auch jene Schwingungen in der Stimme, die über das Gesagte hinausweisen. Koch jedenfalls weiß, was er tut, wovon und mit wem er spricht. Dieser Respekt vor seinen Gesprächspartnern und deren Werken ist nicht allen Journalisten gegeben, wie Koch in seinem hochkomischen Feature „‚Können Sie nicht lesen?‘ Interviews mit Schriftstellern über Interviews mit Schriftstellern“ (ORF 1997) festgestellt hat. Darin entwickelt er eine sechs-stufige Typologie des Fragenstellers von dem „Belesenen“ bis zum „Unbedarften“ und lässt Autoren von T.C. Boyle über Ernst Jandl bis Marlene Streeruwitz von ihren Gesprächserfahrungen berichten.

Alfred Koch und Anna Koch-Handschuh beim Axel-Eggebrecht-Preis_2018. Bild: Volkmar Heinz / Medienstiftung der Sparkasse Leipzig.

Alfred Koch und Anna Koch-Handschuh beim Axel-Eggebrecht-Preis_2018. Bild: Volkmar Heinz / Medienstiftung der Sparkasse Leipzig.

Der hohe Aufwand, den Koch für seine Sendungen betreibt – und nach zwanzig Jahre als freier Mitarbeiter nun auch als fest angestellter Redakteur betreiben kann –, teilt sich in den Sendungen unterschwellig mit, ohne dass man es besonders betonen müsste. Die fünfköpfige Jury, der Richard Goll (Vorsitz), Ulrike Toma, Linde Rotta, Aldo Gardini und Nikolai von Koslowski angehörten, lobte denn auch die „magischen Hörmomente“, die in Kochs Sendungen immer wieder aufblitzen und „ein Gegenentwurf zur heutigen Häppchenkultur“ seien. Koch liefere den Hörern „psychologische und philosophische Erkenntnisse“. Hoffentlich hat das niemand im neuen ORF-Stiftungsrat gehört.

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 15/2018

 

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