Befindlichkeitsstudie mit Haushaltsdefiziten

Paul Plamper: Der Kauf

WDR 3, Sa 25.05. und So 26.05.2013 jeweils 15.05 bis 15.40 Uhr / Bayern 2, Sa 01.06.2013, 15.05 bis 16.15 Uhr

Samstag, den 25. Mai, auf einer Brache hinter der vom Schauspiel Köln bespielten „Halle Kalk“. Zwischen den hüfthohen Gräsern und den ins Kraut schießenden Birken irren mit MP3-Playern und Kopfhörern ausgestattete Hörspielhörer zwischen weißen Aufstellern eines sogenannten „Hörspielparcours“ herum. Auf denen stehen Formulierungen wie „Keine Einsicht“ oder „Du gehörst überhaupt nicht hierher“. Während im Radio bei WDR 3 der erste Teil von Paul Plampers in Kunstkopf-Stereophonie aufgenommenem Hörspiel „Der Kauf“ läuft, werden die Hörer vor Ort bei der Begehung der Hörspielinstallation vom Autor und von WDR-Hörspielchefin Martina Müller-Wallraf mit Schirmen gegen die Regenschauer versorgt.

 

Wer jetzt kein Haus hat ... Paul Plampers Hörspiel-Installation "Der Kauf". Foto: Jochen Meißner

Wer jetzt kein Haus hat … Paul Plampers Hörspiel-Installation „Der Kauf“. Foto: Jochen Meißner

Zu Beginn des Stücks wähnt man sich bei einer Wohnungsbesichtigung. Eine Maklerin will einem Interessentenpärchen eine Dachgeschosswohnung zeigen, während der ursprüngliche Besitzer die beiden darauf hinweist, dass hier ein Spekulationsobjekt verkauft werden soll. Schon bald merkt man aber, dass die Geschichte rückwärts erzählt werden wird: wie es zu dem Verkauf kam, welche Freundschaften und Beziehungen daran zerbrochen sind, wie man sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen versuchte. Und vor allem geht es darum, wie man trotz günstiger Lebensumstände sein unglückliches Bewusstsein kultiviert.

Der Plot ist schnell erzählt. Achim und Britta haben zusammen mit einer Baugemeinschaft mit großzügigen Fördermitteln ein Haus gebaut, dessen oberste Etage sie seit zirka 20 Jahren bewohnen. Aber in ihnen schlummert immer noch eine gewisse hippieske Sehnsucht nach einer Weltreise und eigentlich ist man ja dagegen, von Besitz besessen zu sein. Ein befreundetes Paar, Claire und Dirk, schöpft seine sämtlichen Ressourcen (inklusive eines vorgezogenen Erbes) aus, um Achim und Britta ihre Wohnung abzukaufen – und zwar zu einem Preis, den Achim und Britta auf dem freien Markt nie erzielt hätten. Doch dann überlegt Achim es sich anders, er will diesen Verkauf an Claire und Dirk nicht mehr.

Weil die beiden Pärchen jedoch auf einer Serviette eine Art Vorvertrag vereinbart hatten (juristischer Fachterminus: „Culpa in contrahendo“), sind Achim und Britta gezwungen, die Wohnung zu verkaufen. Allerdings nicht ohne vorher noch saftige Aufschläge für die von Achim geschreinerten Einbaumöbel zu verlangen, die malerische Fassadenbegrünung mit Bleichmittel zu vergiften, die ehemaligen Freunde als üble Spekulanten und Gentrifizierer zu denunzieren und im Viertel unmöglich zu machen. Am Schluss ist die Ehe von Claire und Dirk am Ende und die Wohnung, die die beiden nie bewohnt haben, steht erneut zum Verkauf.

So erzählt hat die Story etwas Seifenopernhaftes. Doch durch den einfachen Trick, die Geschichte von hinten nach vorne zu erzählen, entfalten einige Szenen eine bizarre Komik, die in der normalen Chronologie so nicht wirken würde. Gegen Ende des Stücks, das heißt gegen Anfang der Handlung, kann man die Genauigkeit der Exposition genießen, in der das folgende Desaster bereits angelegt ist. Man kann dieses Verfahren analytisch nennen, allerdings sind die Väter von Plampers insgesamt 70-minütigem analytischen Drama „Der Kauf“ (Koproduktion: WDR, BR, Deutschlandfunk und Schauspiel Köln) – das in WDR 3 nur wegen der strikten zeitlichen Formatierung in zwei Teilen gesendet werden musste – weniger Sophokles und Lessing als vielmehr Tschechow und Ibsen.

Als solches ist es eine herausragende Ensemble-Leistung. Auch wenn man Milan Peschel in ähnlichen Rollen schon mal gehört hat. In „Der Kauf“ wirkt sein arbeitsloser Tischler Achim wie eine Kreuzung aus dem Loser in Plampers Popmusik-Farce „TOP HIT – leicht gemacht“ (WDR 1Live; vgl. FK 24/02) und dem Rebell aus dessen Hörspielinszenierung von J.G. Ballards Dystopie „Hochhaus“ – immer etwas verpeilt, aber, wenn’s drauf ankommt, knallhart auf seinen Vorteil bedacht, was Achim natürlich heftig bestreiten würde. Jan Henrik Stahlberg als sein Antagonist Dirk gibt, wie schon in der Rolle des Mux in seinem Kinofilm „Muxmäuschenstill“ (2004), einen auf formale Regeln fixierten Zwangscharakter. Cristin König als Achims Frau Britta steht ihrem Mann in nichts nach und Sandra Hüller als Claire ist kaum zu überschätzen.

Paul Plampers Stück (dessen Produktion von einer Förderung durch die Film- und Medienstiftung NRW mit ermöglicht wurde) lebt von seinen Figuren, deren Sätze aber nicht über ihren eigenen Horizont hinausweisen und deshalb letztendlich flach sind. „Der Kauf“ ist kein Thesenstück, sondern die Befindlichkeitsstudie eines gemäßigt arrivierten, alternativ angehauchten Bürgertums, das sich an seine Lebenslügen klammert. Der offensive Spruch vom „Kauf als Waffe“, der der subversiven wohnungspolitischen Urbarmachung der Brache einst eine neue Form gegeben hatte, wird gleich wieder als „Versklavung an den umbauten Raum“ problematisiert – dumpf Nachgeplappertes als Zeichen einer diffusen postmaterialistischen Grundhaltung. So waren denn auch, was die Freiluftausstrahlung anging, die Zitate auf den Aufstellern – den Hindernissen des „Hörspielparcours“ –, die zwar grob der Zeitachse folgten, ohne allerdings den Besuchern einen Weg vorzugeben, merkwürdig unspezifisch und konnten außerhalb des Hörspielkontextes kaum für sich selbst stehen.

Der Wirtschaftspublizist Wolf Lotter („Brand Eins“) hat in Stefan Weigls Hörspiel „Stripped – Ein Leben in Kontoauszügen“ (WDR 3; vgl. FK 22/04) sehr weitreichenden Frage gestellt: „Was heißt es eigentlich, nicht gelernt zu haben, mit Ökonomie umzugehen? Was heißt es eigentlich, sich ständig Kräften auszusetzen, die man nicht versteht?“ Lotter hat auch gleich die Antwort gegeben: „Menschen, die ökonomisch unfrei sind, sind selbstverständlich auch sonst unfrei.“

Obwohl Plampers Figuren keine ökonomischen Sorgen haben, leiden sie allesamt unter gewaltigen Defiziten, was Souveränität, Selbstreflexion und Selbstironie, kurz: was ihre intellektuellen und emotionalen Haushalte angeht. Kein Wunder, dass am Schluss alle als Verlierer dastehen und die nächste Eigentümergeneration die ehemalige Brache übernimmt. (Beim Deutschlandfunk wird „Der Kauf“ am 15. Juni um 20.05 Uhr ausgestrahlt.)

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 23/2013

 

Update 10.11.2013:
Alexander Cammann: So  reden wir heute. Paul Plampers großartiges Hörspiel „Der Kauf“. In: Die Zeit, 07.11.2013
„Der Kauf“ hat den Deutschen Hörspielpreis der ARD gewonnen.

Update 28.11.2013:
„Der Kauf“ ist von den Juroren der HR2-Hörbuchbestenliste zum Hörbuch des Jahres 2013 gewählt worden:

Der Immobilienmarkt läuft aus dem Ruder, bezahlt wird für gute Lagen fast jeder Preis. Da kommt dieses Hörspiel zur rechten Zeit. Es erzählt von zwei Paaren, die um den Kauf einer Wohnung zu erbitterten Gegnern werden. Fasziniert hören wir, wie in bester Dogma-Manier erschreckend authentisch um Knöterich und Regalwand gerungen wird. Das fantastisch agierende Ensemble und die ausgeklügelte und packende Dramaturgie in Rückblenden zeigen Plampers herausragende Stellung als Autor und Regisseur.

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