Wir sind schon rechte Teufel

Björn SC Deigner: Die Polizey

Deutschlandfunk Kultur, Mi 17.8.2022, 22.05 bis 23.00 Uhr

Kann es gutgehen, wenn man einen Verbrecher zum Polizeichef macht? Auf lange Sicht nicht, wenn man dem Hörspielmacher Björn SC Deigner glaubt. In seinem Hörspiel „Die Polizey“ erzählt er eine Kriminalgeschichte der Polizei, die von einem Dramenfragment Friedrich Schillers inspiriert wurde.

Der Ort ist Paris, die Zeit um 1800 und es ist Nacht, als die Polizei in ihrer heutigen Form geboren wird. Auf Basis eines Fragments von Friedrich Schiller erzählt der Hörspielmacher Björn SC Deigner seine Geschichte der „Polizey“, die von Luise Voigt mit der Musik von Friederike Bernhardt für das Hörspiel inszeniert worden ist und am 17. August im Deutschlandfunk Kultur urgesendet wurde.

Die Nacht, schreibt Schiller, sei der eigentliche Gegenstand und Spielraum der Polizey. Genauer gesagt ist es das Dunkel, das durch die Installation der Straßenbeleuchtung in Paris die dunkle Nacht als das Bedrohliche und Gefährliche neu definiert. Einer, der sich in diesem Dunkel bestens zurechtfindet, ist Eugene Francois Vidocq, ein Ex-Soldat, Ex-Zuchthäusler und Ex-Freibeuter und Spitzel, der 1811 die Sicherheitspolizei Surete gründet, der er 18 Jahre lang vorstehen sollte. Vidocq (gesprochen von Wolfgang Michael) rekrutiert seine Belegschaft aus Seinesgleichen: ehemaligen Zuchthäuslern und Soldaten – entsprechend gewalttätig geht es in den Straßen zu. Paris ist ein Gefängnis in der Gewalt des Monarchen, schreibt Schiller. Und im Hörspiel singt dazu ein Kinderchor „Heil Dir im Siegerkranz“.

„Die Polizei muss oft das Üble zulassen ja begünstigen und zuweilen ausüben, um das Gute zu tun oder das größre Übel zu entfernen“, schreibt Schiller. Diese im Kern paradoxe Legitimationsfigur zieht sich historisch durch die Geschichte der Polizei für die Deigner in seinem Hörspiel einige Beispiele gibt.

Die nächste Station auf seiner Reise durch die Kriminalgeschichte der Polizei ist das Jahr 1925, in dem Mitglieder der inzwischen aufgelösten Brigade Ehrhardt ihr Unwesen treiben („Hakenkreuz am Stahlhelm / Schwarz-weiß-rotes Band / Die Brigade Ehrhardt / Werden wir genannt“). Ein Kriminalassistent (Patrick Güldenberg), der im Fall der Verunglimpfung der Reichsfarben („schwarz, rot, senf“) ermittelt, wird massiv von einem Truppführer der Polizei (Manuel Harder) bedroht. Es ist der alte Korpsgeist, der „faulige Stellen“ am Polizeikörper herausschneiden will – und damit meinen die sogenannten Kaisertreuen die verfassungstreuen Kräfte in der Weimarer Republik.

Die breiteste Blutspur aber hinterlassen die Sicherheitsorgane im Nationalsozialismus, als auch Polizeibataillone Massenerschießungen durchführen. Ein zur Ordnungspolizei eingezogener Holzhändler hält das Töten nicht aus und wird von seinem vorgesetzten Major an anderer Stelle eingesetzt. Er hat nun dafür zu sorgen, dass niemand der Mordbande entkommt.

In der Gegenwart kommt das Hörspiel mit dem Prozess gegen die rechtsterroristische Terrorzelle des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) an. Dort wird ein Polizist wegen seiner Mitgliedschaft im Ku-Klux-Klan befragt und stellt sich offensiv dumm. O-Töne gibt es von dem Prozess nicht, aber Protokolle von Journalisten.

Wovon es allerdings O-Töne gibt, ist der rassistische Überfall auf ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen 1992. Doch es sind nicht die erwartbaren Töne des johlenden Mobs, der ein Hochhaus in Brand setzt, es sind die Anrufe von Anwohnern bei der Feuerwehr, die man zu hören bekommt. Dort wird von der Leitstelle aus hinhaltend auf die Leute eingeredet und bedauernd mitgeteilt, dass man leider nicht löschen könne, weil man nicht an das Gebäude herankäme. Stundenlang lassen Rettungs- und Sicherheitskräfte den Mob gewähren, während die Panik bei den Anwohnern wächst. Hier wird nahezu physisch fassbar, was es heißt „ein Übel zulassen, ja es begünstigen“.

„Wir sind schon rechte Teufel, aus denen ein Staat gemacht werden soll“, heißt es an anderer Stelle im Hörspiel und damit ist der selbstzerstörerische Kern definiert, wenn der zivilisatorische Fortschritt des Gewaltmonopols beim Staat sich gegen die Bevölkerung richtet. Das Erstaunliche ist, dass man sich an das (Quer-)Denken in paradoxalen Konstruktionen so gewöhnt hat, dass man es gar nicht mehr überraschend findet, wenn die auf den Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereidigten Kräfte sich daran beteiligen, diese zu zerstören. In diesem Zusammenhang wird im Hörspiel der ehemalige Präsident der Thüringer Verfassungsschutzes Helmut Roewer (Hansa Czypionka) zitiert, der insinuiert, bei den NSU-Morden sei die „Antifa“ Drahtzieher dieses „Phantoms NSU“. Die Täter-Opfer-Umkehr ist für diese auf Zwiedenken trainierten Hirne die leichteste Übung.

Paradoxe Gegensätze bestimmen nicht nur den Text, sondern auch die Inszenierung des Hörspiels. Chorische Passagen treffen auf Einzelstimmen, ohne sie allerdings in direkte Opposition zu stellen. Sie wechseln vielmehr die Rollen, gehen ineinander über. Björn SC Deigner hat dem Text, der ursprünglich für das ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg geschrieben wurde, eine Spielanweisung vorangestellt, in der unter anderem steht: „Dieser Chor [der Polizei] skandiert nicht und falls doch, dann weiß er nichts davon.“ In Björn SC Deigners Hörspiel hört man das leise, dystopisch-unbewusste Echo jener Lautsprecher a la Helmut Roewer und Hans-Georg Maaßen, die bis vor Kurzem den Ton in den Sicherheitsbehörden angegeben haben und ihn jetzt in die Sozialen Netzwerke hinausschreien.

 

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