Hörspiel des Monats August 2022

Die Polizey

von Björn SC Deigner

Regie: Luise Voigt
Komposition: Friederike Bernhardt
Redaktion:  Barbara Gerland
Produktion:  DLF Kultur 2022
Länge: 55:46
Ursendung: 17.8.2022, DLF Kultur

Die Begründung der Jury

Friedrich Schillers kurz vor seinem Tod um 1800 entstandenes, gleichnamiges Fragment bildet den Ausgangspunkt für Björn SC Deigners Text „Die Polizey“, den Luise Voigt als Hörspiel bearbeitet und inszeniert hat. Verse von Schiller werden umspielt mit Deigners eigenen Worten und erschaffen eine beschwörende poetische Beschreibung der Nacht im Paris des beginnenden 19. Jahrhunderts: „Paris ist ein Schlund, in dem die Menschheit verschmilzt, die Häuser so hoch, dass die Bewohner tagsüber Kerzen anzünden“. Aus jener Atmosphäre des Unheimlichen werden uns die Anfänge der Institution Polizei vorgestellt, so wie sie sich in den Worten Deigners in ihrer heutigen Struktur darstellt:

die Nacht ist der Polizei ihr eigentliches Zuhause
wenn der Mensch sich der Freude hingibt
auf dem Rummel oder auf Volksfesten
beginnt ihr eigentliches Geschäft
wo der eine seine Seele baumeln lässt
nimmt der andere den Knüppel in die Hand
und wer schläft verliert den Vorsprung
den er sich bei Tage erworben hat

Daraufhin lernen wir den Dieb und Mörder Vidocq kennen, dessen kriminelle Karriere kaum etwas ausließ und der schließlich zum Spitzel und Chef der ersten Art Kriminalpolizei in Paris, der Sûreté, ernannt wird. Deutlich werden hier die eigenen Verstrickungen der Polizei mit dem, was sie eigentlich bekämpft. So heißt es bei Schiller:

Die Polizey muss oft das Ueble zulaßen, ja begünstigen und zuweilen ausüben, um das
Gute zu thun oder das größre Uebel zu entfernen.
In verschiedenen weiteren Szenen gelingt es sowohl Deigner in seinem Text als auch Luise Voigt in ihrer unaufdringlichen, wenig pathetischen Inszenierung, die verschiedenen Facetten der Institution Polizei über die letzten Jahrhunderte hinweg im Rekurs auf das Schiller’sche Fragment darzulegen und zu verschränken: die Polizei als Hüterin der Ordnung, als brutaler Apparat des Staates, als von Spitzeln durchdrungene Vereinigung, als eine von Rechtsradikalen in Teilen unterwanderte Institution, die ihre Verbindungen zum NSU leugnet.

Eine Sequenz gegen Ende des Hörspiels sticht besonders hervor, in der die bis dato fiktionalisierte Realität selbst in brutaler Weise als O-Ton in Erscheinung tritt: Anrufer*innen sind zu hören, die der Feuerwehr verzweifelt mitteilen, dass ein Asylbewerber*innenheim in Rostock-Lichtenhagen (August 1992) brennt und die Polizei nichts dagegen zu tun scheint. Der überforderte Feuerwehrmann, wiegelt am Telefon ab mit den Worten, dass die Polizei (noch) nicht vor Ort ist, und dass die Kolleg*innen selbst „nicht rankommen“.

Luise Voigt hat auf Basis von Björn SC Deigners Text ein Hörspiel kreiert, das mit historischen und aktuellen Quellen ein kritisches Porträt der Polizeiarbeit zeichnet. Das Stück beeindruckt in seiner Sprachgewalt und aufgrund der radiophon sehr eindrücklichen Umsetzung. Besonders lobend hervorzuheben sind denn auch die Sprechregie und das Sprecher*innen-Ensemble.

Das Hörspiel des Monats wird am 01.10.2022 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Ayeda Alavie: Die, die besser sind als wir
DLF, keine Nominierung
DLF Kultur, Björn SC Deigner: Die Polizey
HR, John von Düffel: Die Ballade von Robin Hood Erzählkonzert mit Christian Brückner und dem Wilden Jazzorchester
MDR, Dirk Laucke: Ramsch (ARD Radio Tatort)
NDR, keine Nominierung
RB, keine Nominierung
RBB, keine Nominierung
SR, keine Nominierung
SWR, Heiner Goebbels: Juke Box Archive
WDR, Jens Rachut: 40 Tage Regen
ORF, Antonio Fian: Dramolette
SRF, keine Nominierung

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