Unter dem Diktat des Audience Flow

Rafael Jové: Das Radio ist nicht Sibirien

ORF Ö1, Di 15.05.2012, 21.00 Uhr

Hagen Pollaschek geht es nicht gut. Zusammengekauert hockt der Moderator des „Mittagstischs“ – einem Magazinformat des (fiktiven) öffentlich-rechtlichen Senders FDR 2 – vor dem Mikrofon; er will sich nicht mehr damit abfinden, seine Hörer wie grenzdebile Idioten behandeln zu müssen. Denn, so lautet einer der zentralen Sätze in der knapp 50-minütigen Kulturradio-Parodie „Das Radio ist nicht Sibirien“ von Rafael Jové: „Irgendwann – vielleicht hatte gerade der Intendant gewechselt – beschloss irgendjemand, dass Sie als Hörer einen Sender zwar einschalten dürfen, aber niemals wieder aus.“

Seitdem herrscht die Diktatur des Audience Flow und die der Markt- und Hörerforschung. „Dabei stellte sich etwas Erschütterndes heraus“, konstatiert Pollaschek, „unser Angebot war für das Interesse eines einzelnen Menschen zu vielfältig, also mussten wir die Vielfalt ein wenig auf Sie zuschneiden.“ Schöner kann man die Denkweise der Programmreformer kaum zusammenfassen, die schon die Kulturwellen Radio Brandenburg, SFB 3 und demnächst wohl auch WDR 3 auf Stromlinienform gebracht haben. Der Grund für Pollaschek: „Um den Hörer davon abzuhalten, das Programm zu wechseln, muss man ihn vergessen lassen, dass er es überhaupt hört. Aller Zeitlichkeit enthoben, soll es als niemals versiegender, gleichmäßig warmer Strom in seine Ohren gespült werden und dort versickern können.“

Jovés Hörspiel ist Balsam für die Seele jener geknechteten und gedemütigten Hörfunkredakteure, die sich einer doppelten Verachtung ausgesetzt sehen: die ihrer Vorgesetzten, die „das alte Redakteursradio“ noch nie mochten, und die ihrer Hörerschaft, die sich nicht für dümmer verkaufen lassen will, als sie ist. Doch nicht nur deswegen ist Jovés Stück zum Hit der Saison geworden – das Nordwestradio, SWR 2 und WDR 3 (!) haben es schon im März und April gesendet und zwar sowohl auf Hörspiel- als auch auf Feature-Sendeplätzen. Ö1, die Kulturwelle des Österreichischen Rundfunks (ORF), hat jetzt nachgezogen und Deutschlandradio Kultur will das Hörspiel im Herbst senden. Zum Hit geworden ist es vor allem wegen seiner Genauigkeit in der Parodie. Und weil es außerdem die Konsequenzen der hohlen Marketingphrasen in Form und Inhalt hörbar macht.

Entstanden ist das Stück im Studiengang ‚Experimentelles Radio‘ an der Bauhaus-Universität Weimar, wo der Regisseur Ulrich Gerhardt auf das Manuskript aufmerksam wurde und es gleich mit dem Autor in der Hauptrolle inszeniert hat – lange bevor die Pläne zur derzeit debattierten WDR-3-Reform bekannt geworden waren. Die Besetzung mit Rafael Jové ist ein Glücksfall. Er liegt mit seiner Stimme und seinem Sprachduktus immer genau so haarscharf neben den eingeschliffenen Sprech- und Hörkonventionen des Kulturradios, dass man ihm zwar die Figur abnimmt, ohne ihr jedoch ganz auf den Leim zu gehen. Zu viel Schauspielbedarf und Pointenhuberei hätten dem Text schwer schaden können, doch derart unterspielt entfaltet das verzweifelte Bemühen Pollascheks, im gehobenen Plauderton zu verbleiben, ohne seine Wut und Frustration die Überhand gewinnen zu lassen, ein Höchstmaß an Komik.

Komplettiert wird der Abstieg in die Hölle des formatierten Kulturradios durch die auf ihre Harmonien reduzierten und trotzdem sofort wiedererkennbaren Musikstücke von den Wings bis Us3 und von Chris de Burgh bis Norah Jones, die in aller quälenden Ausführlichkeit exekutiert werden. Unerwartet vorhersehbare Fremdkörper im Programm, wie die Lyrik-Clips, mit denen der Deutschlandfunk einst Hochkultur zelebrierte, bekommen hier genauso ihr Fett weg wie der aufgeregte Trailer zu einem wirklich schlechten Facebook-Hörspiel („Emoclash 3.0“), das man genau so schon einmal auf WDR 1Live gehört zu haben meint.

Die Apotheose der Abrechnung mit dem eigenen Medium feiert Moderator Pollaschek indes mit dem Ausschaltimpulsgeber Nr. 1, vor dem selbst heute noch – im Jahr des 100. Geburtstags von John Cage – Hörspielchefs einen Horror vacui haben: der Stille – und sei sie auch nur 10 bzw. 30 Sekunden lang. Aber natürlich kündigt der Moderator keine banale Sendepause an, sondern kulturell wertvolle Edelstille, aufgenommen im großen Sendesaal des Dänischen Rundfunks. Hörbar ist dann aber nur – ein genial-ironischer Schachzug Jovés – ein digitales Nichts. „Aber stellen Sie sich die sibirische Tundra vor und bedenken Sie das Ausmaß von absoluter Stille, die da täglich anfällt“, entschlüsseln Pollaschek/Jové den Titel des Hörspiels, um dann versöhnlich zu versprechen, dass das Radio nicht Sibirien ist und auch nicht sein will.

Eigentlich müsste Rafael Jovés von großer Liebe zum Kulturradio getragenes Hörspiel Pflichtprogramm für den WDR-Rundfunkrat sein, der am 30. Mai die Programmreform von WDR 3 absegnen soll, denn es gehört zum Komischsten und Intelligentesten, was derzeit zum Thema ‚Nachfrageorientierte Programmgestaltung‘ zu hören ist.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 21-22/2012

Update 01.06.12
Am 30. Mai hat der Rundfunkrat die Programmreform durchgewunken. Trotz knapp 19.000 Unterschriften unter der Petition der Radioretter. Man hört halt nur ungern auf Berater, die man nicht selbst bezahlt hat. Und die Öffentlichkeit war offensichtlich der falsche Adressat. Deshalb appelliert in Rafael Jovés Hörspiel der Moderator am Schluss an seine Hörerschaft: „Artikulieren Sie das unbedingt einem Marktforscher gegenüber. Die großen Entscheider bei uns hören auf das was die Marktforschung erzählt, die gefrieren jedes Mal in Schockstarre wenn die neue Media-Analyse kommt.“

Alexandra Zwick hat im Tagesspiegel vom 01.06.12 darüber berichtet. Hier der letzte Absatz:

So viel Abschottung im Umgang mit Kritikern hätten viele dem traditionell als tolerant geltenden WDR vorher gar nicht zugetraut. Nicht genug, dass Intendantin Monika Piel durchgehend ihren Hörfunkdirektor vorschickte, der die 19 000 Radioretter mal zu „Radiorentnern“, mal zu naiven „Internet-Klickern“ kleinredete. Es wurde auch bekannt, dass Vorgesetzte reformunwillige Mitarbeiter offenbar in Einzelgesprächen unter Druck gesetzt haben. Mittlerweile ist das Klima so schlecht, dass man intern schon von „DDR 3“ statt von WDR 3 spricht. Kein gutes Omen für eine anvisierte rosa Radio-Zukunft.

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