Phantastik und Religion

Christoph Buggert: Die ganze Wahrheit über meinen Vater

MDR Figaro, So 29.03.2015, 18.00 bis 18.55 Uhr

Von einem Hörspiel, das „Die ganze Wahrheit über meinen Vater“ heißt, erwartet man vielleicht eine Enthüllungsgeschichte oder eine Abrechnung, zumindest aber einen Ich-Erzähler. All das gibt es in der neuen Hörspielkomödie von Christoph Buggert jedoch nicht. Stattdessen wird man mit einer Verhörsituation konfrontiert, in der ein Kriminalhauptkommissar (gespielt von Burghart Klaußner) wegen irgendetwas ermittelt. Was genau der Gegenstand seiner Nachforschungen ist, erfährt man erst nach und nach.

Schon die Vorgeschichte ist surreal genug. Da haben sich im Arbeitszimmer des Pfarrers Alexander Gmelin (Michael Wittenborn) an der Decke Stiefelabdrücke gebildet. Ein paar Tage später ragten die Stiefel selbst in den Raum, dann die Beine und schließlich fiel ein kompletter Engel aus der Decke. Einer, der gerne Basketballschuhe und Boss-Anzüge trägt, der ausgerechnet in einem Steakhaus das Salatbuffet plündert und die verhärmte Gemeindediakonisse beglückt. Ja, das ist sexuell gemeint.

Was der Engel eigentlich will, ist, den Pfarrer zum Rücktritt zu drängen. Denn der zweifelt nicht nur von der Kanzel herab an seinem Glauben, er hat sich auch eine kleine Handbibliothek der Gottesbeweise von Aristoteles bis Kierkegaard zugelegt. „Wer feste Bretter auslegen muss, bewegt sich auf sumpfigem Boden“, kommentiert ein Kollege aus der Nachbargemeinde Gmelins Verhalten – ein für einen Theologen ziemlich bemerkenswerter Satz. Doch Pfarrer Gmelin ist nicht nur Theoretiker, er macht auch – und das zu Pfingsten – ein Experiment: Er will die Versuchung Abrahams nachstellen, seinen eigenen Sohn Tobias Isaak-gleich seinem Gott opfern. Natürlich in der Hoffnung auf göttliche Gnade in letzter Minute. Doch leider hält ihn sein Gott nicht davon ab und natürlich bringt er es dann doch nicht übers Herz, seinen Sohn mit dem Brotmesser zu attackieren.

Als aber schließlich der Engel mit einem Rücktrittsformular ankommt, das er nur noch zu unterschreiben braucht, dreht Pfarrer Gmelin durch und erschlägt ihn. Natürlich lässt der Engel das zu – seine Opferrolle geradezu genießend – und endlich weiß man, warum der Kommissar nun überhaupt ermittelt. Denn es gab eine Augenzeugin des Vorfalls, auch wenn sich naturgemäß keine Engelsleiche finden lässt und der Pfarrer verschwunden ist.

Der Plot von Christoph Buggerts 55-minütigem Hörspiel ist also prall gefüllt, die komischen Stellen sind zahlreich, die Figurenzeichnung ist erfahrungsgesättigt. Denn Christoph Buggert ist Pfarrerssohn und vor diesem biografischen Hintergrund erklärt sich auch der Titel des Hörspiels – der wegen der Phantastik des Textes natürlich ironisch zu verstehen ist. Buggerts erster Roman von 1988 hieß „Das Pfarrhaus – Buch der Entzückungen“. Das aktuelle Hörspiel basiert auf einer Geschichte aus dem noch unvollendeten Nachfolgeprojekt, das „Das Buch der Martern“ heißen soll.

Regisseur Stefan Kanis hat merkwürdig zurückhaltend auf das Angebot des Textes reagiert. Die große Katrin Angerer ist in der Rolle der Gemeindediakonisse als komische Person leider nicht die richtige Besetzung, während Burghart Klaußner als Kommissar, Ulrike Krumbiegel als coole und witzige Pfarrersfrau und Oskar Gabriel als Sohn ihre Sache sehr gut machen. Einer der Höhepunkte des Stücks, die „sechs Lehren zur richtigen Nutzung der neun Körperöffnungen“, Gebote, die der Vater seinem Sohn mitgibt, sind – und das ist wirklich schade – durch Textüberlagerungen derart weginszeniert, dass man nur, wenn man sich beim Sender das Manuskript bestellt, in den Genuss der lutherischen Drastik kommt.

Zum Schluss ist es der Pfarrer, der in der Decke verschwindet, denn nur da, wo der Engel hergekommen ist, wird der Alexander Gmelin Antworten auf seine Fragen finden. Statt ihn an seinen Beinen wieder herunterzuzerren, schreibt seine Frau mit Filzstift ein paar Abschiedsworte auf seine Waden, auf die rechte „In stillem Gedenken“ und auf die linke „Ein letzter Gruß“ – zwei Sprüche, die sie schon immer besonders blöd gefunden hat. (Das Hörspiel „Die ganze Wahrheit über meinen Vater“ steht ein Jahr lang auf der Website von MDR Figaro zum Nachhören bereit.)

  Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 7/2015

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