Ludwig Harig – Ein Leben mit drei Unwahrscheinlichkeiten

Zum Tod des Hörspielautors und Schriftstellers Ludwig Harig

„Das gesprochene Geschriebene ist das, was für mich das Wichtigste ist, nicht das Geschaute“, sagte der Hörspielautor und Schriftsteller Ludwig Harig, dessen Stimme am 5. Mai für immer verstummt ist. Er starb im Alter von 90 Jahren im saarländischen Sulzbach, seiner Geburtsstadt.

Dass er den Deutschen die französische Avantgarde nahebringen sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden, sondern die erste große Unwahrscheinlichkeit seines Lebens. Geboren wurde er am 18. Juli 1927 und eigentlich war für ihn eine nationalsozialistische Karriere vorgesehen. Er besuchte eine Eliteschule der NSDAP, von der er durch das Kriegsende von den Alliierten gerettet wurde. 1949 ging er als Deutschlehrer („assistant d’allemand“) an ein Collège in Lyon und lernte dort als Kontrast zum dumpfdeutschen Pathos die heitere Leichtigkeit der französischen experimentellen Literatur kennen. Zusammen mit Eugen Helmlé übersetzte er Raymond Queneaus „Exercices de style“ („Stilübungen“), die dann auch zu seinem ersten Hörspiel werden sollten, auch wenn es nicht als solches bezeichnet wurde.

Am 25. April 1957 ging dieses Stück unter dem Titel „Komödie der Sprache – Die Stilübungen des Schriftstellers Raymond Queneau“ beim Saarländischen Rundfunk (SR) über den Sender. Es ist die Geschichte einer Nebensächlichkeit im Autobus der Linie S, die immer wieder in verschiedenen Stilen und nach neuen Regeln erzählt wird. Nach der Übersetzung von Queneaus Gedichtzyklus „Petite cosmogonie portative“, („Taschenkosmogonie“) und des Sonett-Ensembles „Cent mille milliards de poèmes“ („Hunderttausend Milliarden Gedichte“) sei er dann, so Harig später, für die „verbiesterte Boshaftigkeit, will sagen die Ernsthaftigkeit des deutschen Experimentellen“ verloren gewesen.

Das Narrative und der Humor im Experimentellen

Das Methodisch-Spielerische sollte für die nächsten Jahre Ludwig Harigs Metier werden. Er war Mitglied der sogenannten „Stuttgarter Gruppe“ um den Informations- und Literaturtheoretiker Max Bense. Auch Reinhard Döhl, Eugen Gomringer, Helmut Heißenbüttel, Ernst Jandl und Franz Mon gehörten zu dieser Gruppe. Harig äußerte einmal über Benses Einfluss auf ihn: „Laufend und wenn er irgendwie nur die Gelegenheit hatte, sagte er zu mir: ‚Ludwig, sei nicht so narrativ.‘ Er wollte mir etwas austreiben, von dem ich nicht einmal gewusst habe, dass es in meiner Literatur eine außergewöhnliche Rolle spielt, nämlich tatsächlich das Erzählen.“ Das ist die zweite Unwahrscheinlichkeit im Leben des Ludwig Harig: dass ein Autor, der ein Faible für strenge Regeln und Methodiken hat – heute würde man sagen: für literarische Algorithmen – nicht nur den Humor, sondern auch das Narrative durch die und jenseits der Regelwerke entdeckt hat.

1963 produzierte der Süddeutsche Rundfunk (SDR) Harigs erstes ‚richtiges‘ Hörspiel: Es trug den Titel „Das Geräusch“ und war ein Stück, in dem das titelgebende Geräusch gar nicht vorkommt, sondern das auf das Abwesende, das Totgeschwiegene und die kollektive Verdrängung verweist. Ein halbes Jahr nach der Ursendung des Hörspiels begannen in Frankfurt am Main die Auschwitz-Prozesse. 1968 wird Harig das Thema Auschwitz in seinem Hörspiel „Ein Blumenstück“ wieder aufnehmen. Als erstes stereophones Hörspiel gilt Harigs Stück „Das Fußballspiel“, das 1966 vom damaligen SR-Hörspielchef Heinz Hostnig inszeniert wurde. Hostnig und Johann M. Kamps gehörten, auch nachdem sie den Saarbrücker Sender verlassen hatten, zu den großen Förderern Harigs.

Der größte Skandal der bundesdeutschen Hörspielgeschichte

Dass Ludwig Harig mit dem Hörspiel „Staatsbegräbnis“ aus dem Jahr 1969 für den größten Skandal in der bundesdeutschen Hörspielgeschichte sorgen sollte, ist die dritte und wohl die bemerkenswerteste Unwahrscheinlichkeit, die ihm zugestoßen ist. In einer wohlmontierten Collage aus O-Tönen reflektierte Harig hier die mediale Aufbereitung des Begräbnisses von Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) zwei Jahre zuvor. Dem Intendanten des Saarländischen Rundfunks, einem ehemaligen persönlichen Referenten Adenauers, gefiel das gar nicht und er kleidete sein Verbot des Werks in die passive Formel, „alles zu unterlassen, was zur Weiterverbreitung dieses Hörspiels dienen könnte“. Das Stück ist eines der wichtigsten O-Ton-Stücke der deutschen Hörspielkunst überhaupt und ein herausragendes Beispiel für das Neue Hörspiel, mit großem N, was Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beim Saarländischen Rundfunk erfunden wurde.

1973 produzierte Harig anlässlich des Begräbnisses des in Ungnade gefallen SED-Parteichefs Walter Ulbricht das Stück „Staatsbegräbnis 2“ und genauer kann man, wie sich in dieser Fortsetzung zeigt, die Unterschiede der beiden deutschen Gesellschaftsformen kaum beschreiben. 1987 wurde er für die Produktion „Drei Männer im Feld“ – ein autobiografisches Stück, das Harig mit seiner eigenen Stimme beglaubigte – mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Bis 1992 machte Harig immer wieder Radiostücke für verschiedene Sender der ARD. Erst im Jahr 2009 konnte die WDR-Feature-Redakteurin Leslie Rosin Ludwig Harig dann überzeugen, doch noch einmal ein Radiostück zu machen: „Tamtam unserer Wünsche. Begleitmusik zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland“ hieß es. Auch dort ist seine Stimme zu hören.

„Meine ganze Sprache hat von sich aus immer sehr starken akustischen Bezug gehabt zur Realität. Wenn ich selbst schreibe oder erzählend schreibe, dann schreibe ich sprechend“, sagte Harig. Ob systemtheoretisch gesprochen der Mensch die Umwelt der Sprache sei, habe ich ihn einmal gefragt. „Ja“, antwortete Harig, „er ist dazu da, die Sprache zu gewährleisten.“ In seinen Gedichten, Romanen und Übersetzungen ist die Sprache Ludwig Harigs, ist sein „gesprochenes Geschriebenes“ aufgehoben und in seinen Hörspielen außerdem noch seine Stimme.

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 11/2018

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