hr2 minus Kultur?

Im Sommer wurde bekannt, dass der Hessische Rundfunk seine Welle hr2-Kultur zu einer Klassikwelle umbauen will. Wie so oft auf den höheren Ebenen der Hierachie ist man mit dem eigenen Publikum unzufrieden und möchte sich lieber ein neues (jüngeres) wählen. Jochen Hieber, bis 2017 Kulturredakteur der FAZ und mehrfach Vositzender der Jury des Deutschen Hörspielpreises der ARD, kommentierte das in der FAZ vom 16. Juli so:

Nicht weniger als der tendenziell kommerzferne Anteil am Zivilisationsstandard unserer Gesellschaft also lässt sich an den Kulturradios bemessen, die wir uns mit unseren Pflichtbeiträgen leisten und leisten sollen. Nebst dem Kulturprogramm des Saarländischen Rundfunks ist HR2-Kultur die wohl kleinste Oase der Republik. Sie darf nicht austrocknen, indem man sie weitgehend ins Netz oder in die Unterabteilungen von HR-Info exiliert.

In Folge versammelte die FAZ unter dem Titel „Ist das Kulturfunk, oder kann das immer noch weg?“ Stellungnahmen von Kulturschaffenden von Thea Dorn bis Franz Witzel zur geplanten „Zerschlagung von hr2-Kultur“ (FAZ).
Michael Herl fragte in der Frankfurter Rundschau „Ist der HR schuld an der Volksverdummung – oder waren die Leute vorher schon bescheuert?“ Kommentar von Hörerinnen und Hörern finden sich auf dem FR-Blog.
Eine Online-Petition erreichte mehr als 10.000 Unterstützer.

Grese&Lenz: hr2Am 1. Okboer findet um 19 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/Main (Adickesallee 1) unter dem Titel „hr2 minus Kultur? Gegen den Kulturabbau in den öffentlich-rechtlichen Medien“ eine Podiumsdiskussion mit Matthias Altenburg (Schriftsteller), Barbara Determann (Autorenbuchhandlung Marx & Co), Michael Herl (Autor & Leiter des Stalburg Theaters), Michael Ridder (epd-Redakteur, Evangelischer Pressedienst), Jan Wilm (Schriftsteller), Moderation: Marion Tiedtke (Stellvertretende Intendantin Schauspiel Frankfurt).

 

 

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, die seit über vierzig Jahren den Wettbewerb um das „Hörspiel des Monat“ ausrichtet nahm wie folgt Stellung:

Schon wieder eine öffentlich-rechtliche Kulturwelle in Gefahr

Wem gehört der öffentlich-rechtliche Rundfunk? Denjenigen, die ihn treuhänderisch verwalten? Oder denjenigen, die ihn durch einen monatlichen Pflicht-Beitrag finanzieren?
Die diversen Landesmediengesetze sowie der länderübergreifende Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien lassen keinen Zweifel: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Bundesrepublik Deutschland ist ein öffentliches Gut. Die Programm-Verantwortlichen in den einzelnen Sendern sind nicht Besitzer ihrer Häuser, sondern Angestellte der Öffentlichkeit. In dieser Funktion sind sie nicht nur zu Transparenz angehalten, vielmehr haben sie auf Einwände seitens des Publikums substantiell zu reagieren.

Beide genannten Gesetze heben die Verpflichtung zu Kultur-Angeboten besonders hervor. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste sieht diese Verpflichtung verletzt, wenn die Kulturwelle hr2 in Zukunft als Klassikwelle mit Schwerpunkt auf Archivbeständen der hauseigenen Klangkörper fungieren soll, während die Kulturinformation auf andere Verteilkanäle verlagert wird. Niemand hat etwas dagegen, dass auch die Welle hr2-kultur die Chancen der Digital-Technik optimal nutzt. Ebenso ist zu begrüßen, dass man die Interessen und Rezeptionspraktiken der Digital-Natives stärker berücksichtigen will. Der Hessische Rundfunk holt damit nach, was andere Sender der ARD ebenso planen bzw. längst praktizieren.

Es entbehrt aber jeder Logik, wenn diese Ziele als Grund für eine sehr weitgehende Entwortung der Welle hr2 angeführt werden. Man kann die gebotene Modernisierung betreiben, ohne das Bewährte streichen zu müssen. Der leichtfertig entfachte Konflikt „linear vs. online“, „analog vs. digital“, „alt vs. jung“ ist nicht nur überflüssig, er verletzt auch den Grundsatz: Rundfunk ist für alle da. Die Programm-Verantwortlichen der Sender sind zu einer produktiven Balance verpflichtet. Bevorzugung eingegrenzter Gruppen zu Lasten anderer wäre ein Kulturverlust.

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste sieht den vielstimmigen Aufstand des hr2-Publikums gegen die Transformations-Pläne eines Senders nicht als Einzelfall, sondern als Symptom. Die in allen kulturellen Disziplinen zu beobachtende Orientierung an der Quote sowie am ökonomischen Effekt stößt zunehmend auf Widerstand. Die Öffentlichkeit begreift, dass ein Beharren auf allein marktorientierten Kriterien zu Mainstream und Einschläferung der kritischen Potentiale einer Gesellschaft führt. Der Begriff Kultur darf nicht als Markenzeichen antikultureller Tendenzen missbraucht werden.

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste schlägt daher die Veranstaltung eines öffentlichen Hearings an prominentem Ort und mit prominenter Besetzung vor. Ziel wäre eine umfassende Standort-Bestimmung: Was ist öffentlich-rechtliche Kultur heute? Genügt sie noch den ideellen Gesichtspunkten, die nach einer politischmoralischen Katastrophe (die auch eine Medien-Katastrophe war) zur Etablierung eines föderal strukturierten, durch Gebühren finanzierten, also öffentlich subventionierten Rundfunks in Deutschland führte?

Nicht der Konflikt, sondern allein die Kooperation kann neue Wege eröffnen. Wünschenswert wäre, dass Öffentlichkeit und öffentlich-rechtlicher Rundfunk gemeinsam eine Neubestimmung versuchen. Interessierte Partner (z.B. eine renommierte städtische Bühne, andere Kultur-Institutionen) werden gesucht.

Disclaimer: Der Autor dieses Blogs ist Mitglied der DADK.

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