Hörspiel des Monats Februar 2018

Die Feuerbringer — Eine Schlager-Operetta

Sheik Khamiis, Christina Meyer, Doris Schmeer,Tomer Gardi. Bild: Fahri Sahin Sarimese/WDR.

Sheik Khamiis, Christina Meyer, Doris Schmeer, Tomer Gardi. Bild: Fahri Sahin Sarimese/WDR.

von Tomer Gardi
Regie: Susanne Krings
Komposition: Rainer Quade und Christian Hecker
Dramaturgie: Isabel Platthaus
Produktion: WDR 2018
Erstsendung: WDR 3, 24.02.2018
Länge: 54:00

Die Begründung der Jury

Die Kerngeschichte dieses originellen Hörspielprojekts von Tomer Gardi ist schnell erzählt: Ein alternder Schlagersänger fährt im Rausch gegen einen Baum und wird daraufhin zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt; einen Schlagerworkshop für junge Geflüchtete und Migranten soll er leiten. Wie sich herausstellt, ist seine Aufgabe nicht ganz einfach, aber lohnend. In großer Begeisterung für diese Musik und angeführt von der Brasilianerin Sandra, gründet sich die Band „Die Feuerbringer“, in Referenz zu Prometheus, Maui oder Agni.

Was geschieht nun, wenn das Konfektionsprodukt Schlager – deutsche Popmusik, die Gemeinsamkeit und Gemütlichkeit suggeriert – sprachlich aufgebrochen wird und seine Texte in nicht perfektem Deutsch gesungen werden? Wenn Akzente eine schmelzende Aussprache von „Herz“ verhindern und kreative Geister daran arbeiten, den für sie emotional bedeutungsvollen, aber sperrigen Begriff „posttraumatische Belastungsstörung“ Schlager-tauglich zu machen? Dann zündelt ein Hörspiel mit Neo-Heimattümelei, unterwandert die deutsche Sprache mit anderen Zungen und Vorstellungen und eröffnet damit neue Erfahrungsräume. Zu flotten Rhythmen gesungen findet sich dann auch ein stimmiger Reim: „In deinen Augen seh’ ich Stacheldraht-Absperrung“. Und wenn Sandra singt: „Wäsche waschen. Teller machen. Mädchen muss kein Sklave sein“, bringt sie mit berührender Frische in Wort und Originalmusik gleich mehrere Erlebnisebenen interkulturell zum Schwingen.

Mit „Die Feuerbringer“ ist ein künstlerisches, psychologisch tiefgründiges Projekt gelungen, in dem junge Migranten dem deutschen Schlager und uns HörspielhörerInnen improvisierend, authentisch, spielerisch und mit Witz Feuer einhauchen. Das Unfertige, Gebrochene spiegelt die Realität vieler Menschen in unserem Land wieder: Im Hörspiel, eben auch in seiner eigenen nicht-Perfektion, ist dies als eine schöpferische Qualität mit großer Erneuerungskraft zu spüren.

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung aus für Geronimo (NDR, Bearbeitung und Regie: Christiane Ohaus, Komposition: Andreas Bick, Dramaturgie: Susanne Hoffmann), die Hörspieladaption des gleichnamigen Romans von Leon de Winter. Diese 4-teilige Reihe ist ein überaus gelungener Polit-Thriller, präsentiert als bildgewaltiges Hör-Kino. Mit einer stimmigen Dramaturgie, überzeugenden Sprecherleistungen, beeindruckender akustisch-cineastischer Umsetzung und einem Spannungsbogen, der sich hält bis zum letzten Ton.

Das Hörspiel wird am Samstag, den 5. Mai 2018 im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Ford Madox Ford: Das Ende der Paraden
DLF Kultur, Nolte Decar: Das Tierreich
DLF, Helmut Geerken: twenty days of optimism
HR, Gesine Schmidt: Im Pfirsichblütenglück
MDR,  Bertolt Brecht: Baal
NDR, Leon de Winter: Geromnio
RB, keine Nominierung
RBB, Mein fremdes Land
SR, keine Nominierung
SWR, Klaus Buhlert: Twittering Machine
WDR, Tomer Gardi: Die Feuerbringer

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