Es lebe die Transformation!

Andreas Bick: </pasted> Wir sind die Zukunft der Musik

Deutschlandradio Kultur, Sa 13.10.2012, 18.05 bis 19.00 Uhr

„Formatwandel – Kunst mit UKW:LP:CD:mp3“ nennt sich eine insgesamt 12-teilige Reihe auf den Sendeplätzen von Hörspiel, Feature, Klangkunst und Neuer Musik des Deutschlandradios Kultur, die die mediale Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachzeichnen will. Ein Sendeverfahren, zwei Speichermedien und ein Datenformat – zwei davon analog, zwei digital – dienen als Chiffren für die Umbrüche, die Technik und Inhalte nicht nur im Hörfunk prägen.

Auf den Hörspielsendeplätzen der „Formatwandel“-Reihe reicht die Spannweite von Helmut Heißenbüttels dort noch einmal zu hörenden Radiocollage „Was sollen wir überhaupt senden?“ (vgl. FK 3/71) bis zu Rafael Jovés Stück „Das Radio ist nicht Sibirien“, einer aktuellen Abrechnung mit den formatierten Kulturwellen (vgl. FK 21-22/12), und von Dieter Roths Klavierspiel mit einer Flasche Whisky, das als „Radiosonate Nr. 1“ in die Geschichte einging, bis zu den handybasierten Projekten wie der „Radioortung“ (vgl. FK 49/11). Auf einem Sendeplatz der Neuen Musik werden die „Analogue Natives“ zu Gehör gebracht, die sich mit den gegenwärtigen digitalen Klangkünstlern ganz gut vertragen, wie zum Beispiel mit dem Erfinder des Mikrosamplings, John Oswald, und seinem in der Reihe zu hörenden Stück „Plexure“ oder mit dem International Turntable Ochestra, dessen Produktion „Archival Drift“ auch Teil der Reihe ist. Maximilian Netter vom Experimentellen Radio der Bauhaus-Universität Weimar untersucht in seinem Feature „Eine andere Art von Rundfunk“ den Wandel alternativer Radiomodelle. Und der Komponist und Klangkünstler Andreas Bick schließlich geht in seinem 55-minütigen Feature „</pasted> Wir sind die Zukunft der Musik“ der – durch die digitale Verfügbarkeit im Internet erst möglich gewordenen – Copy-and-Paste-Kultur nach.

„Mashup“ heißt das Zauberwort, oder auf Wissenschaftsdeutsch „transformative Werknutzungen“. Dabei wird aus zwei oder mehreren Musikstücken eines gemacht. Mashups spielen auf der Klaviatur der Sehnsüchte nach den Vorlagen und machen so den Rezipienten zu einem Miterschaffer des Kunstwerks. Wer die Originale nicht kennt, kann sich bloß kontextlos mit dem Werk auseinandersetzen. Man hört nur, was man weiß. Was sich hier transformiert, ist die Rolle des Autors, der von seiner Position des originären „Schöpfers“ verdrängt wird. Die Verabschiedung des bürgerlichen Geniebegriffs wird um eine ökonomische Dimension erweitert, nämlich dadurch, dass man den Begriff des Werks gleich mit abschafft. Und wo kein Werk, da keine Ware, die man bezahlen müsste. Das hat Element-of-Crime-Sänger Sven Regener in einem berühmten Interview mit dem „Zündfunk“ des Bayerischen Rundfunks (BR) zu seiner vielzitierten Polemik veranlasst, der zufolge er sich von dem Kopierern und Filesharern nicht „ins Gesicht pinkeln“ lassen wolle.

Heftig geht es auch in der Kontroverse zwischen dem Blogger „Der Musikpartisane“ und der Bloggerin „Mashpussy“ zu, deren Texte das Rückgrat von Andreas Bicks Feature bilden. Ersterer vertritt die Interessen jener, die originär etwas schaffen, was ohne den Künstler nicht in der Welt wäre. Er argumentiert sowohl gegen die Vorstellung vom Tod des Autors – denn der sei als Autor-Marke trotzdem immer da – als auch gegen die Wirtschaftstheorie vom „Long Tail“, laut der jeder seine Nischenprodukte verkaufen kann. Denn das sei „der Sweat-Shop der Zukunft, in dem wir für ein paar Kapitalisten und Silicon Valley arbeiten, aber alle so tun werden, als ob sie uns aus den Fängen der Musikindustrie befreit hätten“. Das Urheberrecht ist für den „Musikpartisanen“ ein Abwehrrecht des kleinen (kreativen) Mannes, das es ihm erlaubt, sich mit so dreisten Raubkopierern wie dem Rapper Bushido auseinanderzusetzen.

„Mashpussy“ hingegen spielt die Rolle der Sprecherin jener „Prosumenten“, die gleichzeitig Konsumenten und Produzenten (meist in dieser Reihenfolge) sind und deren Rebellion das Kopieren ist, weil jede musikalische Idee angeblich schon von den Urhebern des alten Systems monopolisiert wurde: „Euer geistiges Eigentum ist unser Gefängnis.“ Außerdem kritisiert sie „die Sehnsucht der Etablierten nach etwas Authentischem“, die sich nur aus dem „Abscheu vor der eigenen Erstarrung und Einfallslosigkeit“ nähre. Es geht ihm um den Wechsel von einer Read-only- zu einer Read-/Write-Kultur.

„Mashpussy plädiert für die drei Ks einer Paste-Kultur, denn: „Copy ist passiv. Paste ist aktiv und kreativ.“ Die drei Ks stehen für Kreativität, Konfigurierbarkeit und Kooperation. Konfigurierbarkeit bedeutet hier, dass der Künstler seine Musik nicht mehr in „den hermetischen Panzer eines Werkes“ einsperren dürfen, sondern remixbare Einzelspuren zur Verfügung stellen soll. Natürlich hält „Mashpussy“ den „Musikpartisanen“ für eine Sockenpuppe der Industrie. Und umgekehrt gilt das gleiche, denn die Mashup-Artists sind ja auch nichts anderes als ein weiteres Glied in der Verwertungskette, mit der die Industrie Geld verdienen will.

Interessant ist, dass bei aller Polemik beide Seiten ein paar gute Argumente haben. Außerdem wirken mit: Dirk von Gehlen (Autor des Buchs „Mashup – Lob der Kopie“), der Schweizer Medientheoretiker Felix Stalder sowie Jan Werner und Andi Toma von der Band Mouse on Mars. Leider werden die – ein typischer Fehler akustisch ambitionierter Features – nur einmal vorgestellt und dann nie wieder, so dass man sich während der Sendung öfters fragt, wer da nun gerade von welcher Position aus argumentiert.

Doch „</pasted>“ muss man sowieso mehr als einmal hören, und zwar nicht nur, um die einzelnen Positionen genauer verstehen zu können, sondern auch aus reiner Freude an der Auseinandersetzung und – nicht zu vergessen – auch wegen der fetten Beats und Mashups, die das Thema nicht nur illustrieren, sondern als Kunsterfahrung fassbar machen. Beim Deutschlandradio Kultur hat man ab dem Erstausstrahlungsdatum nur die nächsten sieben Tage noch die Möglichkeit des erneuten Anhörens (länger darf der Sender aufgrund der absurden rundfunkgesetzlichen Bestimmung das Stück im Internet nicht anbieten); aber Autor Andreas Bick hat unter pasted-radio.de eine Website eingerichtet, die demnächst mit noch mehr Material online gehen soll.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 42/2012

 

Update 03.10.2013: Was lang gärt … pasted-radio ist online! Das geniale HörspielFeature über transformative Werknutzungen, Urheberrrechte und die Folgen gibt es endlich als vernetztes HörspielFeature zu hören und zu lesen, und zwar hier:  pasted-radio.de!
Wer das Stück nochmal linear im Radio zu hören will kann das am 7.10.2013, 23.05 Uhr auf WDR3; am 8.10., 23.00 Uhr auf 1Live gesendet und  am 23.10. um 0.05 Uhr auf  Deutschlandradio Kultur. Sehr lesenswertete Sätze zur Zukunft des akustischen Erzählens hat Andreas Bick u.a. hier veröffentlicht.

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