Ein Denkmal maschineller Wucherungen

Webdoku – Der radiphone Perec

Georges Perec war einer der komischsten Vertreter der von Raymond Queneau gegründeten französischen Werkstatt für potenzielle Literatur (L‘Ouvroir de Littérature Potentielle – OuLiPo). In dieser Gruppe unterwarf man sich gerne bestimmten selbstgestellten Aufgaben. So verzichtete Perec in seinem Roman „La Disparation“ (dt. „Anton Voyls Fortgang“) vollständig auf dem Buchstaben „e“. Anders als in Frankreich ist Perec in Deutschland auch als Hörspielautor bekannt. Der Saarländische Rundfunk würdigt den „radiophonen Perec“ anlässlich seines vierzigsten Todestages mit einer Webdokumentation.

Im Jahr 1967 fragten sich der französische Schriftsteller Georges Perec (1936-1982) und sein deutscher Übersetzer Eugen Helmle (1927-2000) was wohl passieren würden, wenn man das achtzeilige Goethe-Gedicht „Ein Gleiches (Wanderers Nachtlied)“ maschinellen Algorithmen aussetzt. Herausgekommen ist dabei das Konzept für ein Hörspiel namens „Die Maschine“, das vom Saarländischen Rundfunk (SR) und vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produziert wurde und unter der Regie von Wolfgang Schenck am 13. November 1968 über den Sender ging.

In vier Abteilungen, sogenannten Protokollen, wird das Gedicht statistischen, linguistischen, semantischen und kritischen Programmen ausgesetzt, die das Wortmaterial permutieren. „Über allen glipfen / ist uhr / in alle fipweln / sprüest du / kaum einen chauh / werta nur balde stuhret du auch“ ist das Ergebnis der Rechenanweisung „2.1.2 Metathese“, die bei den Substantiven und Verben Lautumstellungen vornimmt. Andere Anweisungen ersetzen die Substantive oder Verben durch das n+xte Wort eines Wörterbuchs oder verarbeiten das Gedicht mit dem Algorithmus „Proverbialisierung“ gleich zu Sprichwörtern: „An ihren Gipfeln sollt ihr sie erkennen“.

Aber auch der Gründer der Werkstatt für potenzielle Literatur (L’Ouvroir de Litterature Potentielle – OuLiPo), Raymond Queneau, oder „Alice-im-Wunderland“-Erfinder Lewis Carroll dienen als Inspiration für einen spezifischen Umgang mit dem Gedicht. Die Konsequenz der Anweisung „2.4.3. Auflösung des Themas in zehn logische Sätze, die eine einzige Schlussfolgerung zulassen nach Lewis Carroll“ lautet übrigens: „Geh stets den Fischen aus dem Weg“.

Perecs Werk ist das beste Beispiel dafür, dass avantgardistische Literatur in ihrer konzeptionellen Struktur (von den Wipfeln zu den Fischen) eben nicht nur verkopft, sondern auch ungemein komisch sein kann. Die Ausführung einer Rechenanweisung, so geht die Fama, soll Übersetzer Eugen Helmle seinem Autor ausgeredet haben, nämlich „Ersetze jeden Ausdruck des Gedichtes durch einen noch poetischeren“. Perec wollte diese Anweisung mit einem eigenen Gedicht erfüllen. Stattdessen kulminiert das Hörspiel in einer berauschenden Zitatexplosion, einer „aleatorischen Suche durch freie Assoziation“ – also in etwa in dem, was heute eine künstliche Intelligenz mit dem Goethe-Gedicht machen würde.

Perecs Maschinensimulation war anno 1968, als Computer noch die Ausmaße von Schränken hatten, in mehrfacher Hinsicht visionär. In der Inszenierung von Wolfgang Schenk agiert Dagmar Altrichter als Kontrolleinheit stimmlich umso „menschlicher“, je absurder die Ergebnisse der von Olaf Quaiser, Heiner Schmidt und Alwin Michael Rueffer ausgeführten Operationen ausfallen.

„Die Maschine“ ist eines der wenigen Neuen Hörspiele, die es 1972 sogar in die gelben Hefte der Universalbibliothek des Reclam-Verlages geschafft hat und 2001 im inzwischen liquidierten Gollenstein Verlag in schöner typographischer Gestaltung mit einer Audio-CD erschienen war. Doch nicht nur dieser „Hit“ von Perec ist in der Webdokumentation, die der Saarländische Rundfunk anlässlich dessen 40. Todestages am 3. März 1982 online gestellt hat, komplett nachhörbar. Außerdem kann man die anderen drei zu seinen Lebzeiten entstandenen Stücke „Wucherungen“ (1969), „Tagstimmen“ (1971) und „Konzertstück“ (1974) nachhören. Dazu gibt es zwei posthum produzierte Stücke: „Der Kartoffelkessel (1987) und „Der Teufel in der Bibliothek“ (1991) – in letzterem tritt sogar ein Autor namens Georges Perec auf.

Ähnlich komisch wie „Die Maschine“ funktioniert das Stück „Wucherungen“ nach einem Algorithmus. Es basiert auf dem Organigramm einer großen Firma, in der ein Angestellter versucht, eine Gehaltserhöhung zu bekommen. In Form kybernetischer Regelkreise, die nach Wenn-Dann-Bedingungen operieren, wird dieses Vorhaben jedoch immer aufwendiger und komplizierter und endet natürlich ganz anders, als nach den doch relativ trivialen Ausgangsbedingungen zu erwarten war.
Die Geschichte des Films hat durch das Fernsehen, durch DVD-Editionen und auf Streamingplattformen ihren Platz im kulturellen Gedächtnis gefunden. Leider ist der Platz der fast 100-jährigen Hörspielgeschichte im kulturellen Gedächtnis verwaist. Kein Hörverlag hat je die kanonischen Stücke herausgegeben. Insofern ist es dem Saarländischen Rundfunk (Redaktion Pia Frede und Tilla Fuchs unter der Leitung von Anette Kührmeyer) und der kooperierenden Pariser Association Georges Perec hoch anzurechnen, dass die Schätze aus dem Hörspielarchiv jetzt in einer deutsch-französischen Version dem Vergessen entrissen und im Internet verfügbar gemacht worden sind.

Anders als in Deutschland ist Perec in Frankreich als Hörspielautor kaum bekannt und einer Entdeckung wert. Ergänzen könnte man noch die Collage „perec/grination“ aus dem Jahr 2000 und Perecs von anderen Sendern produzierte Hörspiele wie „Die Dinge“ (Hessischer Rundfunk 2004), „Kneift Karadings vorm Krieg?“ (Deutschlandradio Kultur 2006) und „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ (Schweizer Radio DRS 1990).

Diese Webdoku ruft allerdings auch ins Gedächtnis, dass der SR Ende der 1960er-Jahre mit seinem Dramaturgen Johann M. Kamps und dem späteren Hörspielchef Werner Klippert die Landesrundfunkanstalt war, in der das „alte“ monophone Hörspiel der Innerlichkeit auf der „inneren Bühne“ des Hörers verabschiedet und das Neue Hörspiel (mit großem N) erfunden wurde. Und Georges Perec und sein Übersetzer Eugen Helmle gehörten neben dem großen Saarländer Ludwig Harig zu seinen Protagonisten.

Harigs O-Ton-Collage „Staatsbegräbnis“ zur Beisetzung Adenauers wurde eines der bekanntesten Originalton-Hörspiele überhaupt. Es wurde sogar vom damaligen Intendanten, einem ehemaligen Referenten Adenauers, verboten. Leider ist das Hörspiel beim SR in den letzten Jahren auf drei Produktionen pro Jahr und einen ARD-Radio-Tatort heruntergespart worden. Ein eigenes Aufnahmestudio gibt es auf dem Halberg in Saarbrücken schon lange nicht mehr. Da ist es schön, dass sich der Sender mit der Webdoku zu Georges Perec seiner großen Geschichte erinnert und sich und ihm wenigstens virtuell ein Denkmal setzt.

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