Hörspiel des Monats April 2022

Tot im Leben

von Mona Winter

Regie: Mona Winter
Komposition: Bülent Kullukcu
Redaktion: Regine Ahrem
Produktion: RBB 2022
Länge: 53:00 min.
Ursendung: 29.04.2022, RBB Kulturradio

Die Begründung der Jury

Kriegstraumata: Sie beeinflussen das Leben von Mamá, Gisi und Maya, selbst wenn der Krieg 80 Jahre zurück liegt oder noch immer über 3000 Kilometer ent fernt tobt. Krieg lässt einen nicht so einfach los und seine Schrecken werden meist an nachfolgende Generationen weitergeben. Er hinterlässt Menschen tot im Leben.

Mamá, Gisis Mutter, ist Deutsche und hat den Zweiten Weltkrieg erlebt. Sie gerät immer wieder mit ihrer Tochter aneinander, weil Gisi sich gegen das Verdrängen der Mutter und für die Aufarbeitung der deutschen Schuld einsetzt. Maya, eine Freundin von Gisi, ist vor dem Krieg in Syrien geflohen und hat als Jugendliche die Schrecken des Regimes von Bashar al-Asad erlebt, der 2000 als Diktator an die Macht kam. Die drei Frauen erzählen ihre Geschichten nach und nach collagenartig: mal in dialogischen Szenen, mal im O-Ton, in dem Maya von ihren schrecklichen Diktatur- und Kriegserfahrungen in Syrien berichtett, und immer wieder als innerer Monolog von Mamá und Gisi. Durch diesen radiophonen Kniff, der im Manuskript „Kopfstimme“ und „Kopfraum“ genannt wird, erhalten die Zuhörer und Zuhörerinnen unmittelbar Zugang zu den Gefühlswelten der deutschen Mutter und ihrer Tochter und den Traumata durch direktes und indirektes Erleben von Krieg.

Auf poetische Weise werden dabei die unterschiedlichen Geschichten und Erzählstränge verwoben, die Zeitebenen geraten durcheinander, Reales und Fantastisches, Gegenwart und Vergangenheit fließen kaum merklich ineinander, getragen von der dezenten Musik von Bülent Kullukcu.

Unterbrochen wird der Erzählstrom lediglich von Zitaten zum Krieg berühmter deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Nelly Sachs, Kurt Tucholsky und Thomas Mann und immer wieder vom Kinderchor des „Kingdom of Horror“, wie Maya auch ihr Heimatland Syrien nennt, und den verlockenden Gesängen der männlichen Sirenen. Sirenen sind denn auch das Leitmotiv dieses eindrücklichen Hörspiels, das auf seine ganz eigene Weise alarmiert. Dabei schwebt letztlich über allem immer die Frage und Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit in der Zukunft.

„Tot im Leben“ gelingt es kunstvoll vom Spezifischen auf etwas Allgemeingültiges und Zeitloses zu verweisen und eindrücklich die wichtige Frage zu stellen, wie wir mit den Erinnerungen an die Grausamkeiten des Krieges weiterleben können.

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury dem Stück „Peeling Oranges“ (SWR) von Patty Kim Hamilton aus für die in dem Hörspiel besonders einfühlsam, vielschichtig und komplex erzählte Familiengeschichte: Zwei Schwestern und ihre Mutter, südkoreanische Migrantinnen der ersten und
zweiten Generation, versuchen zwischen den Welten und Zeiten in den USA ihr Glück zu finden. Durch die poetische Weise, in der Hamilton von individuellen Besonderheiten sowie familiären und kulturellen Konflikten erzählt, lädt sie nicht nur zum Entdecken des Fremden, sondern auch der geteilten Gemeinsamkeiten ein.

Das Hörspiel des Monats wird am 04.06.2022 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Nis-Momme Stockmann: Das Imperium des Schönen
DLF, keine Nominerung
DLF Kultur, Allen Ginsberg: Die wilden Augen! Die heiligen Schreie!
HR, Jane Austen: Stolz und Vorurteil
MDR, Anne Osterloh: Mein lieber Wolf Meine lieben fernen Mädels
NDR, keine Nominerung
RB, Jens Becker: Du sollst nicht …
RBB, Mona Winter: Tot im Leben
SR, Madeleine Giese: Im Dunkeln (ARD Radio Tatort)
SWR, Hamilton: Peeling Oranges
WDR, Höller/Grünzig: All your desires
ORF, keine Nominerung
SRF, Michael Stauffer: Immer volles Feuer

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