Die virtuelle Theodizee

Daniel Suarez: Darknet. 2-teiliges Hörspiel

WDR 1Live, Do 17.10.2013 und Do 24.10.2013, jeweils 23.00 bis 23.55 Uhr

Manchmal muss man es richtig krachen lassen, und wenn einem nach dem Hören von „Darknet“ nicht die Ohren klingeln wie nach einen Rockkonzert, dann hat man etwas falsch gemacht. Denn Daniel Suarez’ Science-Fiction-Thriller gibt es auf der 1Live-Webseite nicht nur in einer 5.1.-Version, dem normalen Stereo-Downmix, zum Herunterladen, sondern auch als sogenannte „binaurale 3D-Stereofassung“ für Kopfhörer. Das zweiteilige Hörspiel „Darknet“ ist die Fortsetzung der dreiteiligen Romanbearbeitung „Daemon“, die der WDR-Hörfunk Ende April dieses Jahres gesendet hatte.

In der Welt des Betriebssystems Unix ist ein Daemon ein Programm, das im Hintergrund läuft und auf bestimmte Ereignisse wartet, die es aktivieren und vorher programmierte Befehle auslösen. In Daniel Suarez’ Roman aus dem Jahr 2004 (Funkbearbeitung: Andreas von Westphalen) ist es der krebskranke Programmierer Matthew Sobol, eine Ikone der Online-Gaming-Industrie, der sich in einen Daemon verwandelt bzw. in eine Vielzahl über das ganze Netz verteilter Daemons (Dämonen), die von seiner Todesnachricht aktiviert werden. Denn der Daemon kann lesen, er beobachtet das Netz und sobald bestimmte Keywords auftauchen, handelt er – und zwar brutal. Er sorgt dafür, dass ein über die Straße gespanntes Drahtseil einem seiner Programmierer den Kopf abtrennt, ein anderer wird in der Schleuse zu einem Server-Raum elektrisch geröstet und ein ganzes Sonder¬einsatzkommando (SEK) wird vor Sobols Villa auf perfide Weise niedergemetzelt.

Er ist also wirklich böse, dieser Daemon – aber was will er? Nachdem er sich über das ganze Internet verbreitet hat, beginnt er, der selbst eine unpersönliche Struktur in der virtuellen Welt ist, eine Organisation in der realen Welt aufzubauen, die über ein verschlüsseltes Netzwerk miteinander kommuniziert, das Darknet. Allmählich stellt sich heraus, dass in diesem Darknet der Widerstand gegen die Weltherrschaft des finanzkapitalistisch-militärischen Komplexes organisiert wird. Denn der vernetzte Daemon übernimmt nach und nach die virtuelle Kontrolle über die Finanzkonzerne, die bei Strafe des totalen Datenverlustes zur Kooperation gezwungen werden. Der Daemon ist also ein mächtiges Werkzeug, und deshalb versuchen die konkurrierenden Finanzkonzerne auch nicht, ihn abzuschalten, sondern ihn zu kontrollieren, um damit jeweils die Konkurrenz plattzumachen.

Daniel Suarez, Jahrgang 1964, der selbst als Software-Entwickler und Systemberater gearbeitet hat, weiß, wovon er schreibt. Technisch sind die Möglichkeiten und Gadgets, die er in seinen Romanen beschrieben hat, inzwischen Realität. Das brillenartige Headup-Display, mit dem die Darknet-Agenten gesteuert werden, hat inzwischen den Markennamen „Google Glass“, die Überlagerung der Realität mit dem von Suarez sogenannten „D-Raum“ ist in Form verschiedener „Augmented-Reality“-Applikationen heute für jedes Smartphone verfügbar. Und die Massiv-Multiplayer-Online-Rollenspiele üben kollektives Handeln in virtuellen Räumen ein, das sich auch in der realen Welt als wirkmächtig erweisen kann – siehe die Bedeutung von sozialen Netzwerken für die jüngsten Rebellionen in einigen arabischen Staaten. Von der noch vor einem halben Jahr als wirre Verschwörungstheorie gehandelten flächendeckenden Überwachung des Internets wissen wir inzwischen, dass sie von den Geheimdiensten NSA (USA) und GCHQ (Großbritannien) mit dreistelligen Millionenbeträgen vorangetrieben wird.

Was die Romane „Daemon“ und „Darknet“ auszeichnet (das letztere Buch hat im amerikanischen Original übrigens den Titel „Freedom™“), ist deren Anschlussfähigkeit an eine Vielzahl von Diskursen. Die aktuellen politischen Debatten werden so zugespitzt, dass dem Polizeikommissar Pete Sebeck, der die ersten Morde des Daemons untersucht hat, als „Quest“ aufgegeben wird, nichts weniger als die Freiheit des Menschen zu rechtfertigen. Gelingt ihm das nicht, wird die Menschheit dem Daemon dienen müssen – was sie, nebenbei bemerkt, ja jetzt schon tut. Nur dass der Daemon, dem gegenwärtig gedient wird, in Gestalt der „Märkte“ regiert – erkennbar am ™-Trademarksymbol im amerikanischen Originaltitel. Die Rechte an der Freiheit gehören eben schon jemand anderem.

Die Märkte sind eine ebenso virtuelle Gestalt wie die über das ganze Netz verteilte KI (Künstliche Intelligenz) des verstorbenen Matthew Sobol. Doch Sobol (gesprochen von Christian Redl) nimmt bei Suarez die Form eines toten Gottes an, der als Herrscher über seine Daemons Pete Sebeck (Tobias Oertel) zum Sündenbock für seine Morde gemacht hat und ihn von den weltlichen Mächten hat hinrichten lassen. Diese Geschichte kommt einem doch irgendwie bekannt vor… Und als Sebeck die Giftspritze dann doch überlebt hat (am dritten Tage auferstanden von den Toten), ist die christlich-theologische Struktur, die den beiden Romanen zugrunde liegt, offenbart. Die Rechtfertigung der Freiheit des Menschen schlägt in die Rechtfertigung Gottes in die Theodizee um. Ebenso wandelt sich der alttestamentarische Gott zu einem neutestamentarischen – wenn eine kritische Masse von Daemon-Agenten es so will.

Dass die Theodizee-Frage am Ende von „Darknet“ so eindeutig beantwortet wird, gehört zu den wenigen Enttäuschungen dieser von Petra Feldhoff rückhaltlos und ohne einen doppelten Boden der Ironie inszenierten, insgesamt rund zweistündigen Hörspielfassung. Auch einige lediglich effekthascherische Gewaltszenen, die zugegebenermaßen ihre Wirkung nicht verfehlen, hätte man zugunsten einer präziseren Diskussion der diskursiven Fragen streichen können. Der fette Soundtrack des jungen Komponisten Felix Rösch vereint alle Hollywood-Klischees und überbietet sie mit lärmig kreischenden Gitarren, die audiokomprimiert eine physische Attacke auf das Trommelfell sind. Der beständige Gestus der permanenten Überbietung in Text und Sound ist genau die richtige Art, mit diesem Text umzugehen, und das Genre-Stück wäre perfekt, hätte man es statt mit einem Ausrufungszeichen mit einem Fragezeichen enden lassen.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 42/2013

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