Die Vergegenwärtigung von Ungleichzeitigkeiten

Drei bemerkenswerte Fallbeispiele: Ein Blick zurück auf das Hörspieljahr 2018

Susann Maria Hempel. Bild: Samuel Henne.

Susann Maria Hempel. Bild: Samuel Henne.

Als am 23. Februar im Literaturhaus in Frankfurt am Main Susann Maria Hempels monologisches Stück „Auf der Suche nach den verlorenen Seelen­atomen“ (RBB) von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als Hör­spiel des Jahres ausgezeichnet wurde, fühlte man sich gleich in mehrfacher Hin­ sicht aus der Zeit gefallen. Das Stück, aus den zwölf „Hörspielen des Monats“ zum besten des Jahres gewählt, erzählt von den auch nach der Wende fortwirkenden seelischen Verheerungen, die die Haft in DDR­-Gefängnissen angerichtet hat. In der künstlerischen Überformung des in stundenlangen Gesprächen aufgenomme­nen dokumentarischen Materials, das durch die Stimme der Autorin hindurch geht, bekommt die Form des traditionellen Hörmonologs eine äußerst moderne Mehrstimmigkeit (Kritik hier).

Die Vergegenwärtigung des Ungleichzeitigen war denn auch ein Thema, mit dem sich mehrere Hörspiele aus dem Jahr 2018 beschäftigten. Unter ande­rem eines von Christoph Buggert. Jenem Christoph Buggert, der den Wettbe­werb „Hörspiel des Monats/Hörspiel des Jahres“ mehr als drei Jahrzehnte lang betreut hat und der im Alter von 81 Jahren die Federführung des Wettbewerbs nun an Barbara Schäfer übergab, die Leiterin der Abteilung ‘Feature/Hörspiel/Hintergrund Kultur’ beim Deutschlandfunk. Im Programm des Deutschlandfunks wird an jedem ersten Samstag des Monats das von der dreiköpfigen Jury ausgezeichnete Hörspiel des Monats ausgestrahlt und redaktionell begleitet. Die Jury wird jährlich neu von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste berufen.

Die Ehre der Geräusche

Christoph Buggert. Bild: C.B.

Christoph Buggert. Bild: C.B.

Die Bedeutung Christoph Buggerts, der 26 Jahre lang bis 2002 die Hörspielabteilung des Hessischen Rundfunks (HR) leitete und zehn Jahre das Programm HR 2 Kultur, ist für die Hörspielszene kaum zu überschätzen. Seine Arbeit rich­tete sich nicht nach den Powerpoint­Tortenbäckern aus der Marktforschung, die Hörertypen wie den „traditionsbewussten Beharrer“ oder den „nomadisierenden Genießer“ definieren. Stattdessen hat er beispielsweise 1985 mit der Verpflichtung eines Theatermusikers namens Heiner Goebbels der Gattung neue Impulse gege­ben, die bis heute nachwirken.

Auch als Hörspielautor war Christoph Buggert erfolgreich. Für sein Hörspiel „Vor dem Ersticken ein Schrei“, dem ersten Teil seiner „Trilogie des bürgerlichen Wahnsinns“, wurde er 1978 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeich­net. 40 Jahre später, 2018, wird sein neues Stück „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ urgesendet. In diesem späten Meisterwerk geht es nicht nur um das Hören selbst, sondern auch, wie es im Stück heißt, um „die Ehre der Geräusche“. Eine Ehre, die verletzt werden kann, wenn man ein Geräusch im Hörspiel durch ein vermeintliche effektvolleres ersetzt – hier Artilleriedonner durch Maschinengewehrsalven. Die akustischen Erfahrungen, die Buggert, Jahr­gang 1937, als Kind im Krieg gemacht hat, haben ihn geprägt, denn in Form sogenannter „Zwillingsgeräusche“ kehren die damals gemachten Erfahrungen immer wieder und rufen ähnliche Effekte hervor. Die Vergegenwärtigung der Historie schildert Buggert mit Hilfe eines Gedichts, das ein kindlicher Augenzeuge eines Massakers der Nazis in Italien Jahrzehnte später verfasst hat:

Einmal im Jahr
versammeln die Geräusche der Welt
sich an den Orten,
wo Schreie nicht geholfen haben.
Stumm hören sie
den geschundenen Geschwistern zu.

Katharina Bihler, Stefan Scheib (Liquid Penguin Ensemble). Bild: SR/Oliver Dietze.

Katharina Bihler, Stefan Scheib. Bild: SR / Oliver Dietze.

Im Verlauf der kulturellen Entwicklung ist das Gehör, das evolutionsbiologisch als nicht abschaltbarer Warnsinn konzipiert wurde, sensibel für die Nuancen der Kunst geworden. In der subtilen Klangkomposition durch das Liquid Penguin En­semble, gebildet von Katharina Bihler und Stefan Scheib, die eine ganze Genera­tion von den Hörerfahrungen Buggerts trennt, war der „Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ eines der beeindruckendsten Hörspiele des vorigen Jahres. Das Stück – eine Koproduktion von Saarländischem Rundfunk (SR) und Mitteldeutschem Rundfunks (MDR) – ist ein Beleg dafür, wie sowohl in einer au­tobiografischen Konkretion als auch in begrifflicher Abstraktion zeitübergreifende Erfahrungen durch das akustische Medium überliefert werden können.

Vom Kollektiven erzählen – kollektives Erzählen

Annie Ernaux à la 30e Foire du livre de Brive-la-Gaillarde 2011 Bild: Babsy. CC BY-SA 3.0

Annie Ernaux 2011 Bild: Babsy. CC BY-SA 3.0.

Eine andere Form abstrakten biografischen Erzählens kam am vorletzten Tag des vergangenen Jahres, dem 30. Dezember 2018, im Programm HR 2 Kultur zur Ausstrahlung, und zwar mit dem Hörspiel „Die Jahre“ nach dem Roman „Les an­nées“ der 1940 geborenen französischen Schriftstellerin Annie Ernaux. Hier schim­mert durch das „Von-­sich-­Absehen“ der Autorin, die ihre Lebensgeschichte nicht als persönliche, sondern als kollektive Erinnerung erzählt, dennoch ihre Individu­alität durch. Und auch hier hat das erhebliche jüngere Team von Bearbeitung/Regie und Komposition, Luise Voigt, Jahrgang 1985, und Björn SC Deigner, Jahrgang 1983, dem Stoff eine Form gegeben, die auf der Höhe der Zeit ist (Kritik hier).

„100 Songs“ von Roland Schimmelpfennig; v.l.n.r. Svenja Liesau, Henning Nöhren, Stefan Jürgens, Korepetitorin Uschi Krosch, Franziska Junge, Johanna Griebel, Robert Gallinowski. Bild: SWR / Thomas Ernst.

Ein Musterbeispiel für das Auseinanderfallen von Erzählzeit und erzählter Zeit war das am 14. Oktober bei SWR 2 ausgestrahlte Stück „100 Songs“ von Roland Schimmelpfennig (Kritik hier). Die 75 Minuten des Hörspiels drehen sich um eine Handlung, die gerade einmal vier Minuten umfasst. Es passiert eigentlich nichts, außer dass eine Kellnerin eine Tasse fallen lassen wird und dennoch läuft alles auf eine Katastrophe zu, nämlich einen Anschlag auf einen im Bahnhof stehenden Zug, der jedoch erzählerisch ausgespart wird. Hörspielregisseur Leonhard Koppelmann zeichnet die Nuancen der Wirklichkeitswahrnehmung und des Welt­ verhältnisses der acht Protagonisten um dieses leere Zentrum präzise nach. Die einhundert Songs, die prototypisch für den Soundtrack des Lebens der Protago­nisten stehen, entfalten dabei ein eigentümliches Flirren, was an den unterschied­lichen Fähigkeiten der Schauspieler beim Nachsingen der Lieblingssongs ihrer Fi­guren liegt. Beide teilen zwar den gleichen popkulturellen Hintergrund und doch wird nur durch die Stimmen die Differenz zwischen Akteur und Rolle, zwischen realer Lebenserfahrung und dramatischem Text akzentuiert.

Indikatoren

„Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“, „Ein Nachmittag im Mu­seum der unvergessenen Geräusche“ und „100 Songs“ – es sind drei Stücke, die ihre emotionale Wucht gerade nicht durch das individualisierte ‚Storytelling’ ent­falten, sondern indem sie kollektive Erfahrungen des Menschen als soziales Wesen schildern. Es braucht eben nicht immer das Einzelschicksal, nicht die dramaturgie­getriebene ‚Heldenreise‘, um die Verfasstheit der Welt darzustellen. Die Konse­quenzen der planvolle Zerstörung rationaler Diskurse durch einige Regierungen und redaktionelle Medien und die Hysterisierungswellen, die die sozialen Medien durchrasen, sind für das kollektive Bewusstsein von Gesellschaften kaum zu un­terschätzen – und da ist der Klimawandel als disruptiver Bewusstseinveränderer noch nicht einmal dabei.

Nimmt man die drei Fallbeispiele als Indikatoren, so entwickelt sich der Trend im Hörspiel von den dokumentarischen Formaten wieder mehr ins Künstlerisch­-Überformte, ohne das zugrunde liegende Reale außer Acht zu lassen. Sowohl in ihrem Reflexionsvermögen als auch in ihrer erzählerischen Kompetenz war die Kunst im vergangenen Jahr dem Journalismus weit voraus. Dass ‘Storyteller‘ nicht immer die besten Journalisten und oft nicht einmal gute Erzähler sind, hat sich Ende 2018 prototypisch am Fall des „Spiegel“­Reporters Claas Relotius und des­sen zahlreichen Schwindeleien gezeigt (vgl. MK 3/19). Was die Realitätswahrneh­mung angeht, muss sich die Radiokunst nicht hinter dem gehypten Trend zum First­-Person-­Singular-­Podcast verstecken.

Was sonst noch geschah

DLR Hörspielmagazin 2019-1

Das letzte Hörspielmagazin des Deutschlandradios Jan-Juni 2019.

Das Deutschlandradio hat einen neuen Webauftritt für seine hochwertigen Langformate: www.hoerspielundfeature.de. Doch gleichzeitig ging der Kampf um den Erhalt der Hörspielbroschüre, die schon 2016 von viertel­- auf halbjährige Erscheinungsweise umgestellt worden war, end­gültig verloren. Das Heft Nr. 1/2019 ist das letzte. Wenig überraschend, dass die Abschaffung dieser Hörspielbroschüre der häufigste Kritikpunkt der Hörer schaft bei einer Online-­Umfrage des Deutschlandradios zu seinem neuen Portal war. Selbst WDR-­Hörfunkdirektorin Valerie Weber, der man viel vorwerfen kann, außer dass sie ihre Sparvorgaben nicht exekutieren würde, hält die Abschaf­fung der halbjährlichen WDR-­Hörspielbroschüre im Nachhinein für einen Fehler.

Wie man die Idee des „Online first“ versemmeln kann, das kann man gerade beim Bayerischen Rundfunk (BR) besichtigen, dessen Hörspielpool einst maß­stabsetzend war und der jetzt aussieht, als habe ihn die Anti-­Usability-­Task-Force der Verlegerlobby programmiert. Wenigstens gibt es als Alternative in­zwischen die ARD-­Audiothek nicht nur in einer Smartphone-­, sondern auch in einer Webversion, doch die ist immer noch im Beta­-Stadium. Die Suchfunktion lässt zu wünschen übrig, ebenso fehlt eine Anbindung an die sehr brauchbare Hörspieldatenbank des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) – wenn man schon unnötigerweise die sendungs­begleitenden Texte in vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Verlegern so knapp wie möglich hält.

Vom dänischen Hörspiel braucht man ab jetzt nicht mehr zu reden: Beim öffentlich­-rechtlichen Rundfunk Danmarks Radio (DR) sind zum 1. Januar 2019 die Lichter in der Hörspielabtei­lung ausgeknipst und die Mitarbeiter entlassen worden. Beim Österreichischen Rundfunk (ORF) hat man die Hälfte der Sendeplätze abgeschafft. Und beim Mit­teldeutschen Rundfunk mehr als die Hälfte, weil durch die Streichung des Sonn­tagstermins auch sämtliche Feiertagstermine weggefallen sind. Man muss sich die Situation in der Drei-Länder-Anstalt wohl wie in einem Heiner-Müller-Alptraum auf einer „langsamen Fahrt durch eine Einbahnstraße auf einen unwiderruflichen Parkplatz zu“, vorstellen.

Die Einreichungen zum Hörspiel­-des-­Monats-­Wettbewerb werden ab diesem Jahr aber voraussichtlich mehr werden. Die Zahl stagnierte über die letzten Jahre bei etwas mehr als 100 Einreichungen; 2018 waren es insgesamt 105. Bei zehn öffentlich-­rechtlichen Kulturwellen in Deutschland (ARD-­Sender plus Deutschlandfunk Kultur) waren maximal 120 Einreichungen pro Jahr möglich. Im letzten Jahr durfte neben dem Deutschlandfunk Kultur (Berlin) erstmals auch der Deutschlandfunk (Köln) teilnehmen. Seit diesem Jahr sind nun – eine Statu­tenänderung machte es möglich – auch der Österreichische Rundfunk (ORF) und das Schweizer Rundfunk und Fernsehen (SRF) bei dem Wettbewerb dabei. Die Jury könnte dieses Jahr also theoretisch aus maximal 156 Einreichungen auswählen, doch viele Kulturprogramme haben nicht einmal mehr die Mittel für eine einzige Neuproduktion pro Monat.

Dass man beim Radio das Geld einsparen könnte, was beim Fernse­hen verpulvert wird, war im Übrigen schon immer eine Illusion. Denn vom Etat einer einzigen Folge einer halbstündigen Vorabendserie könnte man etwa fünf Hörspiele produzieren. Mal sehen, wie viele Hörspiele der deutschsprachige Rundfunk im Jahr 2019 schafft.

Jochen Meißner — Medienkorrespondenz 07/2019

 

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