Die Top 3 des 65. Hörspielpreises der Kriegsblinden 2016

Am 1. März hat die Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden aus den 20 Einreichungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz die folgenden Hörspiele zu ihren Top 3 gewählt, die ab sofort auf der Homepage der Film- und Medienstiftung NRW, die zusammen mit dem Bund der Kriegsblinden e.V. (BKD) den Preis trägt, bis Mitte Mai als Stream abgerufen werden können:

Acher Ammer Acher. Bild: AndreasAmmer.

Acher Ammer Acher. Bild: Andreas Ammer.

The King is Gone – Des Bayernkönigs Revolutionstage
Nach einem zeitgenössischen Text von Josef Benno Sailer
von Andreas Ammer, Micha und Markus Acher
Realisation: Andreas Ammer
Kompostion: Markus Acher, Micha Acher
Produktion: Bayerischer Rundfunk (BR)
Ursendung: Bayern 2, 09.10.2015
Länge: 56:40 Min.
Mit: Friedrich Ani, Eva Löbau, Judith Huber, Wowo Habdank, Jörg Siegeler und der Hochzeitskapelle: Evi Keglmaier, Mathias Götz, Micha Acher, Markus Acher

Eine traurige weltgeschichtliche Komödie, ein Blues. Der letzte König Bayerns flieht vor der Revolution, sein Fahrer wird der Held eines historischen road-movies. Die Jury lobte das Grotesk-Unangemessene dieser königlichen Reise, mit absurden Zutaten: ein Auto ohne Räder, eine Nachtfahrt im Nebel mit einer geliehenen Karbidlampe, Zwischenlandung im Acker, Schlamm an den Schuhen und Juwelen im Gepäck, ein Pferdegespann als Rettung, und immer wieder die melancholischen Kommentare des Königs, der die Welt nicht mehr versteht. Die Jury hob die Rolle der Musik hervor. Mal polternd und scheppernd, intensiv und beharrlich, mal zögerlich in der Schwebe, mal bodenständig, mal mit Zitaten aus Pop und Revolutionsmusik bestimmt sie den Fortgang des Stückes. Und zieht das historische Geschehen, die Fehlreaktionen der Regierenden, ins Heute.

 

Sibylle Berg, Marina Frenk. Bild: Stefan Kanis.

Sibylle Berg, Marina Frenk. Bild: Stefan Kanis/MDR.

Und jetzt: Die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen
von Sibylle Berg und Marina Frenk
Regie: Stefan Kanis
Musik: Marina Frenk
Produktion: Mitteldeutscher Rundfunk (MDR)
Ursendung: MDR Figaro, 14.09.2015
Länge: 54:16 Min.
Mit: Marina Frenk

Ein wildes, furioses, atemloses Stück, voll ätzender Komik und tiefer Verzweiflung, zum Lachen, wenn man denn nicht heulen muss, grandios dargeboten von Marina Frenk. Sie gibt vier jungen Frauen ihre Stimme, die sich durch die Fallstricke und Forderungen einer absurden Welt durchzubeißen versuchen – selbstbewußt und hoffnungslos, abgeklärt und aufbegehrend. Sind ihre Gewaltexzesse echt oder Phantasie? Ist ihr ironisches Abhaken von schwachsinnigen Rollen-Klischees nicht selbst schon wieder abgeklapperter Mainstream? Die Jury hob besonders hervor, wie es Marina Frenk gelingt, mit ihrer unglaublich vielseitigen Stimme das „Theaterstück des Jahres 2014“ in ein Hörspiel zu verwandeln. Sie verleiht den vier unterschiedlich Frauenrollen Präsenz, sie lamentiert, spottet, trotzt, lästert, haspelt, kreischt und seufzt, sie tönt wie eine rostige Trompete, sie singt eigene Lieder und macht aus Klassikern durch ihr Arrangement und Interpretation etwas Neues. Die Jury sah in Marina Frenk eine Mit-Urheberin des Hörspiels.

 

Regisseur Leonhard Koppelmann und Schauspieler Oliver Pellner. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Regisseur Leonhard Koppelmann und Schauspieler Oliver Pellner. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
Regie: Leonhard Koppelmann
Produktion: Südwestrundfunk (SWR)
Ursendung: SWR 2, 22.02.2015
Länge: 94:40 Min.
Mit: Johann von Bülow, Andreas Grothgar, Tim Seyfi, Christoph Luser, Julian Greis, Alexander Scheer, Cornelius Obonya, Lars Rudolph, Kirstin Petri

Oliver Pellner, Hauptfeldwebel der deutschen Bundeswehr, fährt mit seinem Unteroffizier in die ‚Regenwälder Afghanistans‘, um dort einen verrückt gewordenen Oberstleutnant ausfindig zu machen und zu liquidieren. Nach Motiven aus Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ erzählte Francis Ford Coppola 1979 in „Apocalypse Now“ von einer ähnlichen Militärmission während des Vietnamkrieges. Wolfram Lotz hat den Stoff in seiner skurrilen, traurigen, ironischen und komischen Erzählung auf die globalisierte Welt von heute übertragen. Die Jury: „Mit grimmigen Pointen und schwarzem Humor zeigt das Hörspiel, wie schief die globalen Konflikte in den Medien gespiegelt werden, aus welchen absurden Details wir unser Halbwissen zusammensetzen. […] Das Stück der Stunde.“

 

Der Gewinner der renommierten Auszeichnung wird am 4. Mai bekannt gegeben. Die von Ute Soldierer moderierte Preisverleihung findet am 11. Mai um 17.30 Uhr beim WDR in Köln statt. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden wird seit 1952 jährlich an ein für einen deutschsprachigen Sender konzipiertes Original-Hörspiel verliehen, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert.

 Die Jury des 65. Hörspielpreises der Kriegsblinden

Für den Bund der Kriegsblinden (BDK): Paul Baumgartner, Johann Dressing, Hans-Dieter Hain, Dietrich Plückhahn, Sigfried Saerberg, Melanie Schäfer, Christa Schmidt.
Fachkritiker: Anna Dünnebier (Autorin, Vorsitzende der Jury), David Denk (Autor, Journalist, Süddeutsche Zeitung), , Thomas Irmer (Freier Journalist u.a. Theater heute), Jenny Hoch (Freie Journalistin), Elmar Krekeler (Journalist, Die Welt), Eva-Maria Lenz (Freie Journalistin, FAZ, epd), Diemut Roether (epd medien), Hans-Ulrich Wagner (Hans-Bredow-Institut).

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