Die Lesbarkeit der Liebe

Oliver Kontny: Republik der Verrückten

RBB Kulturradio, Fr 05.10.2012, 22.04 bis 23.00 Uhr

„Schon im Alter von neun Jahren wusste sie ihre Gazellenaugen einzusetzen, um ihre Beute zu locken, sie mit den Tauen ihrer Rabenlocken zu fesseln und ihr mit einem einzigen Augenaufschlag das Herz zu durchstoßen.“ Die Rede ist von Laila, weniger eine Frau denn eine Naturgewalt „fleischgewordener Sinnlichkeit“ aus dem Persien des 7. Jahrhunderts. Zu ihr fühlt sich der Beduinensohn Quais derart hingezogen, dass es nicht nur zu schulischen Leistungsdefiziten kommt, sondern aus ihm gleich gar nichts wird – außer einem wahnsinnigen Dichter. Deshalb nennt man ihn Madschnun, den von einem Dschinn Besessenen. Natürlich geht die Geschichte nach dem Romeo-und-Julia-Muster schlecht aus.

Der Stoff hat in der Geschichte manche Bearbeitungen und Transformationen erfahren. Im 12. Jahrhundert hat sich der aserbaidschanische Dichter Nezami des Liebes-Epos’ angenommen, 1908 wurde der Stoff zur ersten islamischen Oper überhaupt verarbeitet und Eric Clapton hat er zu seinem Song „Layla“ inspiriert.

Das schwedische Riksteatern (Reichstheater) initiierte auf Grundlage von „Laila und Madschnun“ das internationale Hörspielprojekt „Iranian Voices“, das sich vor dieser historisch-literarischen Folie mit der aktuellen Situation in der islamischen Republik Iran beschäftigt. Eine schwedische, persische, englische und türkische Version gibt es bereits, die deutsche hat Oliver Kontny, studierter Turkologe und Iranist und ehemaliger Dramaturg am Berliner Ballhaus Naunynstraße, unter den Titel „Republik der Verrückten“ inszeniert.

„Laila und Madschnun ist weniger eine Liebesgeschichte als eine Erzählung über eine bestimmte Form von Maskulinität“, schreibt Kontny auf der Website zu dem Hörspielprojekt (www.iranianvoices.de). Dass Laila keine eigenständige Kontur jenseits der feingeschliffenen Vergleiche mit Tieren, Pflanzen, Gestirnen oder Gewürzen bekommt und dass sie zwar besungen wird, aber selbst nicht singen darf, ist noch ganz im trivialen westliche Gender-Diskurs gedacht, in dem die Befreiung der Frau in Sprache und Literatur stattzufinden hat.

In der misogynen und homophoben Welt der verrückten islamischen Republik Iran ist die Befreiung allerdings weniger eine sprachliche als vielmehr eine existenzielle Notwendigkeit. Die Dämonisierung weiblicher oder schwuler Sexualität legitimiert dort jede männliche Schandtat, was durch dokumentarisches Material belegt wird. Ein 16-jähriges Vergewaltigungsopfer wird zum Tode verurteilt und mit dem Erreichen der Volljährigkeit exekutiert. Eine Frau, die von ihrem drogensüchtigen Mann zur Prostitution gezwungen wurde, wird deswegen zu 80 Stockhieben und acht Monaten Gefängnis verurteilt – und wegen Ehebruchs zur Steinigung. Ihr Mann wird wegen Zuhälterei und Drogendealerei zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Im Gefängnis werden die inhaftierten, protestierenden Studenten von anderen Gefangenen planmäßig vergewaltigt. In dem rund 55-minütigen Hörspiel wird dies „das Outsourcen der Folter an nicht-staatliche Verfolger“ genannt. Dass die paramilitärische Baji-Miliz, eine Art SA des islamofaschistischen Regimes in Teheran, gleichzeitig für die Einhaltung der Sittsamkeit zuständig ist und Prostitution und Drogenhandel organisiert, ist nur eine bittere Pointe am Rande.

Es sind nicht nur die literarischen Qualitäten des Textes, dessen farbige Metaphern nicht auf die Liebes-Epik beschränkt sind, und es sind auch nicht nur die realitätsgesättigten Dokumente des gegenwärtigen Schreckens im Iran, die „Republik der Verrückten“ zu einem sehr reichen Hörspiel machen, bei dem die Erzählung des einen (die Literatur) nicht nur ein Vorwand für die Explikation des anderen (die politische Realitäten) ist. Beide Elemente erhellen sich gegenseitig, was in erster Linie an der genauen Interpretation der Ausformungen orientalischer Liebessemantiken und ihrer historischen Bedingtheiten liegt, mit der Oliver Kontny die Liebe von Laila und Madschnun (und nicht nur die) lesbar macht. Denn so heißt es im Hörspiel: „Jede große Liebesgeschichte spielt vor dem Hintergrund noch größerer gesellschaftlicher Konflikte und Tragödien, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Sie wird dann erhaben, wenn Liebende sich über Zwänge hinwegsetzen können, unter denen alle in ihrer Gesellschaft leiden.“ Das Hörspiel endet denn auch mit einer Szene aus den Aufständen im Iran des Jahres 2009.

Die Musik des Komponisten Marc Sinan, die zu keinem Zeitpunkt kitschig orientalisch rüberkommt, sondern ihre Einflüsse von der Neuen Musik und in ihren vokalen Passagen vom Free-Jazz offenlegt, ist für die Wirkung des Hörspiels kaum zu überschätzen, weil sie ihm noch eine zusätzliche Bedeutungsebene gibt.

J0chen Meißner – Funkkorrespondenz 41/2012

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