Zurück am Küchentisch

Kai-Uwe Kohlschmidt: Exodus Namib

RBB Kulturradio, Fr 13.09.2013, 22.05 bis 23.00 Uhr

Kai-Uwe Kohlschmidt, unter anderem Sänger der Ostrockband Sandow, deren Geschichte er in dem Hörspiel „Im Feuer“ erzählt hat (vgl. FK 45/09), ist der Reisende unter den deutschen Hörspielmachern. In seinem Stück „Nanga Parbat“ (HR; vgl. FK 24/07) hat er eine Expedition in den Himalaya begleitet und für sein Hörspiel „Ludwig Leichhardt – Wanderer zwischen den Welten“ (RBB 2009) folgte er dem „Humboldt Australiens“. Für sein neues Hörspiel „Exodus Namib“ hat er sich auf eine „dramatische Spurensuche“ nach Hermann Korn und Henno Martin begeben. Und dramatisches Potenzial hat die Geschichte der beiden Geologen, die 1935 ohne Auftrag und auf eigene Rechnung nach Namibia kamen, um in den folgenden Jahren dort zu forschen.

Während in Europa der Krieg tobt, fürchten sie von der britisch-südafrikanischen Mandatsmacht interniert zu werden, und mit den deutschstämmigen Siedlern, die auf den Führer hoffen, wollen sie nicht in einem Lager sitzen. Also machen sich die beiden auf und verstecken sich in den Höhlen der Gebirge am Rande der Namib-Wüste. Sie führen eine robinsonhafte Existenz, sammelnd und jagend. Mit einem Windrad können sie eine Autobatterie aufladen und Radio hören (Goebbels, Churchill, Hitler). Als ihr Hund Otto verletzt wird, finden sie kurzzeitig Hilfe bei Werner Siegentopf, der auf seiner Niedersachsenfarm hausinterniert ist. Doch bald fliehen sie wieder ins Menschenlose bis die Vitaminmangelkrankheit Beri-Beri sie nach zweieinhalb Jahren zurück in die namibische Hauptstadt Windhoek zwingt. Eine Internierung bleibt ihnen erspart, weil die Mandatsmacht auf ihre speziellen Fähigkeiten angewiesen ist. Was das genau heißt, verrät Kai-Uwe Kohlschmidt nicht.

Denn trotz der vielfältigen Spielszenen der Geologen (gesprochen von Alexander Beyer und Gero Bergmann), die sich an der Peripherie eines mörderischen Weltgeschehens durchschlagen, scheinen die beiden eher ein Vorwand zu sein für ein Thema, das Kohlschmidt viel mehr interessiert, nämlich Mensch und Menschheit an sich. Der Exodus, dem Kai-Uwe Kohlschmidt nachspürt, ist nicht der von Hermann Korn und Henno Martin heraus aus der Zivilisation in die Natur, sondern der des Menschen aus der Natur in die Zivilisation hinein – paradigmatisch zu erkennen an den steinzeitlichen Malereien, die die zwei Geologen in einem ihrer Verstecke entdecken.

Kohlschmidt überblendet die Geschichte der beiden Flüchtenden mit der eigenen, nicht ganz ungefährlichen Expedition und verschleift dabei die Zeitebenen. Manchmal gelingen ihm überzeugende Sprachbilder wie jenes von der „bewaffneten Landschaft“, in der „jeder Strauch gewappnet ist mit Dornen in allen Spielarten und Größen, hochgerüstet gegen den Hunger der Tiere“. Doch die Rahmung der Geschichte ist nicht frei vom Kitsch.

Den Auftakt zu dem Hörspiel bildet die Bildbeschreibung einer Luftaufnahme, am nächtlichen Küchentisch in den Rechner getippt. Auf dem Foto befindet sich inmitten einer Tagebaulandschaft eine Gestalt, „ein Torso mit zornigem Kopf und erhobenem Arm, ein Urmensch, der einen Feuerball wirft“. Am Ende des 55-minütigen Stücks hat sich der Blick auf das Bild geändert. Der erhobene Arm der unbekannten Gestalt gleicht jetzt „einer Nabelschnur zum Firmament, einer Blutbahn zum Jetstream“. Ein atmosphärisch-meteorologisches Phänomen wie die Starkwindbänder in der oberen Troposphäre können einen metaphorisch gehörig aus der Kurve blasen, aber es geht noch dicker: „Wie Stalaktiten tropfen wir vom Himmel, Söhne und Töchter des Jetstreams, sind wir selbst der Unbekannte. Wer weiß den Weg zurück?“ Kai-Uwe Kohlschmidt hat Namibia besucht und den Weg zurück gefunden: an seinen Küchentisch.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 38/2013

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