Die Hörer als Tonträger

Axel-Eggebrecht-Preis für Feature-Autor Paul Kohl

Es gibt einen erzählerischen Trick, den alle Features des Autors Paul Kohl gemeinsam haben, sagte Jens Jarisch, Feature-Redakteur beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und selbst trickreicher Feature-Autor in seiner Laudatio auf den vierten Träger des Axel-Eggebrecht-Preises. Die Verleihung der mit 10 000 Euro dotierten Auszeichnung an Kohl fand am 14. Mai auf dem Campus der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig am Rande der 40. International Feature Conference (IFC) statt. Juroren für die Preisvergabe waren die Schriftstellerin Linde Rotta, die Feature-Redakteurin Gisela Corves (WDR), die Feature-Redakteure Wolfram Wessels (SWR) und Jens Jarisch sowie der neue Jury-Vorsitzende Richard Goll, langjähriger Feature-Chef des Österreichischen Rundfunks (ORF) und selbst Axel-Eggebrecht-Preisträger (vgl. FK 5/10). Goll hat Peter Leonhard Braun beim Vorsitz abgelöst.

Der Trick, den Paul Kohl anwende, um Vergangenes so zu erzählen, als sei es noch nie erzählt worden, so „als wäre das Vergangene eine Unerhörtheit“, sei einer, so erläuterte Jarisch, der in jeder Feature-Fibel stehe, den aber kaum einer wirklich gut beherrsche, nämlich „Vergangenes aus dem heute heraus zu erzählen“. Das heißt, die Vergangenheiten so wiederzuerwecken, als seien sie gar nicht vergangen. Jarisch weiter:

„Paul Kohl übermittelt uns nicht die Nachricht, sondern das, was sie auslässt. Seine Geschichten handeln nur beiläufig davon, was genau geschehen sein mag. Vordringlich handeln sie davon, wie dieses Geschehnis im Hier und Heute wirkt. Bekanntes bekommt neue Brisanz und Geschichte wird lebendig. Weil es sich in Wirklichkeit gar nicht um Geschichte handelt, sondern um eine Form, die Gegenwart zu betrachten.“

Mit dem Manuskript zum BR-Pförtner

Paul Kohl. Foto: privat.

Paul Kohl. Foto: privat.

Paul Kohl, Jahrgang 1937, hat mit zwölf Jahren sein erstes Hörspielmanuskript auf dem Weg zur Schule beim Pförtner des gerade gegründeten Bayerischen Rundfunks (BR) in München abgegeben, das war 1949. Nach zwei Wochen kam die Absage. Doch Kohl hat sich nicht entmutigen lassen und nach einer Buchhändlerlehre wurde 1964 vom WDR sein erstes Hörspiel gesendet, „Der Golem“ nach dem Roman von Gustav Meyrink. Es sollten noch vierzehn weitere Hörspiele folgen und seit 1972 gut einhundert Features. Was Paul Kohl am Feature interessiert, ist, das, was in den Maschen des weiten Netzes der Recherche hängengeblieben ist, zu sezieren, bis der Knochen des konkreten Themas herauspräpariert ist. Immer wieder widmete sich Kohl dabei dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Wehrmacht, die er lange vor der viel diskutierten Wanderausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung (ab 1995) aufdeckte.

Kohls Zusammenstellung von Dokumenten und Augenzeugenberichten zum Überfall von Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion in dem Stück „Steh’ auf, es ist Krieg“ aus dem Jahr 1986 (Redaktion und Regie: Wolfgang Bauernfeind, SFB) steht paradigmatisch für die Arbeitsweise des Autors, die Jens Jarisch bei der Preisverleihung in Leipzig anhand einiger Ausschnitte aus dem Stück thematisierte. In einer Reise durch Weißrussland traf Kohl die Opfer des Vernichtungskrieges und machte die Politik der verbrannten Erde, die die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug exekutierte, schmerzhaft fühlbar. Wozu auch die Interviews mit den damaligen Tätern beitrugen, von denen manche in welthistorischer Perspektive bedauerten, den Krieg damals nicht gewonnen zu haben, andere lakonisch von ihren Taten berichteten, als sei das Niederbrennen ganzer Dörfer und ihrer Einwohner ein ganz alltäglicher Job gewesen.

Ein Schritt zur Befreiung von Angst

Jens Jarisch würdigte in seiner Laudatio die teilnehmende Beobachtung wie auch die Haltung, die nicht den Autor in den Vordergrund stelle, sondern dessen Standpunkt transparent mache. Kohls Features seien „das Ergebnis aus Dutzenden von gelungenen Balanceakten, Gratwanderungen, Feinjustierungen.“ Paul Kohl sagt: „Das Aussprechen des bisher Geheimgehaltenen ist auch ein erster Schritt zur Befreiung von Angst“ – und das bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf gegenwärtige Verschleierungsversuche. Sein kürzlich im ORF-Kulturprogramm Ö1 noch einmal gesendetes Feature „Das Attentat – Wer hat Alfred Herrhausen ermordet?“ (DLF/WDR/SR/RBB 1997) ist im Untertitel als „Rekonstruktion einer Spurenverwischung“ benannt und hat auch heute noch das Zeug dazu, Empörung zu erzeugen. Denn das Feature, sagte Paul Kohl in seinen Dankesworten zum Axel-Eggebrecht-Preis, den er für sein Lebenswerk erhielt, ist nach der Sendung nicht „lost in the air“, sondern es schwingt weiter – in den Köpfen der Zuhörer: „Die Hörer sind nun Tonträger.“

Gut 40 Jahre nach der Ausstrahlung seines ersten Features hat der 77-jährige Paul Kohl nun seinen ersten Preis bekommen. Das wurde ja auch mal Zeit.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 21/2014

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