Ein Ähnlichkeitsverhältnis

Andreas Ammer/Console: Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Das Hörspiel

Bayern 2,  Mo 25.04.2014, 21.05 bis 22.10 Uhr

Zwei Tage bevor Tina Klopp ihren Umgang mit einer Welt der zu vielen Lösungen beschrieb (vgl. FK 19/14), war ebenfalls beim Bayerischen Rundfunk (BR) in dessen Radioprogramm Bayern 2 von einem zu hören, der der Meinung war, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben, und sich zugleich bewusst war, wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind. In seinem 1918 fertiggestellten „Tractatus logico-philosophicus“ ging der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) davon aus, dass „alle philosophischen Probleme auf dem Missverständnis der Logik unserer Sprache beruhen“.

Wittgensteins hochformalisiertes Werk hat das Denken über die Sprache nachhaltig verändert. Seine logisch-philosophsche Abhandlung zeigt, dass die Möglichkeiten des Ausdrucks von Gedanken begrenzt sind. Die Grenzen des Denkens selbst könne man nur definieren, wenn man beide Seiten der Grenze denken könne: „Wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt“, schreibt Wittgenstein im Vorwort, um dann ganz innerweltlich sein Werk mit dem berühmten Satz 1 zu beginnen: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Sieben Hauptsätze sind es, die das gut hundertseitige Werk strukturieren, die sich in hierarchisch gegliederten Unterpunkten verzweigen und in dem Schlusssatz münden, der zum geflügelten Wort geworden ist und der keine weiteren Untergliederungen mehr erlaubt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Andreas Ammers 65-minütige Radiofassung, selbstbewusst mit dem bestimmten Artikel „Das Hörspiel“ untertitelt, konzentriert sich ganz auf das Werk. Von dessen Autor, der im BR-Pressetext als „freiwillig in den Krieg gezogener Industriellenerbe“ bezeichnet wird, der „im Handstreich ein paar Jahrtausende Philosophie-Geschichte beendete“, erfährt man in dem Hörspiel nichts. Nur der Kanonendonner deutet diskret an, dass der Text während des Ersten Weltkriegs entstanden ist. Dass „der passionierte Klarinettist“ Wittgenstein zwar vom Schweigen, nicht aber von der Stille gesprochen hat, hat Andreas Ammer und Console (d.i. Martin Gretschmann) dazu inspiriert, die Musik als Medium des Unsagbaren in ihr Recht zu setzen.

Consoles Soundtrack, der mal flächig daherkommt, mal geräuschhaft akzentuierend, wird von einer vokalen Gesangsstimme unterstützt. In erster Linie ist es aber eine sprechende Stimme, nämlich die von Oswald Wiener, die dem Text eine unerwartet zugängliche und verstehbare Gestalt gibt. Der 78-jährige Autor des von Wittgenstein beeinflussten Avantgarde-Romans „die verbesserung von mitteleuropa“ aus dem Jahr 1969 (2006 als Hörspiel realisiert; vgl. FK 35/06) spricht den Text mit einem Verständnis, mit dem die meisten Schauspieler und Philosophie-Professoren überfordert wären – und er spricht ihn mit der Haltung, verstanden werden zu wollen. Damit schlägt Andreas Ammer hier genau den entgegengesetzten Weg ein zu dem, den er in seinem letzten Hörspiel „GOTT“ (vgl. FK 36/13) gegangen war, in dem er gerade das neugierige Unverständnis seiner Sprecherin Katharina Franck produktiv gemacht hatte.

Denn Wittgensteins einfach gebaute und logisch verknüpfte Sätze haben derart komplexe Folgerungen, dass sie nicht von ungefähr die sprachanalytische Philosophie auf eine neue Grundlage gestellt haben. Dabei wird man von Sätzen so tröstlicher Schönheit überrascht wie: „6.5 Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden“ (Hervorhebung L.W.).

Der medientechnologische Ort, von dem aus Wittgenstein operiert, findet sich in den Sätzen 4.014 und 4.0141, in denen die Abbildungsverhältnisse zwischen Sprache und Welt anhand der Grammophonplatte erläutert werden. Satz 4.0141: „Dass es eine allgemeine Regel gibt, durch die der Musiker aus der Partitur die Symphonie entnehmen kann, durch welche man aus der Linie auf der Grammophonplatte die Symphonie und nach der ersten Regel wieder die Partitur ableiten kann, darin besteht eben die innere Ähnlichkeit dieser scheinbar so ganz verschiedenen Gebilde.“

Von hier aus kann man sich fragen, in welchem Abbildungsverhältnis steht Andreas Ammers und Consoles Stück „Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. Das Hörspiel“ zum Original? Ebenfalls in einem ähnlichen. Es stimmt in mehreren Eigenschaften mit der Vorlage überein, aber nicht in allen – was bei einer gekürzten und um die logisch-mathematischen Formeln verkürzten Fassung, die sich zudem im Medium des Akustischen und nicht der Schrift bewegt, gar nicht anders sein kann. Und erfreulicherweise funktioniert das Stück auch ohne dass man einen Magistertitel in Philosophie haben müsste.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 20/2014

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