Breit und heftig

Hans Block: Don Don Don Quijote – Attackéee

Deutschlandfunk, Di 24.06.2014, 20.10 bis 21.00 Uhr

>Hans Block ist Schlagzeuger, er ist Hörspielhörer und er studiert Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Dies sind drei Faktoren, ohne die sein 46-minütiges Debüthörspiel „Don Don Don Quijote – Attackéee“ nicht denkbar wäre. Denn ohne die Kooperation des Deutschlandfunks und seiner ehemaligen Dramaturgin Elisabeth Panknin als Mentorin mit der „Ernst-Busch“-Hochschule (unter dem Label„Buschfunk“) hätte es die Produktion nicht gegeben. Ohne seine an Christoph Schlingensief geschulten Hörerfahrungen wäre Hans Blocks Version des Don-Quijote-Stoffs gar nicht denkbar und ohne sein Gefühl für Timing, Rhythmus und musikalische Schichtungen hätte das Stück nur halb so viel Drive.

Blocks Don Quijote bewegt sich auf seinem Pferd durch die Straßen Berlins und diskutiert mit Hausfrauen über den Verkehr. Jan Breustedt springt dabei in der Rolle des Don Quijote vor Autos, um für eine Minute das Nachdenken über den sich perpetuierenden Wahnsinn einzufordern. Zu diesem Zweck ist Hans Block mit seinem Protagonisten auf die Straße gegangen und zwei Zivilpolizisten hat seine Intervention in den Verkehrsfluss weniger gefallen. Das Aufnahme-Equipment wurde beschlagnahmt und die Beteiligten wurden wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr festgenommen. Das Verfahren läuft noch, wie Block dem Deutschlandfunk-Moderator Michael Langer im Interview erzählt hat. Die Arbeit am Stück hat viel länger gedauert als die üblichen zehn Tage, die beim öffentlich-rechtlichen Radio für eine Hörspielproduktion vorgesehen sind – und sie ist auch noch nicht fertig, wie Hans Block freimütig zugibt.

Da hat er Recht, denn schon nach wenigen Minuten kommt einem das Stück seltsam bekannt vor. Schwere E-Gitarren, Wagners Walkürenritt, Westernmusik, Autocrashs und Hufgetrappel aus dem Geräuscharchiv, Filmzitate sowie lustvoll outrierende Schauspieler, kurz, es wird alles aufgefahren, was das Hörspiel breit und heftig macht. Eine Schauspielerin (Lisa Hrdina) macht sich sogar den Duktus und die hysterischen Überschläge von Sophie Rois zu eigen, die bekanntlich ohne das Hörspiel nicht leben kann und am liebsten „noch eins und dann noch eins und dann noch eins“ machen will.

Plötzlich weiß man, dass man sich in dem brutalstmöglichen Plagiat von Schlingensiefs erstem Hörspiel „Rocky Dutschke ’68“ (vgl. FK 3/97) befindet. Wobei Plagiat eigentlich nicht das richtige Wort ist. Es ist vielmehr eine große Liebeserklärung an das Werk des charismatischen Künstlers, der mit den Gesetzen der Sicherheitsdramaturgie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gebrochen hatte und durch seinen anarchischen Charme erst die Film- und dann die Hörspiel- und Theaterwelt bezauberte, bevor er vom Feuilleton heilig gesprochen wurde. An zwei, drei Stellen in Blocks Hörspiel ist Christoph Schlingensief im O-Ton zu hören.

Hans Block hat die Struktur von „Rocky Dutschke ’68“ übernommen und sie mit einem neuen, alten Inhalt gefüllt. Und zwar mit genau dem richtigen Inhalt, denn der Ritter von der traurigen Gestalt, den Miguel de Cervantes vor 500 Jahren porträtiert hat, ist eigentlich eine, wenn nicht die typische Schlingensief-Figur – immer oppositionell, rückhaltlos eingreifend und immer bereit, sein Scheitern als Chance zu begreifen. Für Block das genaue Gegenteil der zögerlichen, nicht handelnden Typen à la Hamlet. Sieht man von der déformation professionnelle des Kritikers ab, der immer wieder an die formalen, stimmlichen und musikalischen Assonanzen des 18 Jahre alten Vorbilds erinnert wird, dann kann man an „Don Don Don Quijote“ viel Spaß haben und sich auf das nächste Stück von Hans Block freuen, das bestimmt seine eigene Formensprache entwickeln wird.

Aus der Kooperation von Deutschlandfunk und der Hochschule „Ernst Busch“, die nach ihrer jetzigen Premiere im nächsten Jahr fortgesetzt werden soll, sind noch zwei weitere Hörspiele hervorgegangen, die der Sender am 21. Juni ausstrahlte. Dabei handelt es sich um Korbinian Schmidts Filmzitate-gesättigten 17 minütigen „Versuch über die Müdigkeit“ (nach dem gleichnamigen Essay von Peter Handke) und um eine 46-minütige Bearbeitung von Alex Garlands Selbstfindungsroman „Koma“, den Nick Mockridge als Hörspiel inszenierte. Auffallend ist, dass diese beiden Hörspiele mit langen Musikstücken enden: „Koma“ mit einem Ausschnitt aus Pink Floyds „Echoes“ (1971), der „Versuch über die Müdigkeit“ mit Nick Caves Song „From Her to Eternity“ (1984). Auch diese Autorengeneration wird sich früher oder später von der Musik ihrer Großväter und Väter emanzipieren. Mal sehen, was der nächste Jahrgang der „Ernst-Busch“-Hochschule für Überraschungen bereithält.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 27/2014

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