Ähäm, naja, tja, mhm, bphh – Kathrin Röggla: Rede zur Eröffnung des 13. BHF

Ähäm, naja, tja, mhm, bphh,
(schnalzen, klackern, ausatmen)

Meine Damen und Herren, liebe Andreja Andrisević, liebe Anke Beims, liebe Stella Luncke, lieber Jochen Meißner, lieber Frank Kaspar, liebes großes Team dieses 13. Festivals der Freien Hörspielszene, geneigte Hörer:innen hier im Saal,

tja … mhm …

Seit vielen Jahren treffe ich Leute, die hören professionell zu. Und zwar nicht inhaltlich, also als Psychotherapeuten oder Politikberaterinnen, sondern als die, die wissen, was Lispeln und Räuspern bedeuten, was Ähms und Najas und Ahas da mitten in den Sätzen sollen: Zögern, Unklarheiten ausdrücken, vielleicht Widersprüchliches … Sie schneiden das meist raus. Die kleinen Radiostillen und die verzögerten Antworten, die falschen Anschlüsse, die ich in meiner eigenen schriftstellerischen Arbeit so sehr liebe. Stolpern, Stottern, Knistern. Man könnte sie auch reinschneiden und erhielte eine vollkommen andere Aussage. Vielleicht die, dass die Situation komplex und ambivalent ist und dass die scheinbaren Sicherheiten im Auftreten keine sind, dass ich entweder weisungsgebunden gegen meinen Willen spreche oder aber vielleicht die Widersprüche der Situation nicht mehr verdauen kann. Aus dem zweiten Grund möchte ich sie heute reinschneiden in meine Rede. Anfangen möchte ich allerdings mit einem Ausrufezeichen. Was heißt, mit einem, mit einem dreifachen –

denn:

Selbst Stille ist hier erlaubt,

lese ich in der Selbstdarstellung dieses Hörspielfestivals der Freien Szene. Die ganze Bandbreite künstlerischer akustischer Äußerungen. Keine Konvention und keine redaktionellen Abstimmungen sind hier notwendig, und bezüglich der ästhetischen Fragen kann man sich einfach in jede Richtung bewegen, und das Ganze bekommt doch Kontur – ein wahrer Ausdruck der Vielfältigkeit. Das ist wundervoll, und ich freue mich auf die vielen unterschiedlichen künstlerischen Äußerungen, auf glühende Knopfmikros und brennende Lang- und Kurzmikros, aber in erster Linie freue ich mich auf die Präsenz vieler Menschen einer lebendigen Szene hier in unserem Haus, das ich, soweit ich mich erinnern kann, durch die Hörspielfestivals der Neunziger- und Nullerjahre erst so richtig kennengelernt habe. Gerade weil Hörstücke im Radio und Netz meist alleine in Autos und U-Bahnen, bei Gymnastikübungen und im Nachtdienst, in schlaflosen Nächten und im Krankenbett, aber auch am Strand gehört werden, ist dieser gemeinsame Raum hier, der nur ihnen gewidmet ist und der so viele verschiedene akustische Räume in sich aufnehmen kann, etwas ganz Fantastisches.

Darüber hinaus ist die Tatsache, dass es dieses Festival nun schon eine ganze Weile gibt, die Zahl 13 ist da ja sprechend, und sich weiter und weiter etabliert, ein überzeugendes Statement der Selbstermächtigung und der Emanzipation. Es ist groß geworden, und es hat an Gewicht gewonnen. Schön wäre es, wenn die Hörkunst auch noch etwas im Radio stattfinden könnte und nicht nur auf Festivals. Wenn die Freie Szene nicht nur frei ist, im Sinne von kein Geld und keine Institution – sondern auch finanziert ist. Ich erinnere mich gut an den Ausdruck: „Bezahlter Bereich“. „Da kommen wir ja in den bezahlten Bereich!“, äußerte erstaunt ein Berliner Theaterbetreibender einem Regisseur gegenüber, der Geld für seine freie Produktion, eigentlich für die Schauspieler:innen organisieren wollte. Aber es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Programmierung und Öffentlichkeit.

Vielleicht sagen einige, das gibt es doch alles, aber das stimmt leider immer weniger. Eine von der Akademie in Auftrag gegebene Studie weist nach, dass öffentliche Sendeplätze schwinden – Jochen Meißner hat sie durchgeführt und wird sie morgen um 14.00 Uhr auf einem Panel der Hans-Flesch-Gesellschaft vorstellen –, dass de facto weitaus weniger Hörspiele gesendet werden als noch vor zwanzig Jahren. Und dass vor allem die Übernahmen immer weniger werden, davon können viele der hier Beteiligten leidvoll ein Lied singen. Unter dem Stichwort Digitalisierung und Podcastisierung geraten narrative Formen in den Fokus, die Seriencharakter haben, ja, man kann von einer Netflixisierung sprechen. Die hier auf diesem Festival präsentierten Kurzformen sind in wenigen Sendern noch zu Hause, warum? Liegt es daran, dass sie Kontextualisierungen brauchen, ein Senderumfeld, in dem Reflexionsräume herrschen? Und damit kommen wir auch schon direkt zur gegenwärtigen Situation, die alles andere als Reflexionsräume bietet. Und hier wäre mal wieder eine ganze Reihe von Ähäms und Najas und Hmpfs geboten.

Sie alle hier werden das Debakel um den RBB verfolgt haben, das sich in der Mediendarstellung entweder als Personaldebatte darstellt oder als Bausch-und-Bogen-Verdammnis des gesamten ÖRR in der Springerpresse. Es sind strukturelle Krisen, Krisen der Legitimation wie der Glaubwürdigkeit inmitten einer Kultur der Angst in einem Gebilde, einer Institution, auf die wir eigentlich stolz sein können, dass wir sie gesellschaftlich hervorgebracht haben. Ja, es ist auch hier an der Stelle der Freien Hörspielszene wichtig zu sagen, dass wir um die Existenz eines ÖRR kämpfen müssen, aus Gründen der Verständigung einer demokratischen Gesellschaft, die, wie ich fest überzeugt bin, künstlerische Mittel zu dieser Verständigung benötigt. Und damit stehe ich ja nicht alleine da, das haben wir auch verbrieft im Medienstaatsvertrag, der in diesem Jahr neu verfasst wurde. Ja, es stellen sich nicht nur Fragen nach Kontrolle, Hierarchien und Finanzierung, nach Föderalismus und Programmhoheit, sondern auch nach einem grundsätzlichen neuen Bekenntnis für die Kunst im Radio, wie sie dem neuen Medienstaatsvertrag entspricht. Ganz oben in der Präambel des Vertrags steht die Kultur, und ganz oben in den Sendern sollte man das wahrnehmen. Also traut euch, Intendant:innen dieser Radiowelt!

Ich bewundere insofern derzeit die inneren Revolten des RBB, des Redaktionsausschusses wie der Freien, die um ihren Sender kämpfen, ich habe Hochachtung vor manchen Kräften im Rundfunkrat, die um Erneuerung ringen, auch würdige ich die Anstrengungen der zahlreichen Fachredaktionen, über die die Sender noch verfügen – mit ihrem föderalen Reichtum, der heute dank eines falschen Verständnisses von Digitalisierung bedroht ist. Und am meisten würdige ich natürlich die Arbeit von den vielen Künstler:innen, die weiter an der Substanz arbeiten. Und die jetzt vor mir hier stehen und eben nicht nur Content-Lieferanten sind, sondern oft selbst Strukturen etabliert haben, sich manchmal sogar organisieren und den historischen Moment erkannt haben. Das ist der Augenblick, in dem in meiner Rede die Tjas und Ähäms und Mpfs mal ausbleiben.

Aber neben all dieser Würdigung muss ich doch zur Verdammnis kommen, nämlich dem Entsetzen, was mit unserer Hörspiellandschaft geschieht. Reduzierung, Austrocknung. Eine reine Quotenfixierung, die mit Reichweite verwechselt wird, die Aufteilung der Öffentlichkeit in Sinusgruppen, Zielgruppen-Targeting sowie das ungebremste Starren öffentlich-rechtlicher Strukturen auf den angeblich freien Markt. Maßnahmen, die die Diversität und die Innovation in ein Hinterherhinken versenken, die Chancen auf eine lebendige Erneuerung verschenken, weil sie angstgesteuert stattfinden. Geld, so höre ich immer hinter den Kulissen, Geld ist da, es ist nur nicht in den Fachredaktionen vorhanden, die das Hörspiel finanzieren. Auf der einen Seite werden Unsummen ausgegeben, und auf der anderen bleibt kaum noch Bewegungsfreiheit für die Redaktionen und somit die Künstler:innen.

Sie sehen, auch jetzt bleiben die Mpfs und Najas und Tjas aus. Die Ambivalenzen der Situation sind dennoch da, nur werden sie diesmal weniger von Tonmeistern, sondern von der Rasanz der Ereignisse auf die Seite gedrückt.

Aber heute kehren wir zurück zum Feiern und zur Selbstermächtigung, die hier im Fokus stehen soll! Wie gesagt, ich bin sehr stolz, dass wir dieses Hörspielfestival hier haben, gerade hier in der Akademie der Künste. Es ist der genius loci dieses Hauses, der irgendwie das ideale Setting für die Hörkunst abgibt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Werner Düttmann dieses Gebäude extra dafür gebaut hat, für dieses und andere Hörspielfestivals. Vielleicht weil so ein Hörspielfestival im Grunde durchs ganze Gebäude geht. Es bleibt auch nicht in diesem Haus stehen, sondern verbindet es mit anderen Räumen, weiter und weiter. Die Impulse, die von hier ausgehen, haben wir uns verdient, wir benötigen sie an vielen Orten. Und in diesem Sinn möchte ich meinen Dank an erster Stelle Conny Klauß aussprechen, die hier für die Sektion Film- und Medienkunst organisatorisch in hohem Maße tätig war, sowie Mechthild Cramer von Laue (die leider nicht da sein kann), Oliver Sturm, überaus engagiertes Mitglied der Sektion und unermüdlich in dem Bemühen, sich für das Hörspiel als Kunstform einzusetzen, Marcus Gammel vom Deutschlandradio, der die Live-Übertragung in den Digitalkanal „Dokumente und Debatten“ auf DAB+ ermöglicht hat; der Initiative Kultursommer des Berliner Senats, weshalb der Freitag freien Eintritt hat; Rainer Kremser, der einen Blinden-Workshop geleitet und so das Feld der Akteure erweitert hat, sowie Malte Giesen, der die Tore des Studios für Elektroakustische Musik für einen Brückenschlag vom Hörspiel zur Klangkunst geöffnet hat.

Vor allem aber ist dem weitestgehend selbstlos arbeitenden ganzen Team des BHF zu danken. Auch denen im Hintergrund. Und Gratulation allen Künstler:innen, die jenseits der Wettbewerbe schon gewonnen haben, indem sie hier laufen.

Kathrin Röggla, Autorin, Hörspielmacherin, Vizepräsidentin der Akademie der Künste

Berlin, 2. September 2022

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