Nachrichten aus dem Prekariat – Leipziger Radiopreise an Bohlen und von Kuck
Am 2. Juli sind in Leipzig der Günter-Eich- und der Axel-Eggebrecht-Preis für das Gesamtwerk an den Hörspielmacher Hermann Bohlen und die Radiofeatureautorin Marie von Kuck verliehen worden. Die im Zweijahresrhythmus vergebenen Preise würdigen das Gesamtwerk eines Autors. Hier das Video der Preisverleihung.
Als der Hörspielmacher Hermann Bohlen am 10. Dezember 2025 als einer von drei Nominierten für den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ im Zug nach Köln saß, da wusste er noch nicht, dass er mit dem ersten „Deutschen Hörspielpreis für Audiostories“, in den der traditionsreiche Preis umbenannt worden war, nach Hause fahren würde.
Als er am 2. Juli dieses Jahres zur Villa Ida der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig fuhr, wusste er schon, dass ihm der mit 10.000 Euro dotierte Günter-Eich-Preis für sein Gesamtwerk verliehen werden würde. In Köln „folge die Verleihung der Idee der Nachwuchsförderung, hieß es in der Pressemeldung. Nach 6 Monaten Nachwuchsförderung darf ich heute für mein Lebenswerk den Günter-Eich-Preis mit nach Hause nehmen. Flutscht doch, oder?“, sagte Bohlen in seinen Dankesworten.
Hermann Bohlen, Jahrgang 1963, gehört zu den Autoren, die Ende der 1980er Jahre, als Hardware für digitale Audioproduktionen erschwinglich wurde, ihre ersten Stücke produzierten. Plötzlich brauchte man kein Rundfunkstudio mehr, um Hörspiel zu machen. Begonnen hat Bohlen mit Stücken für das inzwischen legendäre linksalternative Berliner „Radio 100“. Zusammen mit dem Musiker Frieder Butzmann schuf er 1991 das Hörspiel „Die Wauwau-Theorie“, das der Frage nachging, warum Hunde in China „Wang-Wang“ statt „Wau-Wau“ machen. Das war dann schon eine Produktion für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Fiktive Realitäten
1996 folgte „Prozedur 7.7.0“. Diese Dokumentation spürte mit gefälschten O-Tönen dem Phänomen der „Unsortierbaren“ nach, einer Bevölkerungsgruppe, die sich allem Sozialen entzieht und die deswegen gechipt werden soll, „um ihnen das Recht auf Hilfe“ zu implantieren. Dafür gab es den „Lautsprecher“, den Hörspielpreis der Akademie der Künste. Ebenfalls ein mit fiktiven Realitäten arbeitendes Stück wurde 2012 mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet: „Alfred C. Aus dem Leben eines Getreidehändlers“. 2025 folgte dann der Kriegsblinden-/Audiostories-Preis für die KI-Farce „Moettelli – eine Begegnung mit künstlicher Intelligenz“, in der Bohlen selbst die Hauptfigur spricht.
Die dreiköpfige Jury (Thomas Fritz, Diemut Roether, Wolfgang Schiffer), lobte „den vergnügten Einfallsreichtum, den formalen Wagemut, die Perfektion der technischen Umsetzung und den unerschöpflichen, äußerst trockenen Humor der hintergründigen und stets augenzwinkernd-unverwechselbaren Hermann-Bohlen-Stücke.“
Über Preise kann sich Hermann Bohlen also nicht beschweren, und dennoch nahm er seine Dankesrede zum Anlass, aus seinem „Jammer-Tagebuch“ zu zitieren. Das hatte er drei Jahre lang geführt, als die Aufträge nicht mehr so flutschten wie früher – und darin mit Datum, Gesprächspartner und Grund des Jammers seinen Kummer penibel dokumentiert. Das ging sogar so weit, dass er sich (erfolglos) um den Podcast einer großen Lebensmittelkette bewarb. War wohl auch besser so, dass er da kein zweites Standbein aufstellen konnte: 24 Minuten sollten mit schändlichen 600 Euro abgegolten werden.
Prekäre Realitäten
Wie prekär die Situation für Radioautoren ist, konnte man auch in der Audiobotschaft der Preisträgerin des Axel-Eggebrecht-Preises hören. Marie von Kuck, Jahrgang 1971, ist schwer erkrankt und konnte deshalb nicht in Leipzig sein.
Die Jury (Ulrike Toma, Sabine Küchler, Wolfgang Schiffer) lobte die von ihr so postulierte „Autorin des Zuhörens“ wie folgt: „Wenn es so etwas wie ein selbstloses, ein hochherziges Feature gibt, dann hat es Marie von Kuck erfunden. In nüchterner Gründlichkeit hört sie den Menschen zu, die etwas zu erzählen haben, von Gewalt und Erniedrigung, von Situationen und Erlebnissen, die einzelne Menschen, vielleicht Minderheiten, wahrscheinlich Frauen und Kinder betreffen.“ Marie von Kuck ist für ihre mehr als dreißig Radiofeatures, die seit 2001 entstanden sind, bereits mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem internationalen „Prix Europa“.
Inzwischen ist sie selbst eine von Armut betroffene Frau. Den größten Teil ihres Berufslebens konnte sie nicht von ihrer Arbeit leben und musste mit Hartz IV aufstocken. Selbst als sie später genug verdiente, fehlte ihr die soziale Absicherung. „Mein Plan war denkbar einfach: gesund bleiben, alt werden und arbeiten, bis ich umfalle. Das hat leider nicht funktioniert.“
Seit ihrer schweren Erkrankung bezieht sie Grundsicherung. Die 10.000 Euro Preisgeld wird sie wahrscheinlich nicht behalten können, weil die Summe vermutlich komplett auf eben diese Grundsicherung angerechnet wird.
Dieser Widerspruch, einen Preis für das Lebenswerk zu bekommen und gleichzeitig Sozialhilfe zu beziehen, „erzählt auch etwas über den Zustand eines Berufs, der für unsere Demokratie unverzichtbar ist“, sagt Marie von Kuck in ihrer Videobotschaft und fährt fort: „Investigativer Journalismus ist kein Luxus. Er ist keine Liebhaberei. Er ist kein Hobby für Menschen, die es sich leisten können. Er gehört zur demokratischen Infrastruktur.“
Gegenwärtig finden Verhandlungen der „Feature-Offensive“ der sich für Rundfunkautoren einsetzenden Hans-Flesch-Gesellschaft mit der ARD statt. Hier sollen für dokumentarische Formate endlich ähnliche Honorarbedingungen durchgesetzt werden, wie sie sich die Hörspielautorinnen und -autoren bereits erkämpfen konnten.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 09.07.2026
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