Marie von Kuck: Eine prekäre Geschichte

Am 2. Juli 2026 wurde auf dem Mediencampus Villa Ida in Leipzig zum elften Mal der Axel-Eggebrecht-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig an die Feature-Autorin Marie von Kuck für deren Gesamtwerk verliehen (Video hier). Die Jury bestand aus Ulrike Toma (NDR), Sabine Küchler (DLF) und Wolfgang Schiffer (Ex-WDR).
Die vorhergehenden Preisträger waren: Peter Leonhard Braun (Ehrenpreis), Franziska Sophie Dorau, Walter Filz, Richard Goll und Alfred Treiber, Alfred Koch, Paul Kohl, Helmut Kopetzky, Margot Overath, Lorenz Rollhäuser sowie Friedrich Schütze-Quest.
Marie von Kuck ist schwer erkrankt und schickte deshalb ihre Dankesrede als Audiobotschaft nach Leipzig, die wir hier dokumentieren.

Die Begründung der Jury

Wenn es so etwas wie ein selbstloses, ein hochherziges Feature gibt, dann hat es Marie von Kuck erfunden. In nüchterner Gründlichkeit hört sie den Menschen zu, die etwas zu erzählen haben. Von Gewalt und Erniedrigung, von Situationen und Erlebnissen, die einzelne Menschen, vielleicht Minderheiten, wahrscheinlich Frauen und Kinder betreffen. Dabei geht es um häusliche Gewalt, um Gewalt in der Geburtshilfe, um Polizeigewalt, um Obdachlosigkeit.

Marie von Kuck bringt diese Themen mit enormer Genauigkeit und aus weiblicher Perspektive ins Radiofeature. Ihre Angst spielt hier keine Rolle. „Station 19“ und „Draußen“ sind Beispiele für ihre Sendung, die prägnant und klar von Themen handeln, die sonst viel zu häufig im täglichen Durcheinander und im Rauschen der Informationsflut untergehen.

Ohne Berührungsängste und verliebt in authentische Stimmen und Akustik vermeidet sie jede Spielerei und vermittelt die Inhalte mit lediglich minimal affektiver Verstärkung. Mit Herz und Verstand dokumentiert sie Leben, das nicht alltäglich ist und doch direkt in unserer Nähe stattfindet. Gefühlvoll und mit maximalem Gerechtigkeitssinn beschreibt sie, was andere erleben und was uns alle angeht. Das Herausstechende an der Arbeit von Marie von Kuck ist die Entscheidung für die Menschen und gegen jeden Effekt. Das macht sie zu einer Autorin des Zuhörens und ihre selbstlosen, hochherzigen Features aus. Marie von Kuck, nominiert von der Featureabteilung Deutschlandfunks, wird mit dem diesjährigen Axel-Eggebrecht-Preis ausgezeichnet.

Preisrede zum Axel-Eggebrecht-Preis

Was sagt man, wenn man einen Lebenswerkpreis bekommt? „Danke!“ – natürlich.
Normalerweise würde ich jetzt geschniegelt und gebügelt vor Ihnen stehen – in einem Kleid, über das ich mir wahrscheinlich wochenlang den Kopf zerbrochen hätte –, verlegen, aufgeregt und bemüht, die richtigen Worte zu finden.

Ich muss dabei an Herta Müller denken. Als sie den Literaturnobelpreis bekam, sah sie so erschrocken aus, als würde sie am liebsten erst einmal davonlaufen. Ist Ihnen eigentlich schon einmal ein Preisträger davongelaufen? Ich könnte das irgendwie verstehen. Mal ehrlich: Der Axel-Eggebrecht! Ein Lebenswerkpreis! Das ist ‘ne Wucht. Ich weiß gar nicht, wo ich das jetzt innerlich unterbringen soll. Wow!

Leider kann ich heute nicht persönlich bei Ihnen sein. Ich bin gebeten worden, Ihnen nun wenigstens aus der Ferne ein paar Worte zu sagen. Weil ich im Geschichtenerzählen besser bin als im Redenhalten, erzähle ich Ihnen lieber eine kleine Geschichte:

Vor 37 Jahren lebten wir hier, in meiner Geburtsstadt Leipzig, noch unter einer Diktatur. Im Herbst 1989 stand dort ein pummeliges 18-jähriges Mädchen auf dem damaligen Karl-Marx-Platz, dem heutigen Augustusplatz, zwischen Tausenden Demonstrierenden und brüllte mit der Menge: „Pressefreiheit!“, „Wir sind das Volk!“ und „Stasi in den Tagebau!“ Das war ein gewaltiger Sound. Es ging um etwas.

Jeder und jede, die dort standen, riskierten ihre Existenz – und die ihrer Angehörigen. Niemand wusste, wie das ausgehen würde. Freunde und Bekannte waren nach Demonstrationen bereits verschwunden. Wir wussten nicht, wo sie waren. Wir wussten nicht einmal, ob sie noch lebten. Ich wünsche niemandem, jemals wieder in einer solchen Angst leben zu müssen. Damals schien allen klar zu sein, dass Demokratie und Pressefreiheit zusammengehören. Dass das eine ohne das andere nicht existieren kann.

Die Feature-Autorin, die Sie heute ehren, hat damals nicht geahnt, dass sie einmal Journalistin werden würde – und damit Teil jener Pressefreiheit, für die sie auf die Straße gegangen war. Trotzdem hat sie sich bei jedem neuen Feature gesagt: Ich kann das gar nicht.

Wie erzählt man solche komplexen Geschichten, ohne das Wichtigste wegzulassen? Das Featurelehrbuch lag deshalb bis zuletzt immer griffbereit. Auch nach vielen Preisen noch. Ich spreche natürlich von mir. Und vielleicht hatte dieses geringe Selbstvertrauen auch damit zu tun, dass ich den größten Teil meines Berufslebens von dieser Arbeit nicht leben konnte.

Heute weiß ich, dass das vielen freien Journalistinnen und Journalisten so geht – und nicht nur Featureautorinnen und -autoren. Nach aktuellen Erhebungen liegt ihr durchschnittliches Jahreseinkommen bei rund 21.000 Euro vor Steuern. Noch schwieriger ist es für Investigative: Offenen Fragen nachzugehen, ohne zu wissen, ob man überhaupt Antworten finden wird und wie lange die Suche dauert –, rechnet sich wirtschaftlich nicht. Viele Jahre habe ich von morgens bis abends gearbeitet, fast ohne freie Wochenenden, und musste trotzdem mit Hartz IV aufstocken.

Damals dachte ich: Ich bin einfach nicht gut genug. Heute weiß ich: Das war kein persönliches Versagen. Es ist ein systemisches Problem. Trotzdem hat mich diese Arbeit nie losgelassen. Weil Geschichten Macht haben. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es oft entscheidend ist, die ganze Geschichte hinter einer Schlagzeile zu kennen. Die Wirklichkeit ist fast immer viel komplexer, größer und widersprüchlicher, als sie zunächst erscheint.

Ein Mikrofon lädt Menschen zum Erzählen ein. Man bekommt Gedanken und Perspektiven anvertraut, die niemals vor einer Fernsehkamera ausgesprochen würden und darin liegt eine große Chance. Jedes meiner Features hat meinen eigenen Horizont erweitert und sicher auch den vieler Hörerinnen und Hörer. Und genau das habe ich geliebt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gut recherchierte und erzählte Geschichten tatsächlich etwas bewirken können.

Trotzdem wollte ich aufhören. Immer wieder. Ich habe sogar noch einmal studiert, weil ich dachte, ich müsse endlich einen Beruf finden, von dem man leben kann. Auch meinem Kind wollte ich dieses prekäre Leben eigentlich nicht länger zumuten. Aber dann kam die nächste Geschichte. Und wieder eine, die unbedingt erzählt werden musste. Es ist ein bisschen wie beim Rettungsschwimmen. Wenn man jemanden ertrinken sieht, kann man ja auch nicht sagen: „Oh nö. Ich hab jetzt aber Feierabend.“ Man muss dann hineinspringen.

Vor einigen Jahren hatte ich es dann endlich geschafft und gehörte zu den wenigen privilegierten Featureautorinnen, die tatsächlich von ihrer Arbeit leben können. Dass ich noch immer keine soziale Absicherung hatte, habe ich verdrängt. Mein Plan war denkbar einfach: gesund bleiben, alt werden und arbeiten, bis ich umfalle.

Das hat leider nicht funktioniert. Ich bin schwer krank geworden. Heute lebe ich von Grundsicherung. Und nun bekomme ich einen Lebenswerkpreis. Wie passt das zusammen? Diese Ehrung bedeutet mir unglaublich viel. Sie ist tröstlich. Sie ist überwältigend. Aber sie ist auch verwirrend.

Denn Armut macht etwas mit einem. Sie bringt einen dazu zu glauben, man habe etwas falsch gemacht. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, diesen großen und renommierten Lebenswerkpreis zu erhalten und gleichzeitig seine Lebensmittel bei der Tafel abzuholen.

Als ich erfahren habe, dass dieser Preis mit 10.000 Euro dotiert ist, habe ich mich natürlich riesig gefreut. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wieder ein bisschen Boden unter die Füße zu bekommen. Dann habe ich erfahren, dass ich das Preisgeld gar nicht behalten darf. Weil ich Grundsicherung beziehe, wird es nach den geltenden Regeln als Einkommen angerechnet.

Das war ein ziemlich absurder Moment. Mein erster Gedanke war tatsächlich: Dann trete ich eben von dem Preis zurück. Dann bekommt ihn wenigstens jemand anderes – eine Kollegin oder ein Kollege, die oder der damit weiter recherchieren oder einfach seine Miete bezahlen kann. Aber da war es leider schon zu spät.

Ich erzähle Ihnen das, weil dieser Widerspruch größer ist als meine persönliche Geschichte. Denn wenn jemand einen Preis für sein Lebenswerk bekommt und gleichzeitig von Sozialhilfe lebt, dann erzählt das auch etwas über den Zustand eines Berufs, der für unsere Demokratie unverzichtbar ist. Investigativer Journalismus ist kein Luxus. Er ist keine Liebhaberei. Er ist kein Hobby für Menschen, die ihn sich leisten können. Er gehört zur demokratischen Infrastruktur. Und demokratische Infrastruktur darf nicht davon abhängen, ob diejenigen, die sie tragen, dauerhaft ihre eigene Existenz riskieren.

Deshalb nehme ich diesen Preis heute nicht nur als persönliche Auszeichnung entgegen. Sondern auch stellvertretend für all die freien Kolleginnen und Kollegen, die mit großem Können, großer Beharrlichkeit und oft unter prekären Bedingungen Geschichten recherchieren, die sonst niemand erzählen würde. Ihnen gilt mein tief empfundener Respekt.

Und Ihnen, liebe Damen und Herren, gilt mein herzlicher Dank. Für diese Auszeichnung. Für Ihr Vertrauen. Und dafür, dass Sie mit diesem Preis sagen: Diese Arbeit zählt. Vielen, vielen Dank.

Marie von Kuck, Audiobotschaft zum 2. Juli 2026.


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.