Ein Feuer-Werk aus Oxidationsprozessen

Jörg Piringer erkundet in seinem Hörspiel „verbrenner“ das Wortfeld des Brennens – von biologischen und chemischen Prozessen, bis hin zu gesellschaftlichen und politischen. Ein unterhaltsames Feuer-Werk experimenteller Poesie über den Menschen als Verbrennungsmaschine.

Jörg Piringer: verbrenner

ORF Ö1, Mo, 29.06.2026. 21.00-22.00 Uhr

„Ein Stück über das Brennen, das Brennen der Wälder, das Brennen in mir, das Brennen im Hals“ verspricht der österreichische Schriftsteller, Informatiker und Hörspielmacher Jörg Piringer mit seinem neuen 52-minütigen Stück „vebrenner“, das auf seinem gleichnamigen Buch basiert.

Piringer war 2020 beim Ingeborg-Bachmann-Preis der Gewinner der Herzen, nachdem er in ausnahmslos jeder Preis-Abstimmung der Juroren knapp unterlag. In Klagenfurt berichtete er in einem Videoporträt von seiner explorativen Beschäftigung mit Sprache und seinen Versuchsanordnungen, die die Problemfelder im Kontinuum zwischen Text, Schrift, Laut, Form und Inhalt erschließen. Er arbeitete schon 2023 mit ChatGPT 3 an seinem Band „günstige intelligenz“. Außerdem spielt er im Wiener „Gemüseorchester“, dessen Instrumente nach dem Konzert in die Suppe wandern.

Nun also erkundet er „das Wortfeld von Brand und Feuer, Zerstörung und Asche, aber auch von Löschen, Überschwemmung und Ertrinken“, wie es im Klappentext heißt. Es geht um „Feuerbefürworter und Regenbejaher“, um Brände, die geleugnet, und Wasserstände, die kleingeredet werden. Ein unheimliches Glosen und Glimmen liegt unter den ersten Sätzen des Hörspiels, das Piringer mit seiner eigenen Stimme bestreitet – und mit synthetischen Derivaten dieser Stimme, die stellenweise wie ein Feuerschein seine wirkliche Stimme überlagern. Es beginnt mit einem Zuspät und damit, dass man sich an den Rauch und den Gestank, den Verbrennungsprozesse mit sich bringen, gewöhnen muss, wenn man sie nicht frühzeitig stoppt.

Feuer mit Feuer bekämpfen

Die mit Blasmusik unterlegte Eröffnungsrede zur Einweihung eines Pumpspeicherkraftwerks, durch offensichtlich mit der Verbrennungsindustrie sympathisierende Honoratioren, wird mit Anweisungen gekontert, wie man Feuer mit Feuer bekämpft. Das kulminiert in einem Song zu pulsierender computergenerierter Musik: „All cars are burning – burn those cars“. Es wird im Verlauf des Hörspiels noch zwei weitere Songs und zwei Interventionen des Autors geben.

Doch zunächst wird das Wortfeld abgesteckt. Es beginnt mit den biologischen Prozessen, bei denen Kohlenhydrate zu Wärme, Brot zu Kraft, Zucker in Taten und Getreide in Bewegung umgesetzt werden. Der Mensch selbst ist eine Verbrennungsmaschine, die ohne Oxidationsprozesse – und nichts anderes sind Verbrennungen – nicht existieren würde.

Die nach außen verlagerte Verbrennung von geschlachtetem Fleisch auf dem Grill oder Holz in einem Ofen ist der nächste evolutionäre Schritt. Das körnige elektronische Rauschen, das diesen Prozess begleitet, klingt sehr nach dem analogen Feuer, auch wenn es nicht mit diesem zu verwechseln ist. Nach den biologischen Prozessen kommen die physikalischen, bei denen Piriniger die Selbstentzündungstemperaturen verschiedener Stoffe aufzählt. Fichtenholz entzündet sich in Gegenwart von Sauerstoff ohne Zündquelle selbst bei 270 Grad Celsius, Wasserstoff erst bei 575 Grad Celsius.

Technologieoffenheit und Bücherverbrennung

Den physikalischen folgen die chemischen Prozesse, mit einer Litanei reaktiver, brandbeschleunigender Stoffe, alphabetisch von Ammoniumchromat über Iridium(IV)-Oxid bis zu Natriumdichromat. Und da ist man schnell bei der politischen Dimension: „Alles, was brennen kann, muss brennen, und selbst für das, was nicht brennt, werden wir einen Weg finden, dass es doch brennt.“

Dem Begriff für dieses „sich in den Fortschritt hineinbrennen“ begegnet man gegenwärtig häufig. Er lautet „Technologieoffenheit“. Dass dabei noch Bücher „mit ihren hindernden Ideen verbrannt werden müssen“, liegt nahe. Die kulturelle Anbetung des Feuers im Liedgut (“Flamme empor“) lodert durch einen weiteren Abschnitt des Hörspiels, und es braucht dazu nicht einmal die Melodie.

Den Widerschein irdischer Feuer wird man erst vier Jahre später auf Proxima Centauri wahrnehmen, wenn das flackernde Licht von der Erde seinen Nachbarstern erreicht hat, und man wird sich dort fragen, was diese Botschaft bedeuten soll: „Helft uns“ oder „End of civilisation, Good bye“. Der körnige Verbrennersound hat sich im Verlauf des Hörspiels zum Ticken eines Geigerzählers transformiert, dem Sound des atomaren Feuers.

Der brennende Dornbusch

Mitten im Hörspiel klopft der Autor kurz an und erzählt, wie es ihm geht, wenn der Schnaps brennt, der ihm die Kehle herunterläuft. „Asche auf mein Haupt“ heißt es im folgenden Song, in dem die Vergänglichkeit „Asche zu Asche“ gleich mit eingeschrieben ist.

In einer zweiten Intervention, in der sich Piringer zu Wort meldet, geht es um das Warum des Textes und die Erwartungshaltung gegenüber literarischen Texten überhaupt: Sie hätten gefälligst für Ablenkung oder Hoffnung zu sorgen – doch dafür ist Piringers experimentelle Poesie nicht zuständig. Steht doch am Beginn von Schriftreligion und Poesie der brennende Dornbusch, der vom Feuer nicht verzehrt wird. Gott spricht durch den Dornbusch mit Moses, der später das Meer teilen wird.

Hier findet der Bruch statt. Die Szenerie wechselt zu einer Gruppe von 500 Untergehern, die dem Bauch eines maroden, überfüllten, sinkenden Schiffs nicht entkommen konnten und auf dem Boden des Mittelmeers von allen Verbrennungsprozessen ausgeschlossen sind. „Der Rumpf des Bootes hielt ihren Wünschen schlicht nicht stand“, heißt es im Hörspiel. So bleibt als Schlusssong nur noch die Frage nach dem Warum. „Verbrenner“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuer-Werk, nicht nur eines der Ideen, sondern eines, das ganz materiell die Sprache des Feuers analysiert, collagiert und in erzählerische Zusammenhänge einhegt. Unbedingt hörenswert.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 02.07.2026

P.S. Susanna Niedermayr: Jörg Piringer im Porträt (ORF Ö1, 14.06.2026, 57 Minuten)


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