Atem und Stimme

Rimini Protokoll: Qualitätskontrolle oder Warum ich die Räusper-Taste nicht drücken werde

WDR 5, Di 18.03.2014, 20.05 bis 21.00 Uhr

Das Geräusch ist fast unhörbar, aber sein Effekt ist spürbar. Es ist ein Zwerchfellstimulator, der die Atmung von Marie-Cristine Hallwachs steuert. Ohne ihn würde die 39-Jährige nicht überleben, seit die frischgebackene Abiturientin vor 20 Jahren kopfüber in einen nur 50 Zentimeter tiefen Pool gesprungen ist und sich das Genick gebrochen hat. Seitdem kann sie vom ersten Halswirbel abwärts nichts mehr bewegen und spüren. Sie sitzt in einem Elektro-Rollstuhl und steuert ihre Geräte über eine Apparatur, die sie mit ihrem Mund bedienen kann. In abgezirkelten Sätzen berichtet sie in dem Stück von ihrem Leben – und manchmal redet sie auch dann wenn der Zwerchfellstimulator das Einatmen vorsieht – ein irritierender akustischer Hinweis auf die Biomechanik des Körpers.

Helgard Haug und Daniel Wetzel sind als Autoren- und Regie-Gruppe Rimini Protokoll Spezialisten für die künstlerische Überformung authentischen, dokumentarischen Materials. Sie haben ihren Theaterabend „Qualitätskontrolle“ nun für das Hörspiel bearbeitet. Stimme und Atem, entscheidende Elemente des Hörspiels, sind denn hier auch die beglaubigende Instanz, die den Realismus des 55-minütigen Stückes ausmacht. Ein Realismus, der bei den Produktionen von Rimini Protokoll nie mit einer kruden Authentizität verwechselt werden sollte.

Marie-Cristine muss ständig betreut werden. Ihre Pfleger müssen ihr beispielsweise, damit sie nicht erstickt, periodisch die Lunge absaugen. Das Verhältnis zwischen ihnen ist – ähnlich wie es Paul Plamper in seinem Hörspiel „Der Assistent“ (vgl. FK 51-52/09) beschrieben hat – von einer Herr-Knecht-Dialektik bestimmt. Da geht es Marie-Cristines Schwester Isabel anders. Die hat mit zwei Jahren ihre geistige Entwicklung eingestellt und wird von Marie-Cristine für den glücklichsten Mensch der Welt gehalten. Ihre vorsprachlichen Lautäußerungen scheinen das zu bestätigen. „Isabel braucht Leute, die für sie was tun; ich brauche Leute, die ich anleite“, fasst Marie-Cristine prägnant die Situation zusammen.

Ob ein Leben in Abhängigkeit von ständiger Betreuung überhaupt lebenswert sei, diese Frage haben sich Ärzte, Krankenkassen und eine Ethikkommission mit ihren je eigenen Interessen mehr gestellt als Marie-Cristine selbst. Schließlich wird sie mit der Entscheidung konfrontiert, über ihr eigenes Leben oder ihren Tod selbst zu entscheiden. Das ist natürlich der ethisch einzig vertretbare Weg und dennoch ist es eine Zumutung, dass die Erhaltung eines Lebens keine Selbstverständlichkeit ist.

Dass in einer auf Optimierung aller Lebensbereiche ausgerichteten Gesellschaft eine bestimmte Antwort erwünscht ist, nämlich ihr Einverständnis, „abgeschaltet“ zu werden, erfüllt Marie-Cristine mit Entsetzen: „Wir werden solange fragen, ob sie leben will, bis wir eine Antwort bekommen“, sagen die Schwestern nach zwei Herzstillständen. Ob Marie-Christine ohne die bedingungslose Unterstützung ihrer Eltern und deren ökonomische Möglichkeiten noch leben würde, ist fraglich. Bestenfalls würde sie wohl in einem Pflegeheim dahinvegetieren. Doch so lebt sie bei allen Einschränkungen ein selbstbestimmtes und glückliches Leben.

Was das Schicksal von Marie-Cristine über ihren eigenen Fall hinaus gesellschaftlich so relevant macht, ist, dass der Trend zur (Selbst-)Optimierung des Menschen inzwischen zum selbstverständlichen Bewusstseinsrepertoire gehört und in der Pränataldiagnostik realisiert wird. In gewisser Weise setzt „Qualitätskontrolle“ ein anderes Rimini-Protokoll-Stück fort, nämlich „Black Tie“, das als Hörspiel unter dem Titel „Welcome to you!“ realisiert wurde (vgl. FK 44/09). Auch dort ging es um die Selbstdefinition des Menschen, die sich angeblich aus der genetischen Disposition ableiten lässt.

Auf der Website von Rimini Protokoll gibt es ein sechsminütiges Video von der Stuttgarter Theaterinszenierung, die dem Hörspiel zugrunde liegt. Die Protagonistin sitzt darin sehr aufrecht in ihrem Elektro-Rollstuhl. Wenn ihre Lungenmaschine ihre weiße Kleidung bewegt, wird das optisch ähnlich irritierend wie die künstliche Beatmung ihrer Stimme in dem sehr beeindruckenden Hörspiel, das Teil der achtteiligen Schwerpunktreihe „Erbgut“ war, die der WDR-Hörfunk im März im Programm hatte.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 13/2014

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