Vielstimmige Gleichförmigkeit

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

HR 2 Kultur, So 18.08.2013, 14.05 bis 15.00 Uhr

Die Quintessenz einer ganzen Existenz lässt sich in einem ebenso lakonischen wie bitteren Satz zusammenfassen: „Das ist Amerika, sagten wir uns, wir müssen uns keine Sorgen machen – und wir irrten uns.“ Der Irrtum, den dieses kollektive Wir beklagt, begann mit einem Betrug. In den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lockten Agenturen von professionellen Briefeschreibern, „deren Aufgabe es war, Lügen zu erzählen und Herzen zu erobern“, japanische Frauen als Heiratskandidatinnen nach Amerika. Doch kaum in Amerika angelandet, zerplatzen ihre Illusionen. Statt auf gutsituierte Landsleute zu treffen, die in der Fremde ihr Glück gemacht hatten, stehen ihnen arme Landarbeiter gegenüber – ihre künftigen Ehemänner, die so gar nicht zu den Süßholz raspelnden Briefen passten.

Die amerikanische Schriftstellerin Julie Otsuka, Jahrgang 1962, hat die Geschichte dieser Volksgruppe recherchiert und unter dem Titel „The Buddha in the Attic“ in Romanform gebracht. Der Sound des Buches (deutscher Titel: „Wovon wir träumten“) ist der einer vielstimmigen kollektiven Erfahrung – bis auf wenige Stellen in der ersten Person Plural erzählt –, was die Hörspielbearbeitung durch Regisseurin Beate Andres hörbar beflügelt hat. Sechs Erzählerinnen (Henrike Johanna Jörissen, Bettina Hoppe, Constanze Becker, Anja Lais, Lena Stolze, Heidi Ecks) sprechen die lakonischen Texte mal im Wechsel, mal chorisch. Überwölbt werden die Geschichten der Frauen von Musik aus dem Repertoire des Schweizer Jazzmusikers Nik Bärtsch, was unverständlicherweise in der Absage unterschlagen wird, obwohl die repetitiv-minimalistische Musikspur den insgesamt acht Kapiteln, in die das Hörspiel unterteilt ist, Drive und Tonalität vorgibt.

Es ist nicht die Polyphonie der Stimmen bzw. der Geschichten dieser Japanerinnen, die in Otsukas knapp 160-seitigem Roman (Übersetzung: Katja Scholz) wie in der 55-minütigen Hörspielbearbeitung von Beate Andres in erster Linie interessiert. Es ist vielmehr die Ähnlichkeit und Gleichförmigkeit der Schicksale dieser Frauen, die Objekte wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung sind. Nur manchmal scheint aus dem Wir ein Ich auf – im Buch kursiv gesetzt als O-Ton aus Otsukas Recherchen, zum Beispiel: „Alles, was ich gelernt habe, ist der Buchstabe x, so dass ich bei der Bank meine Unterschrift leisten kann.“

Als billige Arbeitskräfte schuften die japanischen Frauen auf den Feldern. Sie gebären Kinder, die die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen und in deren Namen sie Land pachten können, denen aber ständig klar gemacht wird, dass sie keine echten Amerikaner sind. Nach dem Überfall auf Pearl Harbor (1941) wird in den USA gegenüber allen Japanern das ganze Instrumentarium bürokratischer Drangsalierungen eingesetzt: Ausgangssperren werden verhängt, Besitz wird enteignet, Konten werden eingefroren, verbotene Gegenstände werden konfisziert wie zum Beispiel Taschenlampen, die, so die Begründung, als Signalgeber für eine japanische Invasion missbraucht werden könnten. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wird systematisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen und letztendlich in Lagern interniert, also zum Verschwinden gebracht. Anschließend werden die Spuren japanischen Lebens aus dem Straßenbild getilgt. Was bleibt, ist eine verblassende Erinnerung an die Japaner, „denen wir in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr begegnen werden.“

Der starke Text von Julie Otsuka findet in der Hörspielbearbeitung zu einer neuen Wirkung, die sich der chorischen Gestaltung verdankt, die das Kollektive inszeniert, ohne das Individuelle auszulöschen. Wenn man das Hörspiel „mit deutschen Ohren“ (Francis Ponge) hört, dann drängen sich die Parallelen in den Verfahren gesellschaftlichen Ausschlusses zwischen dem Deutschland der Dreißiger Jahre und dem Amerika der Vierziger geradezu auf – von den gegenwärtig immer wieder aufflammenden Debatten um die angebliche Überfremdung durch Zuwanderer und Asylanten ganz zu schweigen. Der Mehrheitsgesellschaft, die das kollektive Wir gerne für sich reklamiert und daraus gegenüber jedweder Minderheit ihren Vormachtsanspruch ableitet, stellt Julie Otsuka eine neue Perspektive gegenüber, und das einfach dadurch, dass sie ein simples Personalpronomen gegen die in Stellung bringt, die es sonst gerne für sich hätten. So einfach kann es manchmal sein, und das Geniale ist immer einfach.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 35/2013

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