Splitscreenhafte Gleichzeitigkeit

Carey Harrison: Manchmal sind Pilze einfach nur Pilze – Szenen aus einem Missverständnis

WDR 5, Sa 03.08.2013, 15.05 bis 16.00 Uhr

Der Hörspieltitel „Manchmal sind Pilze einfach nur Pilze“ spielt selbstverständlich auf das Freud zugeschriebene Zitat an, dem zufolge manchmal eine Zigarre nur eine Zigarre ist. Doch in dem neuen, rund 55-minütigen Hörspiel des britischen Schriftstellers Carey Harrison (Jahrgang 1944, Sohn von Lilli Palmer und Rex Harrison) geht es selbstverständlich nur am Rand um Pilze.

Eher schon geht es um Narzissen und Hyazinthen – die allerdings auch nur die Metaphernspender sind für feinsinnige botanische Beleidigungen, die sich Sigmund Freud (1856 bis 1939) und der zwanzig Jahre jüngere Carl Gustav Jung (1875 bis 1961) in geschliffener Sprache (Übersetzung aus dem Englischen: Gaby Hartel) brieflich an den Kopf werfen. Anfang der Zehner Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatten sich der österreichische und der Schweizer Protagonist der Psychoanalyse zerstritten. Dabei spielte auch der Wechsel der mit der damaligen Modediagnose „Hysterie“ versehenen Patientin Sabina Spielrein von Freud zu Jung eine gewisse Rolle.

Regisseur Thomas Leutzbach illustriert das über weite Strecken als Briefroman angelegte Stück mit den kratzenden Geräuschen eines Füllfederhalters, den Freud benutzt, und dem verschleppten Klappern einer Schreibmaschine, derer sich Jung bedient. Trotz allgegenwärtiger Literaturbearbeitungen ist das Hörspiel aber nicht das Medium des Schreibens und Lesens, sondern des Sprechens und Hörens. Doch kaum möchte man sich über die illustrative Phantasielosigkeit der akustischen Gestaltung ärgern, die der radiophonen Kunstform oftmals ein Image von verschlafener Rückwärtsgewandtheit verpasst, da wird die akustische Gestalt auch schon begründet.

Denn es ist nicht irgendeine Schreibmaschine, der Jung Buchstabe für Buchstabe einen Text abringt, sondern eine Schreibkugel des dänischen Pastors und Konstrukteurs Malling Hansen aus dem Jahr 1878, Seriennummer 123. „Sie sieht aus wie die Schädeldecke eines Riesenaffen, in deren gebogener Oberfläche die Tasten angebracht sind wie eine Unzahl Elektroden auf einem kahlen Kopf“, so beschreibt Jung das Gerät, das aus dem Besitz von Friedrich Nietzsche stammt, der das Bonmot geprägt hat, dass unser Schreibzeug an unseren Gedanken mitarbeitet. Was Carey Harrison nicht verrät, ist, dass die halbkugelförmige Tastatur den Blick auf das darunter eingespannte Papier verbirgt – und damit das Geschriebene vor den Augen des Schreibers. Aber auch der „Geist in der Maschine“ hemmt oder beschleunigt das Schreiben: „Der Name Nietzsche ist ihr in den Metallschädel eingeritzt wie eine neuronale Via Appia“, klagt Jung.

Felix von Manteuffel als Sigmund Freud und Samuel Weiss als C.G. Jung lesen, schreiben und kommentieren im Hörspiel in nahezu splitscreenhafter Gleichzeitigkeit ihre Briefe – was insofern problematisch ist, als einer der Hauptstreitpunkte zwischen den beiden ein vier Wochen lang nicht beantworteter Brief ist. War das ein böswilliger Vorsatz oder ein Versäumnis der Post? Aus dieser nichtigen Ursache entwickelt Carey Harrison das ganze Potenzial seines komödiantischen Hörspiels, in dem sich die gegenseitigen Vorwürfe und Unterstellungen der Protagonisten immer weiter steigern. Dass darunter ein sehr persönlicher Konflikt und außerdem der zweier Denkschulen liegt, schwingt immer mit.

Der Showdown findet in einer persönlichen Begegnung von Freud und Jung bei einem Spaziergang im Salzkammergut statt. Während dieses Spaziergangs tanzen die beiden Geistesheroen gemeinsam einen „Hintergoldinger“, eine besonders rustikale Variante eines Schuhplattlers, und bei dieser Betätigung bekommt Freud einen gewaltigen Tritt in den Hintern ab, was ihn sichtlich überrascht – und einige Verspannungen löst.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 32/2013

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