Reibungsflächen und Reibungspunkte – 16. Berliner Hörspielfestival
Das 16. Berliner Hörspielfestival der freien Szene ging am 21. September mit der Verleihung der „Brennenden Mikros“ zu Ende. In diesem Jahr stand es unter dem Motto „Friktionen“, die entstehen, wenn Realitäten auf Fiktionen treffen.
Das Berliner Festival hat traditionell einen weiten Hörspielbegriff, der sowohl dokumentarische als auch erzählerische und klangkünstlerische Formate umfasst, war in diesem Jahr klar von (halb-)dokumentarischen Formaten bestimmt: Der von einer Fachjury vergebene Hauptpreis „Das lange brennende Mikro“ für Hörspiele mit einer Länge von maximal 60 Minuten ging an das englischsprachige Porträt der tauben Dichterin und Komponistin Josephine Dickinson „In the Ear of the Valley“ von Ludwig Berger.
Die Jury (der der Verfasser dieses Textes vorsaß), lobte die sorgfältigen Fieldrecordings, die zu einer entschleunigten Wahrnehmung einladen und dabei der Klangwelt der britischen Poetin nachspüren, deren akustische Weltwahrnehmung von Beginn an eine medial vermittelte ist: über ein Cochlea-Implatat mit 22 Elektroden. Eine eingedeutschte Fassung des Hörstücks hat der Südwestrundfunk (SWR) kürzlich gesendet (Kritik hier).
Eine lobende Erwähnung ging an Alexander Scharf für sein dokumentarisches Hörstück „Nothing is coming except the waves“, in dem er Texte der Hilfsorganisation Sea-Watch und echte Telefongespräche der Seenotretter unter anderem mit der „sogenannten libyschen Küstenwache“ collagiert. Im Kontrast einer gleichgültigen bis menschenfeindlichen Bürokratie mit den Schrecken des Realen auf See wird mit eindrücklichem Sounddesign eine verzweifelte Situation hörbar gemacht, so die Jury.
Publikumspreis für Küchengeräte
Der Publikumspreis für Hörspiele bis zwanzig Minuten („Das kurze brennende Mikro“ 1 + 2) ging an das Küchengeräte-Hörspiel „Kitchen Bonaparte“ von Pit Schaaf. Mit dem Preis für Hörspiele bis fünf Minuten („Das glühende Knopfmikro“ 1 + 2) wurde das Opern-Hörspiel aus der Welt der Handwerker mit dem irreführenden Titel „Das literarische Mau-Mau“ von Lisa Paladino ausgezeichnet. Der kurzfristig ausgeschriebene „Mikro-Flitzer“ für maximal 60-sekündige Hörstücke, die dieses Jahr den Satz „Was soll da schon schiefgehen“ und das Geräusch von „Frikativen, die Friktionen fressen“ enthalten mussten, ging an eine desaströs gescheiterte Umzugshilfe „Die Kommode“ von Rose Türemis. („Frikative“ ist der linguistische Terminus für „Reibelaute“.)
Der Förderpreis des Trägervereins, der mit der Neuproduktion eines Hörspiels im berühmten Studio für elektroakustische Musik der Akademie der Künste dotiert ist, ging an das hochartifizielle Anti-Kriegsstück „Nachmittag der Hand“ der libanesisch-stämmigen Autorin Amina Hassan und der Regisseurin Julie Guigonis.
Neben den Wettbewerben feierte die Auftragsarbeit des Festivals „Irrtümliche Liebe“ des Medienkünstlers und Hörspielmachers Eran Schaerf als Live-Hörspiel seine Uraufführung. Die Schlagze^ugerin Katharina Ernst performte ihr KI-basiertes Projekt „Polylog“ mit Filmprojektionen von Michael Breyer sowie kreativem Coding und KI-System von ATELIER-E, und der bekannte Hörspiel- und Hörbuchsprecher Andreas Fröhlich („Die drei ???“) las aus J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“ – und mit seiner Stimme als Gollum einen Passus aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“.
Zwischen Werk und Werkzeug
Unter dem Titel „Zwischen Werk und Werkzeug“ beschäftigte sich ein von dem Medienjournalisten und Radio Eins-Medienmagazin-Macher Jörg Wagner moderiertes Podiumsgespräch mit dem auch in der Hörspiel-, Musik- und Sprecher-Branche heiß diskutierten Thema Künstliche Intelligenz. Der Komponist und GEMA-Aufsichtsrat Matthias Hornschuh verwies auf die geraubten Inhalte, mit denen die großen Sprachmodelle gefüttert werden.
Dazu gehört auch die Musik-KI „Suno“, die von der GEMA gerade verklagt wird. Anna-Sophia Lumpe, Sprecherin und Vorsitzende des Verbandes deutscher Sprecherinnen, wies auf die Mängel gegenwärtiger Stimmsynthesen hin, die gerade das nicht könnten, was natürliche Stimmen ausmacht – den Sätzen persönliche Färbungen und Interpretationen zu geben und Regie wie Publikum zu überraschen. Das focht den Hörbuchverleger Sebastian Pobot (u.a. Maritim Verlag) nicht an. In seinen diversen Krimi-Reihen sprechen Peter Groeger und Christian Rode auch Jahre nach ihrem Tod noch Sherlock Holmes und Dr. Watson – mit Genehmigung der Erben.
Die Ambivalenz in der Nutzung der KI für kreative Zwecke verkörperte der Hörspielautor und Regisseur Robert Schoen, der mit „Tief im Archiv“ (vgl. MD 01.11.2023) und „Kaf*KI“ (vgl. MD 31.05.2024) neue Wege im produktiven Umgang mit diesen „Alles-Maschinen“ gefunden hat. Die Diskussion wurde aufgezeichnet und ist in der ARD-Audiothek nachhörbar.
Die Feature-Offensive
Die Krise dokumentarischer Formate behandelte eine Diskussionsrunde mit dem SWR-Feature-Redakteur Michael Lissek, der die um sich greifende „Podcasterisierung“ kritisierte. Die Darstellungsform hält Lissek tendenziell für „fremdenfeindlich“, weil das Fremde unter der Anmutung „Willkommen daheim“ immer weiter ausgegrenzt werde. Für ihn ist der Podcast-Host ein Feind, weil dieser ein Ich-zentriertes Narrativ bediene. Den Podcast, den Lissek bis vor kurzem noch lediglich für eine weitere Ausspielform hielt, beurteilt er nun noch schlechter. Vom „betreuten Hören“ habe sich der Podcast zu einer „reaktionären Gattung“ entwickelt. Auf seinem Sendeplatz im SWR hält Lissek mit der Reihe „Arthouse-Doku“ (arthousevgl. MD 11.03.2024) dagegen, die gerade in die dritte Staffel geht.
Das Kernproblem der Dokumentaristen im Radio ist allerdings noch immer die miserable Bezahlung. So liegen die Honorare für ein Hörspiel etwa dreimal höher als die für ein Radiofeature. Deshalb hat sich jetzt bei der „Hans-Flesch-Gesellschaft – Forum für akustische Kunst“, die die Interessen von Radioautorinnen und -autoren vertritt, eine „Feature-Offensive“ gebildet. Sie will um ähnliche Honorare kämpfen, wie sie die Hörspielautoren nach jahrelangem Kampf erstritten haben.
Dass das dokumentarische Genre sich auch innerhalb der freien Szene besonderer Beliebtheit erfreut, war ein hervorstechendes Merkmal des 16. Berliner Hörspielfestivals. Neben dem lobend erwähnten Seenotrettungsstück, konnte man Kaya Peters halb-dokumentarisches Stück „Verlorene Stimmen aus dem Widerstand – Bizim Radyo“ hören, das von einem kaum bekannten Propaganda-Sender der DDR handelt, der von Königs Wusterhausen in die Türkei strahlte und erst wenige Monate vor dem Fall der Mauer abgeschaltet wurde. In Amir Shokatis Hörspiel im Hörspiel „Zone Orient – made in Germany“ ging es ebenfalls um Propagandafunk, diesmal den der Nazis im Zweiten Weltkrieg.
Freie Produktionen
Auf musikalisch-klangkünstlerische Art setzte sich die freie Produktion von Werner Cee in „Update25. Fire and Forget“ mit den Phänomenen Krieg, Gewalt und Kultur auseinander. Zwischen krachigen E-Gitarren hört man dabei immer wieder Anklänge an Schubert-Lieder, die von einem australischen Schauspieler auf Englisch vorgetragen werden – manchmal im aggressiven Gestus amerikanischer Beat-Poeten. Bald merkt man, dass es sich um den Winterreise-Zyklus von Wilhelm Müller handelt, und noch nie hat die eigentlich vertraute deutsche Romantik so fremd geklungen. Eine Produktion, die auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gut gestanden hätte. Das gesamte Festivalprogramm wurde live auf dem YouTube-Kanal des Festivals gestreamt und ist über dessen Website weiterhin abrufbar.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 25.09.2025
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