Offener Brief fordert Erhalt der Hörspielförderung in NRW

Seit Beginn des Jahres liegt die Hörspielförderung der Film- und Medienstiftung in Nordrhein-Westfalen faktisch auf Eis. Vormalige Prestige-Projekte werden nicht mehr ausgerichtet. Über 1070 Hörspielinteressierte (Stand 10.7.24) protestieren nun gegen die Pläne der Stiftung.

Bonn (KNA) Mit einem Offenen Brief, der am Montag, den 1. Juli auf der Website pro-hoerspiel.de online gestellt wurde, fordern (Stand Mittwoch) mehr als 670 Hörspielmacherinnen und -macher den Erhalt der Hörspielförderung durch die Film- und Medienstiftung NRW. Adressaten sind Gesellschafter und Aufsichtsrat der 1991 vom Land Nordrhein-Westfalen und dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) gegründeten GmbH. Die Stiftung förderte unter ihren bisherigen Geschäftsführern Dieter Kosslick, Michael Schmid-Ospach und Petra Müller neben Kino- und Fernsehfilmen auch Hörspiele mit Produktions- und Arbeitsstipendien. Das war ein Alleinstellungsmerkmal der Film- und Medienstiftung NRW in der deutschen Förderlandschaft.

Zusammen mit dem WDR veranstaltete die Stiftung außerdem seit mehr als 25 Jahren das Hörspielforum NRW, bei dem so unterschiedliche Referenten wie die Schauspielerin Conny Froboess wie auch der Theater-, Film- und Hörspielmacher Christoph Schlingensief ihre Erfahrungen an den Hörspielnachwuchs weitergaben.

Seit 1994 ist die Film- und Medienstiftung außerdem Hauptträgerin des Hörspielpreises der Kriegsblinden, dem wichtigsten Deutschen Hörspielpreises, der zunächst mit dem Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) und seit dem Jahr 2020 mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verband (DBSV) ausgerichtet wurde. Außerdem veranstaltet die Filmstiftung zusammen mit der ARD und in Kooperation mit der Stadt Wuppertal den Deutschen Kinderhörspielpreis.

Am 1. Januar 2024 übernahm Walid Nakschbandi die Leitung der Film- und Medienstiftung. Seit dem liegt die bei einem Gesamtetat von 35 Millionen mit etwa 100.000 Euro pro Jahr eher schmal budgetierte Hörspielförderung faktisch auf Eis. Das Hörspielforum NRW ist abgesagt. 2024 wird es erstmals seit seiner Einführung 1951 auch keinen Hörspielpreis der Kriegsblinden geben. Die langjährige Hörspielreferentin Anke Morawe hat am vergangenen Donnerstag das Haus verlassen. Klaus Hahn, beim DBSV für den Hörspielpreis der Kriegsblinden zuständig, hofft dennoch auf eine Fortsetzung. Er habe eine mündliche Zusage von Nakschbamdi, dass der Hörspielpreis im nächsten Jahr fortgesetzt würde, sieht dessen bisherige Handlungsweise aber eher kritisch.

Man halte den Bereich Audio für ein „Fokus-Thema“ und die Förderung von Hörspielprojekten für eine „Herzensangelegenheit“, lässt die Film- und Medienstiftung verlauten, befinde sich aber in einer „konzeptionellen Phase“, in der „alle Teilbereiche evaluiert“ würden und fährt fort: „Neben dem klassischen, so wichtigen Hörspiel arbeiten wir an zukunftsweisenden Förderkonzepten, die den gesamten Bereich inkludieren lassen.“

Martin Stengel, freier Hörspielredakteur, Initiator des Offenen Briefes und Veranstalter des Openair-Festivals „Hörspielwiese Köln“, das auch schon von der Film- und Medienstiftung gefördert wurde, bezweifelt das und hat wenig Vertrauen in die Ankündigungspolitik Nakschbandis. Im Offenen Brief wird moniert, man solle seitens der Geschäftsführung ein Konzept entwickeln, „bevor bestehende Netzwerke gekappt“ und „bestehende Strukturen und Kooperationen abgeschafft werden.“

KNA Mediendienst, Mi, 03.07.2024, 16:50 Uhr

Update: In einer gemeinsamen Pressemitteilung von Film- und Medienstiftung und DBSV vom Freitag, den 5.7.24 wird eine Fortsetzung des Hörspielpreises der Kriegsblinden für das Jahr 2025 angekündigt:

Walid Nakschbandi, Geschäftsführer der Film- und Medienstiftung NRW: „Wir wollen das erste Jahr meiner Amtszeit dafür nutzen, diesen wichtigen Preis neu aufzusetzen und größer zu machen. Der Bereich Audio hat eine enorme gesellschaftliche Relevanz und ist nicht mehr nur auf das klassische Hörspiel beschränkt. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst muss und wird mit der Zeit gehen, und so ist eine Neugestaltung unabdingbar. In 2025 melden wir uns mit dem Preis zurück: größer, strahlender und übergreifender.“

Klaus Hahn, Ehrenmitglied und Beauftragter des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) für den Hörspielpreis: „Der DBSV hat 2020 die Mitträgerschaft vom Bund der Kriegsblinden übernommen und seitdem mit der FMS den Preis weiterentwickelt. Die nun anstehende Neuausrichtung ist die Fortsetzung dieses Prozesses. Damit möchten wir der Entwicklung des Audiobereichs Rechnung tragen. Aber auch das Genre Hörspiel wird seinen Platz in der Medienwelt der Zukunft haben.“

Lars Fleischmann in der taz vom 11.7.24: Hör mal, wer da spart

Dokumentation

Offener Brief für den Erhalt der Hörspielförderung der Film- und Medienstiftung NRW

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Wüst, sehr geehrter Herr Gniffke, sehr geehrter Herr Himmler, sehr geehrter Herr Buhrow, sehr geehrter Herr Schmitter,
sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrats der Film- und Medienstiftung NRW, Prof. Dr. Werner Schwaderlapp, Anjara Ingrid Bartz, Friederike van Duiven, Claus Grewenig, Anja von Marenholtz, Jörg Schönenborn, Dr. Mark Speich, Andrea Stullich, Prof. Dr. Caroline Volkmann, Peter Weber,

wir bitten Sie als Gesellschafter und Geldgeber sowie Aufsichtsräte der Film- und Medienstiftung die Hörspielförderung, die auch für die Förderung von Features zuständig ist, zu retten, da der neue Geschäftsführer Walid Nakschbandi diese faktisch mit sofortiger Wirkung abgeschafft hat: nicht nur wurde die zuständige Mitarbeiterin von ihren Förderaufgaben entbunden, wodurch es keine:n Ansprechpartner:in mehr für (laufende) Förderprojekte gibt, auch wurde das Hörspielforum NRW und somit der bedeutendste Fachkongress für Hörspiel, der sich unter anderem auch ausdrücklich an den Nachwuchs richtet, trotz begonnener Planung abgesagt. Auch wenn es die Förderung laut Stiftungshomepage noch geben soll, werden trotz vorhandener Fördergelder keine neuen Projekte mehr angenommen und langjährig geförderte Projekte, erstmals nicht mehr unterstützt.

Herr Nakschbandi kommuniziert nach außen, dass „grundsätzlich“ darüber nachgedacht werde, „ob und wie“ man sich in der Film- und Medienstiftung „künftig strategisch (neu) aufstellen“ werde. Somit wird, obwohl die Geschäftsführung offensichtlich noch kein neues Konzept hat, die bestehende erfolgreiche Förderung und damit Erhaltung einer wichtigen, vielfacettigen Audio-Erzählform faktisch auf Eis gelegt und das ausgerechnet im Jahr 2024, ausgerechnet im Jubiläumsjahr „100 Jahre Hörspiel”.

Dass die Hörspielförderung der Film- und Medienstiftung bestenfalls pausiert, schlimmstenfalls abgeschafft wird, ist für uns Unterzeichnenden nicht nachvollziehbar. Während das öffentlich-rechtliche Radioprogramm Sondersendungen und eigene Reihen im Zuge des Jubiläums sendet, geht der Geschäftsführer der Film- und Medienstiftung einen anderen Weg.

Dieser Weg zeugt entweder von historischem Unwissen oder Ignoranz der Aktualität des Hörspiels – Unwissen und Ignoranz gegenüber einer Kunstform, die sich durch die einzigartige Fähigkeit auszeichnet, mit minimalem technischen Aufwand schnell auf gesellschaftliche und politische Veränderungen unmittelbar zu reagieren. Und die den enormen Vorteil hat, mit den sinnlichen Mitteln der Audio-Erzählung durchaus komplexe Zusammenhänge spielerisch und undidaktisch in den Vordergrund zu rücken und damit für das Publikum „aufzubereiten“. Wegen dieser kostbaren Eigenschaft des Mediums bieten Hörspiel und Feature gerade in der gegenwärtig so angespannten gesellschaftlichen und geopolitschen Lage die unschätzbare Möglichkeit zur flexiblen und direkten Reaktion sowie kreativen und kritischen Auseinandersetzung. Diese Anpassungsfähigkeit ermöglicht es, aktuelle gesellschaftliche Themen schnell zu verarbeiten und einer breiten Hörer*innenschaft zugänglich zu machen.

Hörspiel und Feature haben also eine besondere Relevanz und gesellschaftliche Bedeutung.

Wir möchten ausdrücklich klarstellen, dass es uns nicht darum geht, den Status quo der Hörspiel-Förderung bzw. Audioförderung einfach zu erhalten. Wir stellen uns nicht dagegen, diese weiterzuentwickeln, zu überdenken oder strategisch neu aufzustellen. Doch sollte, bevor bestehende Netzwerke gekappt, bevor bestehende Strukturen und Kooperationen abgeschafft werden, seitens der Geschäftsführung überhaupt ein Konzept entwickelt worden sein für einen solchen Schritt.

Herr Nakschbandis überhastete Entscheidung wirkt jedoch unkoordiniert und nicht zu Ende gedacht. Auch in Anbetracht des verhältnismäßig geringen Fördervolumens von rund 100.000 Euro im Verhältnis zum Etat von rund 35.000.000 Euro sind wir davon überzeugt, dass es die falsche Stelle für Einsparungen ist. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass dieses Geld vorhanden ist, für die Förderung bereitgestellt wurde, doch einfach nicht abgerufen werden soll.

Trotz der verhältnismäßig geringen Summen handelt es sich jedoch um Geld, das für die Förderung des Hörspielnachwuches, von Featureproduktionen und des künstlerischen Hörspiels dringend benötigt wird. Die Förderbeträge sollten also nicht ungenutzt bleiben.

So sind in den vergangenen Jahren zahlreiche durch die Film- und Medienstiftung geförderte Hörspiele und Hörspielserien sowie Features mit dem deutschen Hörspielpreis, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst, dem Karl-Sczuka-Preis oder dem Prix Europa ausgezeichnet worden, um nur einige der Auszeichnungen und Projekte zu nennen: DESIRE, Die Freiheit der anderen und Schreiben im Untergrund. Und wieder ist ein gefördertes Projekt für den Prix Italia nominiert. Auch sind in den vergangenen Jahren durch die Förderung erfolgreiche Kulturveranstaltungen wie das Openair-Festival Hörspielwiese Köln entstanden, dessen Förderung ebenfalls eingestellt worden ist.

Wenn das Hörspiel wirklich zur DNA der ARD gehört, wie Sie Herr Gniffke als ARD-Vorsitzender des Öfteren gesagt haben, gehen wir davon aus, dass die Abschaffung der Hörspielförderung nicht im Interesse des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder privaten Rundfunks sein kann. Darüber hinaus verstößt die Abschaffung der Hörspielförderung dem Vernehmen nach auch gegen den Gesellschaftsvertrag. Daher bitten wir Sie, die Gesellschafter und Geldgeber sowie Aufsichtsräte der Film- und Medienstiftung NRW ausdrücklich darum, den neuen Geschäftsführer Walid Nakschbandi aufzufordern, die bestehende Förderung fortzusetzen, die bereitstehenden Gelder ihrem Zweck zukommen zu lassen und die vorhandene Kompetenz der sich lange Jahre um das Hörspiel verdient gemachten Mitarbeiter:innen in neue Konzepte mit einfließen zu lassen, statt diese wertvolle Wissensressource und das bestehende Fördernetzwerk einfach zu kappen und Jahrzehnte erfolgreicher Arbeit zunichte zu machen.

Dies, wohlgemerkt, ohne ein neues Förderkonzept erarbeitet zu haben.

Mit diesem Brief appellieren wir an Sie, dafür Sorge zu tragen, dass

  • die bestehende Hörspielförderung fortgesetzt wird,
  • bestehende Kooperationen fortgeführt und
  • bestehende Förderprojekte weiter betreut werden,
  • das Hörspielforum NRW weiterhin stattfindet
  • und die sich um das Hörspiel verdienten Mitarbeiter:innen weiterbeschäftigt werden.

Mit herzlichen Grüßen,

die Unterzeichnenden

 

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