Neues aus Kalau

Judith Stadlin/Michael van Orsouw: Buus Halt Waterloo (CH-4463; D-83527; D-19357).

Ein Hörspiel in neun Haltestellen, ein Hörspiel, das die Landkarte schrieb

RBB Kulturradio, Fr 14.12.2012, 22.05 bis 23.57 Uhr

„Kleine Geschichten vom Reisen (D-69488), von Geldern (D-47600) und von der Liepe (D-14715)“ – so war eine Kurzhörspielserie mit dem selbstironischen Obertitel „Vill Lachen Ohnewitz“ angekündigt worden, die 2010 zum Hörspiel des Monats September gewählt wurde (vgl. FK 40/10). Die Serie stammt vom Autorenduo Judith Stadlin und Michael van Orsouw. Zuvor war deren Kurzhörspiel „Vehlgast Klaus“ für den ARD-Wettbewerb „Premiere im Netz“ nominiert worden. Nun gibt es von Stadlin und van Orsouw erstmals ein Langhörspiel, das, zumindest im der RBB-Programmbroschüre, merkwürdige Buchstaben- und Zahlenkombinationen im Untertitel trägt: „CH-4463; D-83527; D-19357“. Versprochen wird „ein Hörspiel in neun Haltestellen, ein Hörspiel, das die Landkarte schrieb.“

Allen drei Hörspielproduktionen ist eines gemeinsam: In ihnen werden weder Verben noch Adjektive benutzt, Artikel und Pronomina wie auch Adverbien und Präpositionen sucht man vergebens. Die gesamte Semantik lastet auf einer einzigen Wortklasse: den Eigennamen von Ortschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dass daraus überhaupt ein verständlicher Text werden kann, liegt an zweierlei: an der Regeln von Grammatik und Syntax, die die Autoren befolgen, und an der Spielfreude der Schauspieler, die aus dem substantivischen Wortverhau ohne die Möglichkeiten von Deklination oder Konjugation eine sinnvolle Konversation machen.

Den dramaturgischen Überbau des 52-minütigen Stücks „Buus Halt Waterloo“ bildet eine Busfahrt mit einem farbigen Fahrer („Jordan Istha Einum Schwarz Manning; Seinen Gross Elterlein Cham Vonz Amerika“). Der bekommt natürlich Ärger mit einem Nazi-Rüpel („Gross Kahl Pfunds Manning. Heissen Kalle Glatzöd“). Eine alte Frau, ein junger Türke, zwei Zwillingsschwestern, ein Obdachloser, ein Apokalyptiker („Welt Ende Istha Nahe!“), eine Bankerin („Einen Dahme Wien Heidick Klump!“), zwei Fahrkartenkontrolleure und eine Erzählerin (genauer eine „Erl Zellers Inn“) komplettieren das Ensemble.

Die Reise geht von Bahnhof (D-29465) über Obdach Losenheim (A-8742; A-2734), Kasernen (D-88276) und Spithal (D-29468) nach Waterloo (D-37130) – sprechende Namen, allesamt. Nur das Städtchen Calau (sorbisch: Kalau) braucht nicht vorzukommen, weil die Heimstatt des Kalauers allgegenwärtig ist. Gut fluchen lässt es sich mit deutschen Ortsnamen übrigens auch: „Heiligendamm!“ Im Prinzip funktioniert dieser experimentelle Umgang mit der Sprache auch im Medium der Schrift, allerdings nur, wenn man mit innerer Stimme liest. Denn anders als beispielsweise in dem radikal „ferainfacten doitsh“ aus Zé do Rocks Roman „fom winde ferfeelt“, das sich wesentlich über die Schreibung vermittelt, ist „Buus Halt Waterloo“ auf die akustische Wahrnehmung angelegt – auch wenn das Endergebnis, eine Art Pidgin-Deutsch, ähnlich ist.

Unter der Regie von Regine Ahrem geben Katharina Stemmberger, Carmen Maja Antoni, Thilo Werner, Lars Rudolph und viele andere in einer unterhaltsamen Komödie den Ortsnamen ihre doppelte Bedeutung zurück – und Kalle Glatzöd bekommt am Ende selbstverständlich ordentlich was auf die Mützen (D-29459).

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 51-52/2012

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