Nach dem Kipppunkt
In Andreas Jungwirths Hörspiel „Im Visier“ verliert ein Lehrer durch neue Gesetze und wachsendes Misstrauen seine Existenz. Eine beklemmende Dystopie über Angst, Ausgrenzung und Entsolidarisierung.
Andreas Jungwirth: Im Visier
MDR Kultur, Mo, 05.01.2026. 20.00 bis 21.00 Uhr
Rund um die Landtagswahl in Thüringen 2024 hat Schorsch Kamerun auf dem Weimarer Theaterplatz sein Hörspiel „Bevor wir kippen“ gemacht, in dem vorsichtig der gesellschaftliche Stimmungsumschwung thematisiert wird (Kritik hier). Im September 2026 finden nun in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen statt, bei denen laut Umfragen die vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsexremistisch“ eingestufte Alternative für Deutschland (AfD) mit Abstand an der Spitze liegt. Der Hörspielautor Andreas Jungwirth aus Österreich, wo man schon Erfahrungen mit rechtspopulistischen Landesregierungen gemacht hat, beschreibt in seinem 60-minütigen Stück „Im Visier“ für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) die Welt nach diesem Kipppunkt.
Sein Protagonist, der seit 25 Jahren als Lehrer tätige David (André Kaczmarcyk), wird zum Direktor (Stephan Grossmann) zitiert, weil er in einer Probe von Shakespeares „Wie es euch gefällt“ mit seiner Theater-AG von seiner pubertären Schwärmerei für George Michael erzählt hatte. Es ging um die Frage, warum die Figuren nicht über das reden können, was sie empfinden. „Weil sie keine Worte dafür haben“, war seine Antwort. Er erklärt dies am Beispiel des Wortes „schwul“, das er zu seiner Schulzeit nur als Beleidigung kannte. Die Schüler haben das aufgezeichnet und irgendwie ist die Aufnahme zum Schuldirektor gelang, der daraufhin David entlässt – mit der schwachen Hoffnung, ihn in einem halben Jahr möglicherweise wieder einstellen zu können. Denn seit der letzten Wahl hat sich einiges radikal geändert.
Inzwischen gilt ein Gesetz gegen „Propaganda für Homosexualität“ nach russischem Vorbild. Auch sonst hat sich der Wind gedreht: für David, der mit einer türkischstämmigen Sportskanone Vedran (Bozi Kocevski) zusammenlebt, und für dessen Schwester Alma (Ruzica Hajdari), eine Anwältin, die sich für Asylbewerber einsetzt. Obwohl beide seit zwanzig Jahren deutsche Staatsbürger sind, bekommen sie eine offizielle „Registrierungsaufforderung zur Qualitätssicherung des Zusammenlebens“ von der Einwanderungsbehörde.
Entsolidarisierungen
Wir befinden uns also genremäßig in einer gesellschaftspolitischen Dystopie. Doch so genau die Verhältnisse beschrieben werden, so grob ist die Dramaturgie. Natürlich hat Vedran die Rechten (“die Vaterlandspartei“) gewählt, die ihn jetzt seiner Rechte berauben. Und klar hat Max (Uriel Jung), ein ehemaliger Schüler von David, den er an einem inzwischen verwaisten Schwulentreffpunkt trifft, Angst vor Ausländern. Doch diese Widersprüche tragen nicht zur Komplexität der Charaktere bei, sondern dienen lediglich als Motivationen für gegenseitiges Misstrauen. Jeder wittert Verrat, David wähnt sich von seinen Schülern in eine Falle gelockt und traut auch Max zu, ihn verraten zu haben, nachdem er von der Polizei aufgegriffen wurde und man ihm in der Haft übel mitgespielt hat. Es sind diese Entsolidarisierungsprozesse, die das eigentlich Gespenstische dieses Stücks ausmachen.
Doch Andreas Jungwirth meint, noch einen draufsetzen zu müssen, indem er eine erneute Konfrontation zwischen David und seinem Schuldirektor inszeniert, in der David mit einem KI-generierten Video einer pädophilen Handlung konfrontiert wird. Einen Zweck hat die Drohung mit der Veröffentlichung des gefälschten Videos nicht, denn Davids berufliche Existenz ist bereits zerstört. Die Figur des Direktors wird aber so ins allwissend Dämonische übersteigert, was der Geschichte nicht guttut. Ebenso wenig plausibel ist Davids Rachefantasie gegenüber Max, der nun wirklich das schwächste Glied in der Kette ist.
In der Regie von Steffen Moratz hat Hans Platzgumer einen Soundtrack komponiert, der die permanente unterschwellige Bedrohung fühlbar macht – und die ist alles andere als unplausibel, nicht nur im Sendegebiet des MDR.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 08.01.2026

Schreibe einen Kommentar