Mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten

Armin Chodzinski / Nis Kötting: Dr. C.’s Conversationslexikon. Eine ökonomische Radiofeature-Reihe mit und ohne Publikum

SWR 2, sonntags 6.9., 13.9., 20.9. und 27.9.2015, jeweils 14.05 bis 15.00 Uhr

In der Live-Aufführung von Walter Filz’ Dokumentarpassionsspiel „Pieta Piëch“ (vgl. FK 5-6/13) über den früheren VW-Chef Ferdinand Piëch sah man Dr. Armin Chodzinski in seinem lachsfarben Zweireiher auf der Bühne in Karlsruhe. Dort erklärte er die Zusammenhänge von Industrie- und Wirtschaftsentwicklung. Person und Rolle waren da weitgehend identisch. Der Doktortitel ist echt, Chodzinski hat in Anthropogeographie promoviert und als Unternehmensberater gearbeitet. Vor allem aber ist er bildender Künstler.

Armin Chodzinski als Dr. C.

Armin Chodzinski als Dr. C. Bild. Armin Chodzinski.

In „Dr. C.’s Conversationslexikon“, das der SWR als eine „Radio-Revue-Reihe zur Therapie grassierender Ahnungslosigkeit“ angekündigt hat, gibt Armin Chodzinski wieder den etwas verkrampften Privatgelehrten im lachsfarbenen Anzug. Als Vortragender breitet er die Schätze seines Wissens aus: sprunghaft und assoziativ, eine Wunderkammer voller Pretiosen, die nebeneinander funkeln und deren Kontext sich erst im Kopf des Hörers herstellen muss. Für seine vierteilige Radio-Revue bedient sich Chodzinski zusammen mit dem Musiker Nis Kötting einer kürzlich ausgestorbenen Form der funktionsgeleiteten Wissensvermittlung – des Konversationslexikons. Wer in den Salons des 18. und 19. Jahrhunderts mitreden wollte, brauchte ein breit gestreutes Basiswissen, wie es sich beispielsweise ab 1796 in Löbels und Frankes „Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten“ finden ließ, das später vom Verleger F.A. Brockhaus übernommen wurde.

Ebenso wie seine Vorläufer erhebt „Dr. C.’s Conversationslexikon“ keinen Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit, im Gegenteil, es enthält nur vier Buchstaben und Begriffe: G wie Geld, S wie Schulden, W wie Wachstum und E wie Effizienz. Dafür bedient es sich der von Brockhaus einführten Verweispfeile, die im digitalen Zeitalter als Hyperlinks in die Welt des Internets führen. Denn „Dr. C.’s Conversationslexikon“ ist – ähnlich wie Andreas Bicks Feature „ </pasted> Wir sind die Zukunft der Musik“ (vgl. FK 42/12) – ein crossmediales Projekt. Ein eingebundenes Video von Mario Adorf als Dr. Haffenloher aus Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ (ARD/WDR) gehört ebenso zum Gegenstand der Konversation, wie ein Milton-Friedman-Chor, der einen Text des neoliberalen Wirtschaftstheoretikers singt.

„Dr. C.’s Conversationslexikon“ ist kein konventionelles Erklärstück, sondern funktioniert als eine Art Gedankenflug, der sich von einer Basisdefinition aufschwingt, um dann in ganz andere Gefilde abzuheben. Ein Beispiel: Vom Ursprung des Geldes, wie ihn der „Brockhaus“ beschreibt – „Das lateinische Wort pecunia (Geld) wird in der Regel auf pecus (Vieh) zurückgeführt; es weist auf den sakralen Ursprung des Geldes als den Ersatz des Opfertieres hin, das auf der Münze abgebildet wurde“ –, geht es gleich zur „Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel: „Es scheint, als ob selbst das nutzbarste Objekt, um als Geld zu funktionieren, auf seine Nützlichkeit verzichten müsste. […] Wenn zum Beispiel in Abessinien besonders zugeschnittene Stücke Steinsalz als Scheidemünze kursieren, so sind sie doch eben Geld nur dadurch, dass man sie nicht als Salz gebraucht.“ Und schließlich wird dann im Rückgriff auf Kant „Geld als allgemeines Mittel, den Fleiß der Menschen gegeneinander zu verkehren“, bezeichnet. Eine Vorstellung aus einer Zeit, als Geld noch keine Ware war, die den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen um ein Mehrfaches übersteigt.

Dabei geriert sich Chodzinski nicht als platter Kapitalismuskritiker, denn alles in allem hält er Geld für eine gute Sache: „Geld ist ein abstraktes Verhältnis, auf das wir uns einlassen, um näher zusammenzukommen! Geld ermöglicht es, sich als Fremde zu begegnen und das auch zu bleiben.“ Geld ist also ein Mittel zur Vergesellschaftung, nicht zur Vergemeinschaftung. Geld ermöglicht zugleich Anonymität und Privatsphäre, Nähe und Distanz, Kommunikation und Konversation, weil es das Individuum von allerlei Zumutungen entlastet, die Gemeinschaften so mit sich bringen. „Geld ist Freiheit“, wusste schon DDR-Dramatiker Heiner Müller, dem man wenig Sympathie für den Kapitalismus nachsagen kann.

Wie (Offline-)Konversation heute funktioniert, hat Armin Chodzinski mit einem selbstironischen Running Gag ans Ende jeder Folge gesetzt: Dr. C. trifft in einer Kneipe seine Freunde, die es wieder mal nicht zu seinem Vortrag geschafft haben. Da haben sie was verpasst.

Jochen Meißner– Medienkorrespondenz 20/2015

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