Hörspiel des Monats August 2021

Die Arbeit an der Rolle

von Noam Brusilovsky und Lucia Lucas

Regie: Noam Brusilovsky
Dramaturgie: Andrea Oetzmann
Produktion: SWR
Länge: 52:07
Ursendung: SWR 2, 15.08.2021

Die Begründung der Jury

Singen lernen bedeutet, die eigene Stimme kennenzulernen. Ist die Tonlage hell oder dunkel, weiblich oder männlich? Wie sehr ist eine Stimme geschlechtlich konnotiert? Mit diesen Fragen haben sich Theater- und Hörspielregisseur Noam Brusilovsky und Sängerin Lucia Lucas beschäftigt und ein vielschichtiges Hörspiel entwickelt, das rund um Mozarts Oper „Don Giovanni“ mit echten Überraschungsmomenten aufwartet. In „Die Arbeit an der Rolle“ beschreibt Lucia Lucas die Ausbildung ihrer eigenen Stimmlage sowie ihren beruflichen Werdegang, der sie 2009 von Oklahoma nach Deutschland an verschiedene Opernhäuser führte. Allerdings hört man dies alles eine männliche Stimme erzählen. Warum? Lucia Lucas singt auch nicht die Rolle der Donna Anna, sondern die des Titelhelden Don Giovanni, den Prototypen des männlichen Verführers. Wie sehr sich vorgefertigte akustische Bilder beim Hören manifestieren, wird erst klar, als sich Lucas als Trangsgendersängerin vorstellt, ein weiblicher Bariton, der ungeachtet ihrer geschlechtlichen Identität eine klassische Männerstimmlage beherrscht und praktiziert.

Dieser spannende Aspekt aktueller Identitätsdiskurse ist Kern eines raffiniert gebauten Hörspiels, das sich atmosphärisch und szenisch herleitet aus E.T.A. Hoffmanns Novelle „Don Juan“, in dem sich ein auf Reisen befindlicher Opernliebhaber im Hotel auf seinen „Don Giovanni“-Besuch vorbereitet. Dieses historische Setting voller Vorfreude auf das Hörvergnügen wird immer wieder verschnitten mit der Gegenwart: mit Lucas‘ Erzählung, mit Reflexionen von Gesangslehrer*innen und internationalen Musiker*innen. Im Sprachengewirr bildet sich nicht nur eine Vielfalt an charaktervollen Sprechstimmen ab, sondern mischen sich auch übende Gesangsstimmen darunter und plötzlich auch ein ++Computerspiel-Sound, der das Spiel „World of Warcraft“ und dessen Zusammenbauen individueller Heldenfiguren analog zu Lucas‘ Identitätsfindung im realen Leben lesbar macht. Man könnte sie eine „Heldenbaritonistin“ nennen. Ein Kritiker bezeichnete sie als „Baritonesse“. Das Hörspiel besticht nicht nur durch seine spannend entschlüsselte Dramaturgie und eine sonst wenig beachtete Thematik, sondern hält ausgehend von Lucas‘ „Don Giovanni“ auch viel Wissen über klassische Stimmausbildung und Gesangspraxis bereit. Die einigermaßen eng definierten Rollenfächer (der Heldenbariton eignet sich beispielsweise für die Figuren böser Väter oder beleidigter Liebhaber) sind ein ideales Anschauungsfeld bzw. Hör-Feld, um Identitätsschablonen zu diskutieren und aufzubrechen.

Das Hörspiel des Monats wird am 2.10.2021 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Andreas Ammer: Ich Mensch zu fliegen such
DLF, keine Nominierung
DLF Kultur, Thomas Köck: Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr
HR, Magda Woitzuck: Xerxes und die Stimmen aus der Finsternis
MDR, keine Nominierung
NDR, keine Nominierung
RB, Bürster: Luzies Erbe
RBB, Hermann Bohlen: Hahnenkampf in Quitzow
SR, keine Nominierung
SWR, Noam Brusilovsky, Lucia Lucas: Die Arbeit an der Rolle
WDR, Fehling: Geheime Kommandosache
ORF, keine Nominierung
SRF, keine Nominierung

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