Hörspiel des Monats August 2019

In Stanniolpapier

nach einer wahren Begebenheit
von Björn SC Deigner
Regie: Luise Voigt
Komposition: Friederike Bernhard
Dramaturgie: Manfred Hess
Produktion: SWR
Länge: 50:37
Erstsendung: SWR 2, 18.08.2019

Die Begründung der Jury

Björn SC Deigner liefert mit seinem unkonventionellen Hörspiel „In Stanniolpapier“ (SWR 2019) eine quälend einprägsame Milieustudie, beruhend auf einer realen Begebenheit. Er stellt das Leben der Prostituierten Maria (gespielt von Josefin Platt) als biographische Negativspirale dar. In extrem verstörender Weise fokussiert das Hörspiel mit hoher Intensität Sequenzen eines Lebens im freien Fall zwischen Ausbeutung und Selbstausbeutung vor dem Hintergrund roher Gewalt im Rotlichtmilieu. Selbst in Extremmomenten auf dem Straßenstrich suggeriert Maria einen pragmatischen Optimismus ohne Aussteigervisionen, indem sie paradoxerweise das Leben zwischen bürgerlichem Schein und nächtlichem Sein zu akzeptieren und für gut zu befinden scheint.

Die selektive Selbstwahrnehmung der Protagonistin reicht bis zur Auslöschung ihres Anspruchs auf Selbststimmung durch Unterwerfung unter den Willen ihres Zuhälters. Dies wird durch die beeindruckende schauspielerische Leistung von Josefin Platt zum eindringlich-bedrückenden Hörerlebnis: Das Hörspiel bestürzt, irritiert, rüttelt auf. Die Regieleistung von Luise Voigt ermöglicht einen Eindruck von der ‚Herzenskühle‘ Marias zwischen Schutzmechanismus und Abstumpfung durch den Wechsel der Inszenierungsebenen: Relativ neutrales Erzählen wandelt sich ins Sprechen realer Szenen aus dem Alltag der Prostitution und mündet durch kurze Soundtransitions fließend im Modus des uneigentlichen Sprechens in kaltes, fast emotionsloses Kommentieren des bislang Erlebten.

Höchst beeindruckend ist die konzentrierte Souveränität, mit der die einzige Sprecherin der Produktion, Josefin Platt, Mitglied des „Berliner Ensembles“, diese Ebenen zusammenführt und zwischen verschiedenen Rollen wechselt. „In Stanniolpapier“ bietet – unterstützt durch Momente inszenierter Stille – die Chance zur Reflexion über die Prostitution als dem „ältesten Gewerbe der
Welt“. Ein Hörspiel, das im Gedächtnis bleibt.

Eine lobende Erwähnung spricht die Jury für das Hörspiel „Remainder“ (NDR 2019) von Tom McCarthy aus. Der skurrile Plot – und die damit verbundene Inszenierung eines markanten Lebensmoments – versucht, diesen erlebten Ausschnitt in verschiedenen Reminiszenzen und in immer wieder neuer Weise zu prolongieren: Beeindruckend durch ein variables Setting, das die Produktion zu einem abwechslungsreichen Erlebnis werden lässt.

Die Sendung wird am 02.11.2019 um 20.05 im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Michael Lentz: Hörspiel Hölle
DLF, keine Nominierung
DLF Kultur, Lars Werner: Ich wünschte, ich hätte dich vor dem Internet kennengelernt
HR, Florian Zeller: Vater
MDR, keine Nominierung
NDR, Tom McCarthy: Remainder
RB, keine Nominierung
RBB, Hans Schweikart: Es wird schon nicht so schlimm
SR, Alban Lefranc: Steve Jobs
SWR, Björn SC Deigner: In Stanniolpapier
WDR, Sandra Doedter: False Memory
ORF, Dieter Sperl: Erste Erinnerungen
SRF, keine Nominierung

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