Fintenreiches Schachspiel gegen sich selbst

Joris-Karl Huysmans: Monsieur Bougran in Pension

Deutschlandfunk, Di 18.11.2014, 20.10 bis 21.00 Uhr

Bürokratische Rituale haben ein hohes Komikpotenzial, wenn man sie nur ein wenig aus ihrer angemessenen Umgebung verschiebt. Der Satz „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“ wird erst dann komisch, wenn er von dem gerade entlassenen Einkaufsdirektor eines mittelständischen Unternehmens im Brustton seiner Bedeutung in einem Tante-Emma-Laden geäußert wird – wie in Loriots Kinofilm „Pappa ante portas“.

Einem ähnlichen Verlust der Systemumwelt sieht sich Monsieur Bougran aus Joris-Karl Huysmans Erzählung aus dem Jahr 1888 gegenüber. Man hat den französischen Beamten wegen „moralischer Invalidität“ (nach Artikel 30 einer Verwaltungsverordnung) von seinem Posten im Ministerium entbunden und vorzeitig in Pension geschickt. Offenbar ein übliches Verfahren, um einem Günstling des Ministers einen Posten zu verschaffen.

Der Pariser Romancier Joris-Karl Huysmans (1848 bis 1907) wusste, wovon er redete, war er doch sein Berufsleben lang zwischen Kaiserreich und dritter Republik Beamter im französischen Innenministerium. Seine tragikomische Erzählung über den zwangsweise verrenteten Monsieur Bougran ist erst 1964 gedruckt worden (und damit 76 Jahre nach der Fertigstellung) und 2012 von Gernot Krämer ins Deutsche übersetzt worden. In dem Hörspiel „Monsieur Bougran in Pension“, das nun der Deutschlandfunk ursendete, spielt unter der Regie der Hörspieldramaturgin Elisabeth Panknin, die seit kurzem ebenfalls Pensionistin ist, Jens Harzer den unfreiwilligen Ruheständler.

Was also tun, wenn sich der virtuose Umgang mit allen Floskeln der bürokratischen Rhetorik als überflüssiges Wissen entpuppt? Anders als sein Zeitgenosse Bartleby aus Herman Melvilles Erzählung, dessen Maxime „Ich möchte lieber nicht“ lautet, richtet sich Bougran ein Büro ein. Er will nichts anderes, als weitermachen. Als erstes kauft er sich eine scheußliche Cicorée-mit-Milch-farbene Tapete, um das Büro-Ambiente möglichst genau nachzustellen. Jetzt fühlt er sich wahrhaft zuhause. Von nun an beginnt er, Eingaben an sich selbst zu schreiben und sie mit allen Finessen abzulehnen. Bougrans Alltag besteht aus einem fintenreichen Schachspiel gegen sich selbst. Damit aber wenigstens ein kleines Überraschungsmoment in die Korrespondenz kommt, stellt er seinen früheren Bürodiener Huriot (Friedhelm Ptok) als Laufburschen ein, der die Post verumschlagen und adressieren soll. Bougrans langjährige Haushälterin Eulalie (Barbara Nüsse) ist verständlicherweise erbost, dass er Huriot monatlich 50 Francs bezahlen will – 10 Francs mehr als ihr.

Weil Bougran kein Geschäft aufmachen will, sondern einfach seine „Arbeit“ erledigen will, hält man ihn für verrückt. Heute würde man sagen, dass er durch die Bearbeitung einer selbstgestellten und zweckfreien Aufgabe zum Künstler wird. Eine Bezeichnung, die Bougran sicher ablehnen würde. Denn er liebt doch nur die „herrliche Phraseologie“, die noch auf die Zeit des großen Jean-Baptiste Colbert (der zweihundert Jahre zuvor Finanzminister unter Ludwig XIV. war) zurückgeht und von der die jungen Leute so gar nichts mehr verstehen. Den Höhepunkt an Selbstreflexivität erreicht Bougran, als er seinen eigenen Einspruch gegen seine Pensionierung aus zwingenden Gründen ablehnen muss – und dabei trifft ihn buchstäblich der Schlag.

Bis auf einen Lautsprecherdurchsage, die zu Beginn des 48-minütigen Hörspiels Bougran zu seinem Büroleiter ruft, erlaubt sich die Komposition von zPiao (Albrecht Panknin), die sich immer hörbar diskret im Hintergrund hält, keinerlei Anachronismen. Das ist auch gut so, denn die feinen Unterschiede zwischen französischer und deutscher Bürokratie, lassen sich nicht verlustfrei nivellieren, wie die missglückte Übertragung von Mariannick Bellots gegenwärtige Büro-Groteske „Le Bocal“ / „Das Fischglas“ (vgl. FK 45/10) gezeigt hat.

Als 2012 hierzulande Huysmans kleine Erzählung in der deutschen Übersetzung erschien, feierte ihn die begeisterte Literaturkritik als Vorläufer Proust, Canettis und gar Kafkas. Einen wahren Nachfolger hat Monsieur Bougran im Hörspiel gefunden, nämlich in der Figur des Alexanders aus Hermann Kasacks Funkdichtung „Eine Stimme von Tausend“ aus dem Jahr 1932. Auch der findet erst seine Erlösung, als er den apotheotischen Schlusssatz sprechen darf: „Ich bin auf dem Weg ins Büro, ich bin auf dem Weg zu mir.“ Wo Kasack seine Hauptfigur gleichsam in den Himmel hebt, lässt Huysmans Bougrans Existenz tragisch enden und nur noch die missgünstige Haushälterin und den versoffenen Laufburschen um seinen Nachlass streiten. Die Bürokratie aber wird bestehen bleiben – ein tröstlicher Gedanke?

Jochen Meißner – Funkkorrespndenz 27/2014

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