Ein Toter und eine Glückskeksweisheit

Annalisa D’Innella: Der Mann, der auf die Erde fiel

WDR 5, Di 04.08.2015, 21.00 bis 22.00 Uhr

Mit Titeln ist das manchmal so eine Sache. Vielleicht hätte sich die britische Fernsehautorin Annalisa D’Innella für ihr erstes Originalhörspiel „The man who fell to earth“, das im November 2014 von der BBC urgesendet wurde, einen anderen Titel aussuchen sollen. Nicht unbedingt, weil es 1976 einen gleichnamigen Science-Fiction-Film mit David Bowie in der Titelrolle gab – mit dem hat D’Innellas Hörspiel überhaupt nichts zu tun –, sondern weil sich schon 2013 Rob Walker in seinem gleichnamigen BBC-Hörspiel mit dem authentischen Fall eines Mannes auseinandersetzte, der am 9. September 2012 aus dem Fahrwerksschacht eines Flugzeugs fiel und auf einer Straße im westlichen London aufschlug. Später fand man heraus, dass es sich bei dem Toten um den mosambikanischen Staatsbürger Jose Matada gehandelt hatte, der über Angola nach England emigrieren wollte.

Karin Hutzler hat Rob Walkers BBC-Hörspiel unter dem deutschen Titel „Der Mann, der vom Himmel fiel“, für den SWR adaptiert (Ursendung: 5.5.15). Dass man im Englischen auf die Erde fällt, während im Deutschen etwas oder jemand vom Himmel fällt, also einerseits die Finalität und andererseits der Ursprung des Falls betont wird, hat inszenatorisch keine Auswirkungen.

In Annalisa D’Innellas nun vom WDR produzierten 53-minütigen Hörspiel „Der Mann, der auf die Erde fiel“ ist der Aufschlag des Schwarzafrikaners auf der von ihr bezeichnenderweise „Arcadia Avenue“ genannten Straße nur der Auslöser für ein Porträt der britischen Upper Middle Class. Da gibt es den jungen Möchtegern-Krimiautor Giles (gespielt von Tom Schilling), der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, seine Freunde mit Drogen zu versorgen. Da ist Mel (Laura Maire), die von ihren zwei Kindern überforderte Hausfrau mit Tendenz zur Wohlstandsverwahrlosung, die aufgrund der medialen Verbreitung des schrecklichen Ereignisses um den Wiederverkaufswert ihres Hauses fürchtet, während ihr Mann die Ersparnisse schon mit Online-Glücksspiel verzockt hat. Und da ist die ungewollt kinderlose und depressive Rachel (Effi Rabsilber), die ihre Hoffnungen auf ihren Yoga-Lehrer setzt. Eine gutbürgerliche Nachbarschaft mit gut abgepolsterten Lebensläufen also, die nur locker miteinander verknüpft sind.

Weil in diesem Hörspiel also nicht drin ist, was draufsteht, beziehungsweise weil Annalisa D’Innella mit der Differenz zwischen Erwartungshaltung und Ergebnis spielt, inszeniert Regisseurin Annette Kurth das Stück ebenso an dieser Differenz entlang. Man braucht nie den Eindruck zu haben, dass das Londoner Arkadien eigentlich eine Hölle ist, was angesichts des Schicksals des zu Tode gekommenen Afrikaners ja auch lächerlich wäre.

Durch die hochkarätige Besetzung bekommen die Charaktere einige Plastizität, was natürlich auch an der britischen Tradition des Storytellings und der geschickten Figurenzeichnung liegt. Man hört Tom Schilling, Laura Maire und Effi Rabsilber gerne die 53 Minuten des Hörspiels zu und kann sich gleichzeitig der Gleichgültigkeit, mit der ihre Figuren Giles, Mel und Rachel auf das Unglück eines „Wirtschaftsflüchtlings“ reagieren, kaum entziehen. Deren Haltung ist letztendlich: „Keep calm and carry on“. Der Laucke-Verlag (als D’Innellas Rechtevertreter) hat „Der Mann, der auf die Erde fiel“ als ein Hörspiel „über die universale Tendenz, uns auf das zu fokussieren, was uns fehlt, anstatt auf das, was wir haben“ annociert. Das hätte Rachels Yoga-Therapeut genauso sagen können. Mehr als diese vom Himmel gefallene Glückskeksweisheit bleibt von diesem Hörspiel dann auch nicht übrig.

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 17/2015

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