Ein nicht verhallendes Echo
Ein verlassenes Haus, ein nicht verhallendes Echo und Eltern in ovidischen Metamorphosen: Hofmann&Lindholms Hörspiel „Gerechte Strafen“ verschränkt Märchen, Zeitgeschichte und Klangkunst zu einer unheimlichen Geschichte über das Erwachsenwerden der alten Bundesrepublik.
Hofmann&Lindholm: Gerechte Strafen.
Coming-of-Age einer Republik Oder: Ein Märchen
DLF, Di, 08.09.2026, 20.05 – 21.00 Uhr
DLF Kultur, Mi, 09.09.2026, 22.05 – 23.00 Uhr
Ein verlassenes Haus, ein Mann, der nur noch ein Bein und ein schlechtes Gewissen hat, und ein nicht verhallendes Echo – die Welt des Hörspiel-Märchens „Gerechte Strafen“ von Hofmann&Lindholm ist ein bisschen unheimlich. Vielleicht nicht ganz so unheimlich wie „Göttliche Vergeltung“ von Frieder Butzmann nach Texten des schwedischen Taxonomen Carl von Linné (DLR Berlin 1997) und nicht ganz so brutal wie das „Wintermärchen“ von Gerhard Rühm (WDR 1976) und doch sind die Szenen und Bilder des „Coming-of-Age“ einer Republik durchzogen von einer dunklen Romantik.
Hannah Hofmann (Jahrgang 1971) und Sven Lindholm (Jahrgang 1968) arbeiten in szenischen, akustischen und bildenden Künsten und wurden 2023 für ihr Gesamtwerk mit dem Tabori-Preis ausgezeichnet. Ihre Hörspiele arbeiten oft mit subversiven Strategien wie beispielsweise „diskreten Strategien der Privatisierung von Öffentlichkeit“ in ihrer „Geschichte des Publikums“ (DLR Kultur 2008).
In ihrem aktuellen Coming-of-Age-Märchen spiegelt sich das Erwachsenwerden in den 1970er Jahren mit der politischen Geschichte der alten Bundesrepublik. Allerdings ist es ein Spiegel, wie aus den Bildern des belgischen Surrealisten René Magritte, in dem man sich selbst von hinten sieht. Ähnlich nimmt man die Hörspielerzählung wahr, die zwar einen Ich-Erzähler hat, der sich aber quasi selbst zusieht. Das gesamte sechsköpfige Ensemble, bestehend aus David Vormweg, Michael Kamp, Cathlen Gawlich, Edda Fischer, Manuela Alphons und Gregor Höppner, schaut sich quasi selbst über die Schulter und bildet so einen integralen, selbstbezüglichen Kosmos ab.
Im Hintergrund ein Vordergrund
Es sind immer Doppelfiguren, die durch das Hörspiel von Hofmann&Lindholm geistern. Da sind die Eltern, die verärgert ihre Kinder an einer Autobahnraststätte zurücklassen, um ihnen eine Lektion zu erteilen – mit der erklärten Absicht, an der nächsten Ausfahrt umzudrehen und sie wieder aufzunehmen. Doch die Kinder beschließen auf eigene Faust, nach Hause zurückzukehren, und verirren sich im Wald – Hänsel und Gretel. Ein Geschwisterpaar, das einander Geschichten erzählt – zum Trost.
Da sind die Eltern – unklar, ob es dieselben sind, die von den Göttern gestraft werden, sich in etwas zu verwandeln, das ihnen nicht ähnelt: „Und immer, wenn sie dennoch erkannt würden, müssten sie sich aufs Neue wandeln.“ So verwandeln sie sich in die Stoffe der Mythen und Legenden, in die Wälder der Romantik und schließlich in das Alltägliche, das Nebensächliche, das Banale. Doch sie werden immer wieder enttarnt: „Ein Pedant entdeckte die Gestraften im Detail.“ Sie wurden „Angehörige von Bertolt Brecht“, erhielten einen Namen, der keiner war, verließen mit ihm die Schwarzen Wälder und bewohnten Städte. Am Ende verwandeln sie sich in jenen Hintergrund, der unbemerkt bleibt, wenn Menschen in den Spiegel blicken.
Ähnlich komplex wie die Metamorphosen der Eltern verhält sich das hintergründige und äußerst variable Sounddesign des Hörspiels. Selbst die zitternden Streicher, sonst oft ein einfallsloser Hochkulturmarker, oszillieren zwischen den Polen der Verwandlung. Was sich hier im Hintergrund abspielt, könnte auch der Vordergrund eines Klangkunststückes sein.
Doppelfiguren
Die märchenhaften Elemente sind mit Schilderungen der Alltagswelt eines Ich-Erzählers verschachtelt, der mit seinen Freunden ein leerstehendes Haus durchsucht, ebenso mit Bildern aus einer offenbar kleinstädtischen Nachbarschaft mit Schützenverein, dementer Oma und sozialer Kontrolle. Die Außenwelt kommt als angstbesetzte Fremdheit vor. Den Tod der Ulrike Meinhof nimmt man mit einem Aufatmen zur Kenntnis.
Das politische Emblem für diese Zeit ist wieder eine Doppelfigur: die Journalistin Beate Klarsfeld, die 1968 auf dem Parteitag der Christlich Demokratischen Union das physikalische Phänomen eines nicht verhallenden Echos auslöste, indem sie dem damaligen Bundeskanzler mit NS-Hintergrund eine Ohrfeige verpasste. Es gibt allerdings weder Film- noch Tonaufnahmen des eigentlichen Aktes. Die Gegenfigur ist ihr damaliger Verteidiger, „Spross aus einer Musterfamilie des Dritten Reichs“, Horst Mahler. Einer der Gründer der Terrororganisation „Rote Armee Fraktion (RAF)“. Später wird er seine Kehrtwende zum Rechtsextremismus eine „Entpuppung“ nennen. Auch er verstärkte damit das physikalische Phänomen eines nicht verhallenden Echos bis an sein Lebensende, wie es im Hörspiel heißt.
Die Bezeichnung des Hörspiels als „Coming-of-Age einer Republik“ wäre nur gerechtfertigt, wenn man das eigene Aufwachsen als prototypisch für die Zeitgeschichte auffasst. Verbuchen wir den Untertitel also unter dem Motto „If too perfect lieber Gott böse“. So ist das Hörspiel-Kunstwerk „Gerechte Strafen“ von Hofmann&Lindholm in der komplexen Verknüpfung seiner Elemente auf inhaltlich-politischer, formal-ästhetischer und akustischer Ebene kaum zu übertreffen.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 10.09.20206
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